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Interview

04.05.2020

Deisenhofer: „Bundesligaspiele sind jetzt kaum vermittelbar“

Max Deisenhofer, der sportpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, fordert Perspektiven für den Sport allgemein – und findet die Unterscheidung nach Disziplinen nicht zielführend.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Warum der Grünen-Politiker Max Deisenhofer den Spielbetrieb im Profifußball ablehnt. Wie er Corona-Folgen für Amateurvereine einschätzt. Und was Klubs tun können.

Herr Deisenhofer, Sie fordern, man solle „Sportarten nicht kategorisch auf die Strafbank verbannen“. Haben Sie den Eindruck, dass dies unter dem Eindruck der Corona-Pandemie geschieht?

Max Deisenhofer: Manche Kollegen aus anderen Landtagsfraktionen haben sich ganz gezielt für die Öffnung einzelner Sportarten ausgesprochen. Ich finde, das ist der falsche Ansatz. Ziel muss sein, einen Mehrwert für den gesamten organisierten Sport und für die Gesellschaft zu schaffen. Nicht, die Sinnhaftigkeit des Infektionsschutzgesetzes infrage zu stellen und damit einzelne Ausnahmegenehmigungen zu erwirken. Es braucht klare Vorgaben und Regeln, aber dann soll jede Sportart selber schauen, wie die Einhaltung dieser Regeln gelingen kann. Das geht in Individualsportarten sicher leichter, aber zum Beispiel auch mit abgewandelten Spielformen im Mannschaftssport. Bei aller Öffnungsdebatte dürfen wir natürlich das Infektionsgeschehen nicht aus den Augen verlieren.

Wie sieht eine behutsame Öffnung der Sportstätten in Ihren Augen aus?

Deisenhofer: Zumindest tun wir uns keinen Gefallen, wenn wir eine Unterscheidung nach Disziplinen befeuern. Es braucht also Leitlinien, die sportartübergreifend gelten, nachvollziehbar und umsetzbar sind. Lassen Sie uns beispielsweise mit Sport unter freiem Himmel beginnen, die Abstandsregelungen an die jeweilige Disziplin anpassen, in festen Trainingsgruppen üben und die Umkleideräume und Sportgaststätten geschlossen halten. Der Deutsche Olympische Sportbund hat seine Spitzensportverbände aufgefordert, entsprechende Konzepte zu erarbeiten. Das ist geschehen. Und etliche der Konzepte bieten sogar weniger Angriffsfläche als das der DFL.

Vor einigen Tagen haben die Klingenburger Golfer die Öffnung ihrer weitläufigen Golfanlage gefordert. Mit Abstandsregeln gebe es hier keine Probleme, hieß es. Der Landrat hat mit Verweis auf die bestehenden, staatlich verordneten Regelungen abgelehnt. Ist das Anliegen der Golfer berechtigt?

Deisenhofer: Das ist sicher ein gutes Beispiel dafür, dass bei der nächsten Runde der Lockerungen auch der Sport und hier gerade der Breitensport stärker mitgedacht werden muss. Die Regierung ist angehalten, uns eine Perspektive aufzuzeigen. Das gilt aber wie gesagt nicht nur für eine Sportart.

Muss es einen Unterschied geben, wann Individual- und wann Mannschaftssport wieder möglich ist? Soll Tennis vor Fußball wieder gespielt werden dürfen?

Deisenhofer: Tennis wird vor allem im Wettkampfmodus sicher früher wieder möglich sein als Mannschafts- und vor allem Kontaktsportarten. Sobald man aber zwei Spielern ein Tennismatch erlaubt, können sich auch zwei Fußballer zum Elfmeterschießen oder für ein paar Fernschüsse auf dem Bolzplatz verabreden. Genau das meine ich mit Hygiene- und Abstandsregeln, die dann für alle gleich gelten sollten. Viele unterschätzen, dass diese kleinen Übungsformen, die ich andeute, zum Teil fester Bestandteil im Kinder- und Jugendtraining sind. Das ist nicht nur für die Kleinen essenziell, dass es überhaupt wieder in irgendeiner Form losgeht. Auch die Vereine haben gegenüber ihren Mitgliedern bessere Argumente und sind beim Einzug des Beitrags nicht nur auf die Solidarität angewiesen.

Wie sehen aus Ihrem Blickwinkel die Folgen der Corona-Krise für die vielen Amateurvereine aus?

Deisenhofer: Erst mal tut es natürlich allen weh, dass wir unserem geliebten Sport nicht wie gewohnt nachgehen können. Entscheidend wird sein, ob es den Klubs gelingt, die Jugendlichen bei der Stange zu halten. Hier muss es eventuell auch eine längerfristige Unterstützung der Politik geben, um die Folgen auch im Jahr 2021 abzufedern. Mit einer einmaligen Verdopplung der Vereinspauschale wird es nicht getan sein. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass bei uns im Landkreis zumindest die Identifikation mit den Vereinen hoch und der Zusammenhalt intakt ist. Das ist enorm wichtig. Deswegen rechne ich nicht mit vielen Austritten, auch wenn jetzt seit einigen Wochen kaum ein Sportangebot möglich ist. Problematischer wird es da schon für die semi-professionellen Klubs, die ihr Vereinsleben mithilfe von Mitarbeitenden im Hauptamt und mit kostenpflichtigen Kursangeboten gestalten. Natürlich wird auch die Unterstützung durch Sponsoren, die verständlicherweise aus Kostengründen ihre Zuwendungen zurückfahren, manchmal nicht in der üblichen Höhe ausfallen.

Was würden Sie den Sportvereinen in der Region raten?

Deisenhofer: Wer jetzt als Vereinsvorstand die Hände in den Schoß legt und auf die Rückkehr zum Normalbetrieb wartet, verspielt eine Chance. Klubs können virtuell mit ihren Mitgliedern in Kontakt treten, können Trainings- und Übungsangebote schaffen. Sie können im Hintergrund den Sportplatz oder ihre Website auf Vordermann bringen oder die Strukturen im Vereinsmanagement überarbeiten. Noch nie war es so unkompliziert möglich, eine Übungsleiter- oder Schiedsrichterlizenz online abzulegen. Und selbstverständlich ist auch ein Einkaufsservice für die Schwächeren unter uns ein toller Dienst an der Gesellschaft. Einige Vereine machen das schon vorbildlich. Wer jetzt abtaucht, wird nach Corona schlimmstenfalls nicht mehr vermisst.

Am Mittwoch soll in Berlin offenbar entschieden werden, ob beziehungsweise wann die Profiligen im Fußball ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen können. Was halten Sie von Geisterspielen, während der Amateurspielbetrieb im Fußball mindestens bis Ende August ruht?

Deisenhofer: Solange in Seniorenheimen, in Kitas, an Schulen und bei medizinischem Personal nicht flächendeckend getestet wird, ist es für mich kaum vermittelbar, dass die Bundesliga so schnell mithilfe von 20000 Tests wieder spielen möchte. Die aktuellen Corona-Fälle beim 1. FC Köln zeigen auch deutlich die Schwächen des DFL-Konzepts auf. Aus rein wirtschaftlichen Gründen über Geisterspiele nachzudenken, ist aus Sicht des Wirtschaftsunternehmens Bundesliga verständlich. Aktuell halte ich die Debatte aber für deutlich verfrüht, nicht zuletzt wegen der Vorbildfunktion für junge Sportlerinnen und Sportler.

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