Newsticker

Spanien meldet Rekordzahl an Todesopfern binnen 24 Stunden
  1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Corona: „Angst kann dazu führen, dass wir irrational handeln“

Günzburg

23.03.2020

Corona: „Angst kann dazu führen, dass wir irrational handeln“

Auch für das Bezirkskrankenhaus Günzburg gilt ein Betretungsverbot und eine eingeschränkte Besuchsregelung aufgrund der Corona Pandemie.
Bild: Bernhard Weizenegger

Mirjam Kaller, psychologische Psychotherapeutin am Bezirkskrankenhaus Günzburg, erklärt, was die Krise aus uns macht und wie man sich vor Panik und Depression schützen kann.

Überrascht es Sie, welche Dimension das Thema Coronavirus in der Gesellschaft eingenommen hat?

Aufgrund des hohen medialen Interesses, mit dem seit Wochen über das Coronavirus berichtet wird – zunächst China, dann Italien, im Weiteren Österreich, Deutschland und nun die ganze Welt – überrascht es mich nicht.

Menschen horten Lebensmittel und fürchten den Zusammenbruch des Systems. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen aus psychologischer Sicht?

Corona: „Angst kann dazu führen, dass wir irrational handeln“

Wahrscheinlich fühlt sich in diesen Zeiten eher unser Angstzentrum im Gehirn als unser Verstand angesprochen. Angst kann dazu führen, dass wir in schwierigen Situationen, für die wir nur bedingt oder keine Bewältigungsstrategien haben, irrational handeln. In derartigen Situationen kann es dann schwerer fallen, neue Informationen aufzunehmen und das eigene Verhalten sinnvoll an die Situation anzupassen. Unser Angstzentrum ist Teil unseres evolutionären Erbes und ist nicht so leicht davon zu überzeugen, dass Hamstereinkäufe im 21. Jahrhundert nicht erforderlich sind.

Experten raten aber doch zu Besonnenheit und vor Hamsterkäufen ab. Warum wird das ignoriert?

Wenn ein Mensch mit Hamstereinkäufen beginnt, löst dies eine Kettenreaktion aus. Andere Menschen lassen sich leicht davon anstecken. Es geht nicht darum, dass Menschen vorsorgen und sich bevorraten, sondern vielmehr um die Frage des Ausmaßes. Das heißt, sind zum Beispiel zehn Packungen Toilettenpapier, fünf Packungen Nudeln oder zehn Packungen Knäckebrot hilfreich, um die aktuelle Situation zu bewältigen.

Inzwischen sind ja auch viele Menschen zwangsweise in Urlaub, ins Homeoffice oder in Quarantäne geschickt worden. Was passiert aus psychologischer Sicht, wenn man längere Zeit daheim bleiben soll, sich nicht groß bewegen darf, isoliert ist?

Das größte Problem aus meiner Sicht ist, dass man sich plötzlich mit sich selbst auseinandersetzen, sich aushalten muss, wenn keine oder nur wenige direkte Sozialkontakte verfügbar sind. Allerdings muss man hinzufügen, dass wir heute aufgrund der technischen Möglichkeiten, über die wir verfügen, im Grunde selten ohne jeglichen Sozialkontakt sind.

Warum fällt es uns Menschen so schwer, länger allein zu sein?

Aus meiner Sicht sind wir nicht dafür ausgelegt. Wir sind sozial orientiert, das heißt auf Gemeinschaft hin ausgerichtet. Auch das ist Teil unseres evolutionären Erbes.

Auf der einen Seite soll man Sozialkontakte meiden, andererseits droht denen, die auch mit Kindern daheim bleiben sollen, eine Art Lagerkoller.

Es geht zum einen nicht darum, Sozialkontakte generell, sondern nur vorübergehend zu meiden. Zum anderen bieten Sozialkontakte, wenn man beispielsweise als Familie mit Kindern auf engem Raum zusammen lebt – und wie es jetzt leider der Fall ist, nur über geringe Ausweichmöglichkeiten verfügt – erheblichen Zündstoff. Das sind aus meiner Sicht die beiden Extreme, die es aktuell gut zu gestalten gilt. Das ist die Aufgabe jedes Einzelnen.

Wie kann man sich denn davor schützen, wegen des Coronavirus daheim in Panik oder Depression zu verfallen?

Da gibt es leider kein Patentrezept, das muss jeder individuell für sich herausfinden. Wichtig ist, einen geregelten Tagesablauf beizubehalten, aufzustehen, zu frühstücken, sich mittags etwas zu kochen. Man sollte sich gut überlegen, ob man jede Minute Nachrichten hören will oder sich mit Dingen beschäftigen möchte, für die man eigentlich sonst immer keine Zeit hat. Es gibt auch ein Leben während der Coronakrise und danach.

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas Positives, was die Corona-Krise mit sich bringt?

Ich weiß es nicht. Es ist wie bei anderen Krisen, mit denen Menschen im Laufe ihres Lebens konfrontiert werden. Es zeigt sich erst im Laufe der Zeit, ob man an einer schwierigen Situation innerlich gewachsen ist und daraus persönlich einen Nutzen gezogen hat.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren