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Interview

12.07.2020

Chef des Bauernverbands: "Für die Bauern lege ich meine Hand ins Feuer"

Gut gelaunter Vermittler zwischen Landwirten und Verbrauchern: Matthias Letzing, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands Günzburg/Neu-Ulm.
Bild: Andreas Brücken

Plus Was der Bayerische Bauernverband in Sachen Tierwohl unternimmt und was der Verbraucher für Landwirte im Kreis Günzburg und Neu-Ulm tun kann. Ein Gespräch mit BBV-Geschäftsführer Matthias Letzing.

Matthias Letzing ist der BBV-Geschäftsführer in den Landkreisen Günzburg und Neu-Ulm. In unserem großen Interview spricht er unter anderem über den Skandal in der Großschlachterei Tönnies, den hohen Fleischverbrauch in Deutschland, wie sich die Corona-Pandemie auch auf die Landwirte auswirkt und womöglich höhere Preise für den Kunden.

Fleisch ist in beinahe aller Munde. Oder, um im Bild zu bleiben, es kann einem angesichts der aktuellen Meldungen aus Nordrhein-Westfalen auch schon mal im Hals stecken bleiben. Obwohl die massive Ausbreitung des Coronavirus unter den Werktätigen in der dort ansässigen Großschlachterei Tönnies nichts mit dem Schlachtprozess an sich zu tun hat, wirkt sich der Fall ersten Erkenntnissen zufolge erheblich auf die Fleischnachfrage aus. Reicht das auch bis in den Landkreis Günzburg, Herr Letzing?

Matthias Letzing: Natürlich. Die Verbraucher überlegen bei solchen Vorfällen sofort: Brauche ich jetzt dieses Steak? Oder dieses Schnitzel? Wobei es mir wichtig ist, in diesem Zusammenhang nicht von einem Fleisch-Skandal zu sprechen, sondern die Bezeichnung Corona-Skandal zu verwenden. Mit Fleisch hat das Ganze, wie Sie in der Frage selbst angedeutet haben, nichts zu tun.

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Trotzdem – und ohne mit dem Finger auf ein konkretes Unternehmen zu zeigen: Ist es zeitgemäß und vermittelbar, dass die zehn größten Schlachtbetriebe Deutschlands 80 Prozent der Schweine schlachten? 2019 waren das insgesamt mehr als 44 Millionen Tiere. Müssen diese Konzentration und die schiere Zahl einzelner Arbeitsprozesse nicht geradezu in Vorfälle wie den aktuellen münden?

Matthias Letzing: Die zweite Frage kann ich nicht beantworten. Aber die Konzentration der Großbetriebe wurde ausgelöst durch die enormen Hygienevorschriften seitens der EU. Deren Auflagen führten dazu, dass immer mehr kleinere Betriebe sagten, die geforderten Investitionen kann ich nicht tätigen, es fehlt mir der Raum und so weiter. Das hatte zur Folge, dass praktisch nur noch Großschlächtereien den Markt bedient und letztlich nicht nur die großen Handelsketten, sondern auch örtliche Metzger beliefert haben.

Den Landwirten in den Kreisen Günzburg und Neu-Ulm fehlt dieses Jahr der Kartoffel-Absatz

Stichwort Corona: Großveranstaltungen und Volksfeste aller Art fallen dieses Jahr weitestgehend aus. Das wird die Bauern treffen, oder?

Matthias Letzing: Das belastet den Markt sogar ganz gewaltig. Und das gilt nicht nur für Fleisch. Der Absatz von Braugerste ist aufgrund der Corona-Pandemie enorm zurückgegangen. Und der Kartoffel-Absatz fehlt heuer komplett, weil niemand Pommes Frites verkauft. Wir merken das im gesamten Lebensmittelbereich und somit in der Landwirtschaft.

Der Preisdruck in der Fleischindustrie ist riesig. Vor allem die Deutschen stehen im Ruf, immer mehr Fleisch konsumieren und immer weniger dafür bezahlen zu wollen. Viele Politiker fordern nun, die Preise quasi von Staats wegen spürbar anzuheben. Aber mal ehrlich: Vermutlich landet der Aufschlag doch vor allem in den Taschen der zwischen Erzeuger und Verbraucher geschalteten Händler.

Matthias Letzing: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich will da keinem Einzelhändler was unterstellen. Aber es entsteht schnell der Eindruck, dass viele in der Wertschöpfungskette was mitnehmen und der Erste in dieser Kette beklagt, dass bei ihm nur wenige Cent ankommen. Deshalb fordern wir als Bauernverband, nicht einfach nur die Preise anzuheben. Es muss ein Zusammenspiel sein, eine enge Kette zwischen Erzeugung und Vermarktung. Nur so kann beim Erzeuger etwas ankommen.

Befürchten Sie nicht, dass der Verbraucher auf höhere Preise reflexartig mit weniger Konsum antwortet?

Matthias Letzing: Der Ansatz „Preis rauf“ wird natürlich auch dazu führen, dass die Leute weniger Fleisch essen. Aber wenn der Erzeuger dennoch sein Auskommen hat, ist es in Ordnung. Dafür muss das Geld aber bei ihm ankommen. Bei der Milch haben wir ja ein ähnliches Problem.

Der Verbraucher kann einiges für Tierwohl und für den Bauern tun

Wäre es schon ein großer Schritt, wenn Verbraucher ihre Fleisch- und Wurstwaren in der Metzgerei nebenan kaufen statt im Supermarkt?

Matthias Letzing: Der Verbaucher kann wirklich viel tun, indem er bei örtlichen Metzgereien und regionalen Vermarktern einkauft. Damit tut er einiges fürs Tierwohl und für den Bauern.

Nun befinden wir uns hier in einer ländlich geprägten Region, da fällt es dem Einzelnen vergleichsweise leicht, beim Metzger, Gemüsehändler oder Bauern um die Ecke einzukaufen. Ist ein solches Modell auch für Ballungsräume denkbar?

Matthias Letzing: Wo sich abertausende Menschen tummeln, läuft die Vermarktung anders als im ländlichen Bereich. Aber auch in München oder im Ruhrgebiet kann ich Metzger und Direktanbieter finden. Bei der Haustür-Lieferung, die schon viele Landwirte anbieten, ist es womöglich sogar einfacher.

Andererseits muss räumliche Nähe nicht unbedingt signalisieren, dass auch das Tier aus der Nachbarschaft kommt beziehungsweise in der Region geschlachtet wurde. Wie kann ich als Kunde meinen Teil zu kürzeren Transportwegen für die Tiere und die Endprodukte beitragen?

Matthias Letzing: Nicht nur auf den Preis schauen. Und darauf achten, wo das Produkt herkommt. Am allerbesten gehen Sie zum Metzger vor Ort. Da können Sie sicher sein, der hat das Fleisch nicht aus Hamburg. Bei manchen Metzgereien liest man auch noch das Schild „Aus eigener Schlachtung“. Ich mache garantiert nichts falsch, wenn ich dort kaufe.

Die heimische Landwirtschaft in Günzburg und Neu-Ulm hat nichts zu verbergen

Tierschutz-Organisationen haben bereits jede Menge abschreckende Beispiele von Landwirten serviert, die den Grundkurs Tierwohl offensichtlich geschwänzt haben oder denen einfach jedes Mittel recht ist, um mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Ertrag zu erwirtschaften. Verbraucher haken hier mit Recht ein und sagen, für diese Art der Tierhaltung sei jeder Preis zu hoch. Können Sie den Verbrauchern guten Gewissens sagen, dass die Bauernhof-Welt im Landkreis Günzburg noch in Ordnung ist?

Matthias Letzing: Man könnte angesichts mancher Veröffentlichungen tatsächlich meinen, da geht’s grausam zu. Aber die heimische Landwirtschaft hat nichts zu verbergen. In der Region kenne ich ja die meisten Betriebe und ich lege meine Hand dafür ins Feuer: Die Masse der Bauern produziert tiergerecht. Denn der Landwirt weiß: Nur wenn es meinen Tieren gut geht, kann ich wirtschaftlich arbeiten.

