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Landkreis Günzburg

08.02.2019

Der BRK-Kreisverband „ist ein Sanierungsfall“

Die Geschäftsstelle des BRK-Kreisverbands ist inzwischen saniert. Aber an den Strukturen wird gearbeitet.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Plus Das Rote Kreuz im Landkreis Günzburg hat ein immenses Defizit angehäuft. Der Richtungswechsel wird länger und härter als gedacht.

Mit einem neuen Geschäftsführer als Ersatz für den entlassenen Werner Tophofen sollte beim Günzburger Kreisverband des Roten Kreuzes wieder Ruhe einkehren. Doch die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Wie berichtet, schickte man dem bisherigen Pflegedienstleiter Benjamin Kurz zehn Kündigungen. Der Günzburger Wachenleiter wurde nach eigener Aussage überraschend von dieser Aufgabe entbunden. Die Bereichsleiterin Soziale Dienste – Tophofens Ehefrau – will selbst nicht mehr dort arbeiten.

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Dem BRK-Bezirksverband Schwaben gefällt die Entwicklung nicht, ebenso wenig wie die Gesamtlage. „Günzburg ist ein Sonderfall, in dieser Form hatten wir so etwas noch nicht“, sagt Karl Kilburger, der Geschäftsführer dieser übergeordneten Ebene. Er betrachte mit Sorge, was vor sich geht, „im ganzen BRK kenne ich kein vergleichbares Beispiel“. Und er findet noch klarere Worte.

Die Situation im Kreisverband könnte zum Bumerang für das BRK werden

So wünsche er sich „mehr Fingerspitzengefühl“ auch beim Umgang des neuen Geschäftsführers Mathias Wenzel mit Mitarbeitern, „mein Wunschkandidat war er nicht.“ Der Neuanfang nach Tophofens Entlassung bedeute wohl eine komplette Veränderung, die nicht alle Mitarbeiter gleich bewerten würden. Der Vorstand sei sich ziemlich sicher, das Richtige zu tun, der Bezirksverband habe da nicht die größten Einflussmöglichkeiten, weil die Günzburger erst einmal selbst entscheiden könnten.

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„Es gibt ein ungezügeltes Wollen, einen neuen Kreisverband aufzubauen, dem Rest wird nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit geschenkt.“ Kilburger spricht von „brachialer Gewalt“, die teils eingesetzt werde und zur Destabilisierung führe. „Man verschlimmbessert die Situation.“ Der Bezirksverband habe Sorge, dass die Entwicklung zum Bumerang fürs Rote Kreuz insgesamt wird und das Ansehen beschädigt werde.

Kilburger: Es ist „eine mittlere Katastrophe“

„Sie wollen sicher Gutes und machen auch nicht alles falsch, aber die Werkzeuge sind nicht die richtigen.“ Vielleicht habe es auch mit einem gewissen „Unvermögen“ zu tun. Wenn aber das Rote Kreuz als Ganzes Schaden zu nehmen drohe, könne man noch eingreifen – mit einer präsidialen Weisung als letztes Mittel. Ob es dazu kommt, hänge von der Antwort des Kreisvorsitzenden Matthias Kiermasz auf ein Schreiben des Bezirksverbands ab, in dem deutlich gemacht werde, was man erwarte. Außer einmal in Oberbayern sei „die Karte noch nie gespielt worden“.

Karl Kilburger ist Bezirksgeschäftsführer des BRK Schwaben.
Bild: Rotes Kreuz

In den nächsten zwei Monaten müsse sich radikal etwas ändern, länger werde man nicht mehr zuschauen. Und „wir sind bereit, uns einzubringen“. Er sei „tief unglücklich“ über die Situation, sie sei „eine mittlere Katastrophe“. Das Porzellan, das zerhauen werde, lasse sich wohl so schnell nicht mehr kitten, sagt Kilburger. Der Aussage des Arbeitsrichters beim Termin, als es um die Kündigungsschreiben an den Pflegedienstleiter ging, könne er auch nicht widersprechen. Der Richter hatte das BRK aufgefordert, erst einmal Tatsachen auf den Tisch zu legen, mit denen sich die Entlassung und die Vorwürfe gegen den Mann überhaupt begründen ließen.

Drei bis fünf Jahre könnte die Gesundung dauern

Kreisgeschäftsführer Wenzel, erst seit wenigen Monaten im Amt, ist von der Androhung einer präsidialen Weisung auf der einen Seite überrascht und auf der anderen auch nicht. Denn sogar vom Landesverband habe er eine Mail bekommen, in der man sich erkundigt habe, ob dem Pflegedienstleiter tatsächlich zehn Kündigungen geschickt worden seien. Doch die konkrete Situation interessiere offenbar wenig, dabei sei der Kreisverband „ein Sanierungsfall“.

Es gebe viele Baustellen, die auch dem Vorstand wohl nicht bewusst gewesen seien, und die Sanierung müsse nun schnell gehen. Allein in den vergangenen zehn Jahren sei ein Defizit von ungefähr 2,2 Millionen Euro entstanden, ein Sondereffekt in Form einer Einzelspende ist hier herausgerechnet. Wenn man den davor liegenden Zeitraum betrachte, sei es sicher höher. Es gebe die Erwartung, dass der Kreisverband bald gesundet. Beim Amtsantritt habe er mit einem Jahr dafür kalkuliert. Doch nun müsse man von drei bis fünf Jahren ausgehen.

Kündigungen um Weihnachten seien eigentlich ein „No-Go“

Bei der „Kündigungsorgie“, wie Wenzel den Fall des Pflegedienstleiters nennt, könne man ein Fragezeichen hinter das Wort Menschlichkeit setzen, mit dem das Rote Kreuz gern wirbt. Aber was man Kurz vorwerfe, sei nicht aus den Fingern gesogen. Er sei auch zuversichtlich, die Gründe im Laufe des Verfahrens beim Arbeitsgericht darzulegen. Die Situation der Familie tue ihm leid. Gerade Kündigungen um Weihnachten seien eigentlich ein „No-Go“. Aber er müsse als Geschäftsführer Schaden vom Kreisverband abwehren und man habe sich von einem Fachanwalt beraten lassen.

Mathias Wenzel im Gespräch mit unserer Zeitung.
Bild: Bernhard Weizenegger

Dass der Pflegedienst noch existiert und angesichts der Probleme nicht aufgelöst wurde, sei der stellvertretenden Leiterin Ayse Yilmaz zu verdanken. Sie habe Tag und Nacht daran gearbeitet, Versäumnisse aufzuräumen und nur deswegen hätten der Bereich und die zwölf Mitarbeiter eine Zukunft. Beim Wachenleiter gebe es keine „Überraschung“, denn schon unter Tophofen sei die Stelle ausgeschrieben worden – ohne die Neubesetzung durchzuziehen.

Es muss jetzt „rigoros gespart werden“

Wie Wenzel sagt, arbeite er an einer neuen Struktur für den Kreisverband, bei der sich Aufgabenbereiche der Mitarbeiter verändern könnten. Betriebsbedingte Kündigungen schließe er aus, „rigoros gespart“ werden müsse dennoch. Das gehe bis zur Qualität des Toilettenpapiers und dass man im Seniorenzentrum Krumbach die Frühstücksbrezen und Körnersemmeln nur noch anbiete, wenn sie selbst bezahlt werden.

Angesichts eines Frühstücks „fast wie im Hotel“ sei das zu verschmerzen. Auf der anderen Seite solle das Seniorenzentrum zum zentralen Dienstleister werden. Die Küche sei gar nicht ausgelastet, und trotzdem würden eigene Kindertagesstätten von einem externen Caterer beliefert. Das könne nicht sein.

Der Geschäftsführer spricht von einem „Überlebenskampf“

Wenzel, der nicht um die Probleme herumredet, räumt ein, dass seine Kommunikation gegenüber Mitarbeitern teils ungeschickt gewesen sei. Das sei in einem Fall auch seiner Arbeitsbelastung geschuldet gewesen, er habe mitunter schon 24 Stunden und mehr durchgearbeitet. Dass er sich in Günzburg eingelebt habe, könne man auch nicht sagen. Angesichts seines Pensums sei es eher ein „Überlebenskampf“.

Er arbeite drei Tage in der Geschäftsstelle und sonst zu Hause in Koblenz, auch um Ruhe für den neuen Organisationsplan zu haben. Im Gegensatz zu seiner ursprünglichen Intention werde er sich nicht in Günzburg niederlassen. Die Probleme beim Kreisverband seien eben viel größer als man sie ihm anfangs geschildert habe und er werde sich mit der Sanierung sicher nicht nur Freunde machen. Daher könne irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem er für die Aufgabe nicht mehr der Richtige sei.

In anderen Landesverbänden wäre der Kreisverband „abgewickelt“

Aber etwa im Rettungsdienst habe er erneut das Gespräch gesucht und die Stimmung habe sich danach deutlich verbessert. Vor allem auch, da die Leute merkten, dass sich jetzt ein Geschäftsführer kümmere. Wie dramatisch die Situation ist, macht der 40-Jährige auch daran deutlich, „dass der Kreisverband in anderen Landesverbänden längst abgewickelt worden wäre“.

Da das Rote Kreuz in Bayern, im Gegensatz zu anderen Bundesländern, kein Verein, sondern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sei, stelle sich aber nicht die Frage der Insolvenz. Wie Wenzel sagt, sei er übrigens nicht explizit als Sanierer eingestellt worden, auch wenn sich die Aufgabe durch seinen Lebenslauf ziehe. Mitglied des Roten Kreuzes sei er schon lange.

