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Landkreis Günzburg

04.01.2019

Bei kriminellen Jugendlichen fängt ihre Arbeit an

Susanne Czudnochowski und Hannes Klampfl betreuen jugendliche Straftäter vor Gericht. Als Teil des Jugendamts haben sie ihre Büros im Landratsamt in Günzburg.
Bild: Bernhard Weizenegger

Wenn junge Menschen Straftaten begehen, kommt die Jugendgerichtshilfe ins Spiel. Die  Sozialarbeiter schauen sich die Menschen hinter den Taten an - und sehen oft Abgründe.

Ungewohnt früh beginnt heute der Arbeitstag von Hannes Klampfl. Schon um 8.20 Uhr muss er im Amtsgericht sein, Sitzungssaal 2.1. Drei junge Männer müssen sich dort wegen Sachbeschädigung verantworten. Sie haben bei Thannhausen eine Gedenkstätte für ehemalige Soldaten verwüstet und zwei Sitzbänke aus ihrer Verankerung gerissen. Noch ein schneller Kaffee im Büro und schon muss Klampfl wieder los. Er ist kein Richter oder Anwalt. Auch als Zeuge ist Klampfl nicht geladen. Er arbeitet bei der Jugendgerichtshilfe, im Amtsdeutsch Jugendhilfe im Strafverfahren (kurz JuHiS) genannt.

Das Jugendgerichtsgesetz (JGG) schreibt vor, dass deutsche Jugendämter Personal speziell zur Betreuung von jugendlichen und heranwachsenden Angeklagten in einem Strafverfahren beschäftigen. Sie sprechen mit den angeklagten Straftätern, beraten die Familien, prüfen erzieherische Maßnahmen und geben ihre Einschätzung auch vor Gericht weiter. Wörtlich heißt es im Gesetzestext: „Die Vertreter der Jugendgerichtshilfe bringen die erzieherischen, sozialen und fürsorgerischen Gesichtspunkte im Verfahren vor den Jugendgerichten zur Geltung.“ Oder, wie Hannes Klampfl es ausdrückt: „Wir fangen unten auf.“

In seinem Büro saßen schon unzählige Jugendliche

Er sitzt jetzt in seinem Büro im Landratsamt in Günzburg, zweiter Stock, Zimmer 244. In diesem Büro saßen schon unzählige Jugendliche. Mehr als 2000 Akten, schätzt Klampfl, haben sich im Laufe der Jahre bereits angesammelt. Jede erzählt eine eigene Lebensgeschichte. „Viele schlagen öfter bei uns auf“, sagt der studierte Sozialpädagoge. „Bei uns landet alles, vom Klauen eines Kaugummis bis zum Mord.“ Zumindest, so lange junge Menschen bis 21 Jahre beteiligt sind. Bis zu diesem Alter gelten Volljährige als Heranwachsende und fallen in der Regel noch unter das Jugendstrafrecht.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Susanne Czudnochowski betreut Klampfl die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von den ersten Ermittlungen bis zur Vollstreckung des Urteils. In ihrer Arbeit, sagen die beiden, gehe es nicht um Bestrafung, sondern um Erziehung. „Oberstes Ziel ist es, dass der Angeklagte nichts mehr anstellt. Um das zu erreichen, müssen wir herausfinden: Wer steht hinter der Tat?“, sagt Hannes Klampfl.

Sie durchleuchten auch die Biografie der jungen Leute

Die Sozialarbeiter führen viele Gespräche mit den Jugendlichen, durchleuchten zudem ihre Biografie, sehen sich die schulische und berufliche Laufbahn, die Familie an. „Die meisten Eltern setzen sich für ihre Kinder ein und versuchen, mit uns zusammenzuarbeiten. Ich habe aber auch schon Eltern erlebt, die ihre Kinder zum Drogen verkaufen geschickt haben. In manchen Familien bin ich verschrien als das Schlimmste, was es gibt“, sagt Klampfl und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er ist überzeugt: „Die brauchen klare Ansagen. Die bekommen sie in ihren Familien oft nicht.“

Weil sich viele Jugendliche keinen Anwalt leisten können, sind Klampfl und Czudnochowski oft auch Rechtsberater. Die oberste Maxime: Zugeben, was passiert ist. Denn das wirke sich immer positiv auf das Urteil aus. An dem, was Staatsanwaltschaft und Richter entscheiden, sind die Jugendhelfer dann maßgeblich beteiligt. Sie empfehlen Maßnahmen, die die Jugendlichen, aus ihrer Sicht, am besten wieder auf die rechte Bahn bringen. „Die Richter hier nehmen uns auch ernst, das ist nicht bei allen Kollegen so“, sagt Hannes Klampfl.