Es gibt den Kalauer vom Stadtkind, das die Frage „Woher kommt das Schnitzel?“ mit „Aus dem Supermarkt“ beantwortet. Liegt es nicht letztlich an den Bauern beziehungsweise an Ihrem Verband, die Verbindung zwischen Bürgern und Landwirtschaft herzustellen? Und gibt es da konkrete Ideen?

Matthias Letzing: Wir setzen uns vor allem über unsere Landfrauen seit Jahren für ein Schulfach „Alltagskompetenz“ ein. Herausgekommen sind jetzt Prokjektwochen, die in allen Schulen angeboten werden müssen. Wir sind momentan dabei, landwirtschaftliche Betriebe auszuwählen, die bereit sind, Schulklassen zu empfangen. Das geht querbeet durch alle Formen der Landwirtschaft, es sind große und kleine, konventionelle und nach Bio-Vorgaben arbeitende Betriebe. Alle werden zeigen, wie sie produzieren, damit sich Schüler und Lehrkräfte ein Bild davon machen können.

Gibt es auch Angebote zur Erwachsenenbildung?

Matthias Letzing: Selbstverständlich. Bei Führungen in Bauernhöfen, Mühlen oder Schlachtbetrieben bewerben wir unsere Produkte, indem wir aufzeigen, wo die Lebensmittel herkommen. Weil uns wirklich wichtig ist, dass der Verbraucher nicht nur auf den Preis schaut, sondern auch darauf, dass Lebensmittel nicht 800 Kilometer durch die Republik gekarrt werden. Das sind Themen, die wir seit einigen Jahren massiv bearbeiten. Das ist hart verdientes Brot, aber man muss dranbleiben. Das sehen wir als unseren Auftrag.

Die Haltungsform-Etikettierung hat etwas mit Tierwohl zu tun

Seit gut einem Jahr gibt es die Haltungsform-Etikettierung, die in Noten von 1 bis 4 die Form der Tierhaltung bewertet. Die Idee kam von den Großen des deutschen Einzelhandels selbst. Kritiker sprechen davon, dass es absolut nichts bringt und ein Mehr an Tierwohl nicht erkennbar ist. Was halten Sie von diesem Aufkleber?

Matthias Letzing: Diese Etikettierung hat durchaus etwas mit Tierwohl zu tun. Tipps zu diesem und anderen Etiketten bietet das Siegel-Lexikon, das auf www.unsere-bauern.de zu finden ist. Auch der Staat fördert die Umstellung hin zu mehr Tierwohl mit gewaltigen Summen. Letztlich aber entscheidet der Verbraucher. Wenn der Kunde sagt, mir ist das Tierwohl wichtig, stellen sich die Landwirte darauf ein. Im Landkreis Günzburg sieht man bereits mobile Hühnerställe und den Eierverkauf auf der grünen Wiese. Aber der Verbraucher muss es zahlen.

Genau das könnte sich auf längere Sicht als Knackpunkt erweisen. Wie machen Sie es den Verbrauchern schmackhaft, dass Fleichwaren auf dem Wochenmarkt, beim Direktvermarkter oder mit einem Bio-Siegel eben ein paar Euro mehr kosten?

Matthias Letzing: Ganz einfach indem ich ihnen sage, man muss nicht jeden Tag Fleisch essen. Es gibt unendlich viele andere gute Produkte aus der Landwirtschaft. Wenn ich einen Tag auf Fleisch verzichte, kann ich mir am nächsten ein teureres Stück leisten und stütze mit meinem Verhalten die heimische Landwirtschaft.

Zur Person: Matthias Letzing ist 52 Jahre alt und gebürtiger Schwabe. Seit 2007 ist er Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV) im Bereich Günzburg/Neu-Ulm. Von 1996 bis 2006 leitete er die BBV-Geschäftsstelle Unterallgäu.

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