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03.03.2017

Bloß nicht aggressiv reagieren

Wie geht man mit Menschen um, die radikale Ansichten haben? Wie kann ich sie aus ihrem Tunnelblick locken oder selbst meinen Tunnelblick vermeiden? Ein Experte hat in Krumbach einen Vortrag gehalten und Tipps gegeben.
Bild: Lukas Schulze, dpa

Ein Fachmann erklärt, wie Gespräche auch dann gelingen, wenn Konflikte eigentlich unvereinbar sind. Und er gibt Tipps, wie der Tunnelblick vermieden werden kann.

„Warum machst du was für die? Mach doch mal was für uns…“, zitiert Simone Kastner aus einem Brief, den sie kürzlich erhalten hat. Zustimmendes Gemurmel. Vermutlich jeder der 40 Gäste im Krumbacher Gasthof Munding ist bei seiner Arbeit in der Flüchtlingshilfe mit solchen oder ähnlichen Vorwürfen konfrontiert worden. Wie umgehen mit populistischen Plattitüden und Stammtischparolen? Die Vorsitzende der Flüchtlingshilfe Krumbach hat zu diesem Thema den akademischen Oberrat des Lehrstuhls für Pädagogik an der Universität Augsburg eingeladen.

Wie ein kleinkarierter Spießer sieht Christian Boeser-Schnebel nicht aus. Seine Lebensgefährtin hat ihn aber tatsächlich schon einmal so genannt. Mit charmant-spitzbübischem Lächeln erzählt er im Plauderton aus seinem Leben. „Ich lege durchaus Wert auf Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit“, räumt er ein. „Meine Partnerin dagegen lebt gerne im Hier und Jetzt. Sie ist eher spontan“. Das führe im Alltag zu Konflikten und zu Anschuldigungen wie „Du kleinkarierter Spießer“ einerseits, und dem Vorwurf völliger Unzuverlässigkeit andererseits.

Boeser-Schnebel kennt sich aus, schließlich hat der akademische Oberrat, der auch Projektleiter des Netzwerks Politische Bildung Bayern und Mitinitiator des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts München ist, Pädagogik, Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie in Augsburg studiert und seine Promotion mit dem Thema „Relevanz geschlechtsspezifischer Aspekte in der politischen Bildung“ absolviert. Seine Vorträge, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung, werden wesentlich stärker nachgefragt, als noch vor einiger Zeit. „Wir haben mit der Flüchtlingsthematik eine gesellschaftliche Großkontroverse“, so der Fachmann.

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Das Problem bei Stammtischparolen zu diesem Thema sei dann das Abgleiten in die entwertende Übersteigerung – daran scheitert die Kommunikation. Boeser-Schnebel nennt ein Beispiel: Auf der einen Seite hätten wir die Willkommenskultur, auf der anderen Seite Akteure wie AfD und Pegida.

Im Gespräch: Nicht aggressiv reagieren

Auf die Spitze getrieben reduziert sich der Gegensatz auf die Pole: Freigiebigkeit bis zur Selbstaufgabe gegen egoistische Hartherzigkeit. Das Verfestigen der extremen Standpunkte führt zu einem selbstgerechten Tunnelblick, der keine vernünftige Debatte zulässt. „Das geht sogar bis in Freundschaften und in die Familien hinein. Das belastet sogar Beziehungen“, so der Experte.

Um das zu vermeiden, sei es wichtig, selbst Haltung zu wahren. „Meine Tendenz, den anderen versuchen zu überzeugen, ist auch die Intention des Gegenübers“, erklärt der Fachmann. Besser sei es, dem Gesprächspartner zwar zu sagen, wie man seine Position beurteilt, aber dann nachzuhaken, warum er so denkt, wie er eben denkt. „Interessierte Nachfrage“, nennt das Boeser-Schnebel.

„Wir müssen die öffentliche Feindseligkeit zurückdrängen“. Und das gelinge nur, indem wir nicht aggressiv handeln. Es gehe natürlich auch darum, seine eigene Position zum Ausdruck zu bringen – den Anderen aber ebenso zu verstehen. Das Ziel: beide Werte in Einklang bringen. Laut Boeser-Schnebel sei es erwiesen, dass sich eine Situation so „entradikalisiere“, je mehr der Gesprächspartner nachfrage. „Man muss eine gemeinsame Lösung finden.“ Dann braucht man keine Energie mehr, um sich zu schützen oder den anderen mit Argumenten niederzumachen. „Es gibt aber Situationen, in denen eine Abgrenzung notwendig ist“, sagt der Experte. „Sobald der Diskurs öffentlich und radikal wird.“

Wenn Tante Agathe über Minderheiten schimpft ...

Der Fachmann nennt ein anderes Beispiel und den richtigen Umgang damit: Es ist Familientreffen mit Tante Agathe, 20 Menschen sitzen am selben Tisch. Tante Agathe schimpft über eine ethnische Minderheit. „Da kann ich später auf sie zugehen und fragen: ’Was ist dein Problem?’“. Das Wichtigste dabei sei immer die gleiche Augenhöhe.

Wir sollten den Dialog suchen, am besten unter vier Augen, rät Boeser-Schnebel. Denn vor versammelter Mannschaft könne aus Stammtischparolen ein Wettkampf entstehen, der schließlich in den Kampfmodus übergeht und das diene nicht der Verständigung. Schließlich drehe sich doch alles um die Frage: „Wie wollen wir miteinander leben“.

Diese Tipps vertiefen im Workshop in Krumbach unter anderem der Integrationsbeauftragte Achim Fissl, Stadträtin Johanna Herold und Krumbachs neue Quartiermanagerin Birgit Fleischmann. Mit dabei ist auch Christian Linke. Der IT-Fachmann engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. „Hilfreich finde ich die konkreten Tipps, beispielsweise Gegenfragen zu stellen“, sagt er.

Die sogenannten „Weichmacherfragen“ sind tatsächlich eine von mehreren Taktiken, den Dialog zu entschärfen. Statt mit Argumenten den eigenen Standpunkt zu verteidigen, geht es darum, den anderen zu verstehen. Natürlich ist es nicht immer einfach, die Welt durch die Perspektive anderer Menschen zu sehen – gerade, wenn die Sichtweise sich stark von der eigenen unterscheidet.

„Alle Diskussionen kann man sicher nicht gewinnen, aber die Bereitschaft, immer wieder in den Diskurs zu gehen, ist essenziell für das Zusammenleben und die Demokratie“, sagt Linke.

Diese Erkenntnis hat sich Fachmann Boeser-Schnebel schon früh angeeignet. „Als Jugendlicher war ich politisch aktiv“, erinnert er sich. „Die allgemeine Politikverdrossenheit hat mich dann zur Politischen Bildungsarbeit gebracht“.

Der Wissenschaftler und Politik-Experte hat gelernt, mit Konflikten umzugehen. Um seine Partnerschaft muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen. Wenn der kleinkarierte Spießer zu erwachen droht, erinnert er sich an eine alte Weisheit: „Sei weich zum Menschen, und hart in der Sache.“

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