Das Gesetz bietet viele erzieherische Möglichkeiten

Anders als bei Erwachsenen bietet das Gesetz viele erzieherische Möglichkeiten: Gerichtlich angeordnete Betreuung, Therapien, Arbeitsstunden, ein Täter-Opfer-Ausgleich durch Geldzahlung oder Freizeitarrest können den jungen Straftätern helfen, ohne gleich ihr komplettes Leben auf den Kopf zu stellen. Ein geregeltes Leben und ein solides Umfeld seien das Wichtigste, das zeigen auch zahlreiche Studien.

Im Rahmen einer sogenannten Diversion können solche erzieherischen Maßnahmen sogar von der Staatsanwaltschaft ohne Gerichtsverfahren verhängt werden. „Es ist einfach wichtig“, sagt Susanne Czudnochowski, „dass sie die Konsequenzen ihrer Taten spüren. Und das möglichst zeitnah, bevor sie in ihrer Entwicklung schon wieder ganz woanders sind.“ Dass Jugendliche sich in der Pubertät auch einfach ausprobieren wollen, naiv an vieles herangehen und oft auf dumme Ideen kommen, sei normal. „Das zieht sich durch alle Schichten“, betont Hannes Klampfl.

Auch Marihuana ist eine gefährliche Droge

Alkohol und Drogen spielen oft eine große Rolle. Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung und gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr führen die „Hitliste“ an. Oft werden die Taten unter Einfluss diverser Substanzen begangen. Auch, weil sie leicht zu bekommen sind, sagt Klampfl. „Crystal, Ecstasy, aber auch Medikamentenmissbrauch tauchen immer wieder auf. Besonders gefährlich sind auch diese Legal Highs, Kräutermischungen oder Badesalz.

Das ist Russisches Roulette, man weiß nie, was drin ist.“ Auch Marihuana hält der erfahrene Pädagoge für durchaus gefährlich. „Es ist eine hohe Potenz an THC auf dem Markt, dem berauschenden Wirkstoff. Das kann massive Schäden anrichten, Psychosen etwa.“

Viele Probleme nehmen im Internet ihren Anfang

Besorgen lassen sich die gefährlichen Stoffe problemlos über das Internet. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Susanne Czudnochowski am liebsten ein Smartphone-Verbot bis 21 Jahre durchsetzen würde. Ob es das sorglose Verschicken von Nacktfotos ist, der ungehinderte Zugang zu brutalsten Bildern aus den Abgründen der Menschheit oder Mobbing über die sozialen Netzwerke: Vieles nimmt im Netz seinen Anfang, was irgendwann im Büro der Jugendgerichtshilfe endet.

„Die jungen Leute verstehen diese Probleme oft gar nicht. Dass Hemmschwellen fallen, dass Grenzen nicht respektiert werden. Die Emotionalität bei krassen Bildern fehlt und das wird dann in die Realität übertragen“, sagt Czudnochowski. „Die Technik entwickelt sich so schnell, dass die Kinder meistens fitter sind als die Eltern. Und selbst wenn, könnten sie die Kinder ohnehin nicht schützen. Das Internet ist nicht kontrollierbar.“ Prävention sei der einzige Weg, am besten über die Schulen.

Ein Fall aus Krumbach hat sie besonders mitgenommen

Was die beiden Jugendhelfer in ihren zusammen 45 Berufsjahren schon alles mitgemacht haben und wissen, wovon sie sprechen, merkt man im Gespräch. Trotzdem, sagen sie, gebe es immer noch Fälle, die sie besonders mitnehmen. Etwa der 17-Jährige, der im vergangenen Jahr in Krumbach einem anderen mit einem Messer in den Hals stach. Er war vorher nie auffällig gewesen. „Wir versuchen aber, nichts mit nach Hause zu nehmen“, sagt Hannes Klampfl. Er weiß, wovon er spricht. Vor einem Jahr hatte er im Büro einen Herzinfarkt. Der Stress. Jetzt lässt er es ruhiger angehen.

Dennoch, der Job ist beiden wichtig. Wenn Susanne Czudnochowski von „ihren“ Jugendlichen spricht, merkt man: Es ist für sie auch eine persönliche Verantwortung. Und die Zahlen geben ihnen recht. „Etwa 90 Prozent schaffen es in eine gute Richtung“, sagen sie. „Einer war neulich da, nur um ganz stolz sein neues Auto zu zeigen.“ Dafür hetzt man dann gerne auch frühmorgens ins Gericht.

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