Er muss sich um viele Baustellen kümmern

Er wolle dafür sorgen, dass sich die Lage im Kreisverband wieder bessert. Von einer Vielzahl an Überstunden – unserer Zeitung wurde eine Liste zugespielt, aus der hervorgeht, dass manche Mitarbeiter zum Ende des vergangenen Jahres fast 300 angehäuft haben – wisse er, aber angesichts des Personalmangels im Gesundheitsbereich sei eine Abhilfe schwierig.

Ebenso ist ihm bewusst, dass ein IHK-geprüfter Betriebsleiter fehlt, der da sein muss, doch der Bezirksverband sei in die Bresche gesprungen und die Nachqualifizierung eines Mitarbeiters sei fast abgeschlossen. Der Hygieneplan wurde bereits aktualisiert. Seit November war zudem eine Schnelleinsatzgruppe (SEG) in Krumbach wegen fehlenden Materials abgemeldet, auch hier sei er dran. Auf Nachfrage erklärt der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Donau-Iller, dass die SEG Behandlung nach wie vor abgemeldet sei, aber zeitnah wieder verfügbar sein solle. Man werde das im Blick behalten. Die SEG Transport sei hingegen wieder verfügbar.

Mitgliedschaft nach gut 45 Jahren gekündigt

Mit dem ehemaligen Leiter der Gruppe will er noch das Gespräch suchen, nachdem Joachim Böck, nach fast 45 Jahren im Ehrenamt für das Rote Kreuz, seine Mitgliedschaft gekündigt hatte. Auslöser war eine sehr deutliche Mail des Geschäftsführers an ihn. Böck sagt selbst, dass er einen Fehler gemacht habe. Denn er installierte eine Videoüberwachung an der SEG-Garage, ohne sie kenntlich zu machen – auch wenn jeder davon gewusst habe, inklusive Vorstand und stellvertretender Geschäftsführerin. Er habe aufklären wollen, warum wiederholt neues Material und Medikamente gegen alte ausgetauscht wurden. Doch statt das Gespräch zu suchen, habe ihm Wenzel rechtliche Schritte angedroht.

Matthias Kiermasz ist Vorsitzender des Roten Kreuzes im Landkreis Günzburg.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Seine wiederholten Hinweise wegen des Materials habe im Kreisverband keinen interessiert, doch die Bestätigung der gekündigten Mitgliedschaft sei am nächsten Tag gekommen. Wenzel sagt dazu, dass mehrere Mitarbeiter und auch der Vorsitzende freundlich versucht hätten, Böck von der Videoüberwachung abzubringen. Da dies nicht klappte, habe er deutlich werden müssen. Er wolle ihn aber auf jeden Fall noch für sein jahrzehntelanges Engagement im BRK ehren.

Zweckverband sieht keinen Grund zum Eingreifen

Auch der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung betrachtet mit Sorge, wie es beim Kreisverband zugeht. Doch der Betrieb laufe ohne Probleme, sodass es keinen Grund zum Eingreifen gebe. In Sachen der SEG fehle es schlicht an Alternativen, um die lange Abmeldung zu ahnden.

Und dass eine Rettungswagenbesatzung einen Einsatz an die nächste Schicht abgegeben habe, statt ihn wie vorgeschrieben nach der Alarmierung selbst zu übernehmen, habe zu keinen Problemen geführt – das will Wenzel aber noch selbst prüfen. Und auch der Regierung von Schwaben sind keinerlei Verstöße bei Arbeitszeiten bekannt. Der Betrieb läuft also beim BRK.

1000 verlorene Fördermitglieder in drei Jahren

Das betont auch Matthias Kiermasz, der die Situation als „schwierig, aber nicht hoffnungslos“ beschreibt. Er sei äußerst zufrieden mit Wenzel – wie man es im Vorstand generell sei, wie zwei Mitglieder unserer Zeitung sagen. Dass die Nachwahl für die vakanten Posten im Vorstand verschoben wurde, liege daran, dass man das Restrukturierungskonzept abwarte. In der jetzigen Situation könne er keinen animieren, sich hier zu engagieren. Der Vorstand sei aber arbeitsfähig.

Er ist sich bewusst, dass man als Arbeitgeber und Spendenempfänger – Wenzel spricht von 1000 verlorenen Fördermitgliedern in drei Jahren – derzeit kein gutes Bild abgebe. „Aber wir sind dabei, das zu ändern.“ Er werde das Gespräch mit dem Bezirksverbands-Geschäftsführer suchen, von dort gebe es auch keine Ultimaten. Wenzel brauche Zeit, sich einzuarbeiten, und die bekomme er. Und auch wenn er lang werde, sieht Kiermasz den Kreisverband wieder „auf einem guten Weg“. Deshalb würde er sich erneut für das Amt des Vorsitzenden zur Verfügung stellen.

Lesen Sie hier den Kommentar von Christian Kirstges zu diesem Thema: Das Rote Kreuz muss mit offenen Karten spielen

Lesen Sie hier: Wohin steuert der BRK-Kreisverband?

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