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19.03.2019

Bei Anruf Betrug: Kriminelle erbeuten viel Geld

Mehr als 1340 betrügerische Callcenter-Anrufe verzeichnete das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West im vergangenen Jahr, mehr als fünfmal so viele wie noch 2017. Zwar fallen nicht wesentlich mehr Menschen auf die Täter herein – trotzdem konnten die Betrüger so mehr als 470 000 Euro erbeuten.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Die Machenschaften von Callcentern machen der Polizei derzeit große Sorgen. Im Bereich des Kemptener Präsidiums erbeuteten die Betrüger im Vorjahr 470 000 Euro. Wo die Täter sitzen und wie sich Bürger schützen können.

Diesen Montag hat es wieder mal geklappt. Betrüger haben bei einem Opfer in Süd-Westschwaben eine fünfstellige Summe ergaunert – ganz einfach über das Telefon. Als Polizeipräsident Werner Strößner am Dienstag in Kempten Journalisten die Zahlen der Kriminalstatistik für das Jahr 2018 präsentiert, hat er auch schon alarmierende Zahlen aus dem laufenden Jahr parat: „Wir verzeichnen bei diesen Betrugsanrufen schon jetzt eine Steigerung um mehr als 100 Prozent. Allein in den vergangenen 24 Stunden haben wir sechs solcher Anrufe im Präsidiumsbereich registriert. Einer davon war erfolgreich.“

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Die Masche der Betrüger wandelt sich dabei – vor einigen Jahren war es vor allem der „Enkeltrick“, bei dem die Täter sich am Telefon den meist älteren Opfern gegenüber als Verwandter ausgaben, der dringend Bargeld benötige. Dieser Trick schien zwar ausgestorben, trete aber in letzter Zeit immer wieder auf, berichtet Leitender Kriminaldirektor Albert Müller. Häufiger jedoch geben sich die Betrüger mittlerweile als Polizeibeamte, Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft oder des Finanzamts aus, die sogar scheinbar von der Notrufnummer 110 oder einer Nummer des Polizeipräsidiums aus anrufen.

Von der Türkei aus werden die Telefonnummern abgearbeitet

Als Ursprungsort der Anrufe hat die Polizei die Türkei ausgemacht. Dort arbeiten offenbar Menschen, die akzentfreies Deutsch sprechen, vorrangig kurze Telefonnummern und Anschlüsse von Menschen ab, die keine modernen Vornamen tragen, und gaukeln ihnen den Anruf einer Behörde vor. Das Ziel: die Opfer dazu bewegen, eine möglichst große Summe Bargeld, aber auch Schmuck oder andere Wertsachen, an einen Mittelsmann zu übergeben. Weil die Adresse angeblich bei einer Einbrecherbande gefunden worden sei, die eigene Hausbank als Aufbewahrungsort nicht sicher wäre oder ein Strafverfahren im Ausland drohe. Die Fantasie der Täter kennt dabei offenbar ebenso wenig Grenzen wie ihr Handlungsbereich. Der erstreckt sich nicht nur auf den deutschsprachigen Raum, auch andere europäische Länder verzeichnen solche Taten.

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In der Region nimmt die Zahl derartiger Anrufe dramatisch zu: 1340 waren es im vergangenen Jahr im gesamten Präsidiumsbereich, davon allein 370 im Landkreis Neu-Ulm und 164 im Landkreis Günzburg. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 registrierte die Polizei 243 Anrufe im gesamten Zuständigkeitsbereich des Präsidiums, davon 42 im Landkreis Neu-Ulm und zwölf im Landkreis Günzburg. Die Täter werden dadurch allerdings kaum erfolgreicher: 2017 funktionierte die Betrugsmasche in 14 Fällen, im vergangenen Jahr waren es 16 Menschen, die auf die Betrüger hereingefallen sind. Der Schaden: insgesamt mehr als 470000 Euro. „In einem Fall lag der Beuteschaden allein bei 165000 Euro“, sagt Albert Müller. „Das ist meistens alles an Geld, das die Leute für ihren Lebensabend aufgespart haben. Teilweise ist es wirklich der letzte Groschen, den die Täter ihnen abnehmen. So etwas wie Mitleid oder Rücksicht gibt es da nicht.“

Die Prävention scheint zu greifen

Die Polizei setzt verstärkt auf Prävention, um potenzielle Opfer zu warnen. Dass trotz der explodierten Fallzahlen kaum mehr Menschen auf die Masche hereinfallen als vorher, wertet Polizeipräsident Strößner auch als Erfolg unter anderem der häufigen Medienberichte zu diesem Thema. An die Urheber kommen die Ermittler aber nur selten heran – ein Callcenter in der Türkei sei im vergangenen Jahr mithilfe von Beamten der Münchner Polizei ausgehoben worden, sagt Strößner. Doch schon wenige Wochen später sei es mit den Anrufen weiter gegangen. Bisweilen schafft es die Polizei auch, die Mittelsmänner abzufangen, die zu den Opfern geschickt werden um als vermeintliche „Polizisten“ Bargeld und Wertsachen abzuholen. Eine solche Festnahme sei beispielsweise im Raum Neu-Ulm gelungen, auch in Kaufbeuren nahm die Polizei zwei Männer fest, die mittlerweile in erster Instanz verurteilt wurden.

Dass nicht jeder, der sich am Telefon als Beamter der Polizei ausgibt, auch einer ist, haben durch die vielen Berichte über die Machenschaften der Callcenter-Betrüger inzwischen auch viele ältere Menschen mitbekommen. Doch für die echte Polizei ist das wachsende Misstrauen bisweilen ebenfalls ein Problem, räumt Strößner ein: „Das Vertrauen in die echte Polizei beginnt durch solche Taten zu bröckeln.“ Diese Tipps hat die Polizei zusammengestellt:

  • Die Polizei selbst ruft niemals unter der Telefonnummer 110 an.
  • Keine Behörde fordert telefonisch Wertgegenstände, Bargeld oder Überweisungen.
  • Gesundes Misstrauen ist keine Unhöflichkeit – genau hinterfragen, skeptisch sein und sich nicht unter Zeitdruck bringen lassen.
  • Mit der Familie oder einer Vertrauensperson über den Anruf sprechen.
  • Nicht die Rückruffunktion nutzen oder von vorgetäuschten Freizeichen täuschen lassen. Auflegen und den Notruf „110“, am besten mit einem anderen Telefon (Mobiltelefon oder Apparat des Nachbarn etc.) wählen.
  • Bei wiederholten Anrufen die eigene Telefonnummer ändern und einen Telefonbuch- oder Interneteintrag unterlassen.

Lesen Sie hier: Polizei stellt Kriminalstatistik vor: So sicher ist die Region

Lesen Sie hier den Kommentar von Rebekka Jakob: So kann die Prävention der Polizei wirken

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