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Günzburg

17.03.2015

Der Leviten sind genug gelesen

Roland Groß (links) und Peter Seitzer gehen nach zusammen fast 70 Jahren als Richter in Pension. Das Amtsgericht Günzburg war für beide der Wunschposten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Mit Roland Groß und Peter Seitzer verlassen zwei erfahrene Richter das Amtsgericht Günzburg. Ein Rückblick auf fast 70 Jahre Justizdienst, den eigenen Blick auf die Gerechtigkeit und herumrollende Glasaugen.

Ende des Monats verlassen fast 70 Jahre juristische Erfahrung das Amtsgericht Günzburg: Mit Peter Seitzer und Roland Groß gehen zwei Richter in Pension, die als Zuständige für Straf- und Jugendsachen das Bild des Gerichts in der Öffentlichkeit mitgeprägt haben. Grund genug für einen Blick zurück: Auf kriminelle Dauerkunden, belastende Schicksale und darüber, was Juristerei und Naturwissenschaft gemeinsam haben.

Seitzer und Groß begannen 1980 ihre Richterlaufbahn. Seitzer war drei Jahre in Augsburg eingesetzt, Groß kam direkt nach Günzburg. Für beide war es die Traumstelle im Wunschberuf. Peter Seitzers Vater war als Rechtspfleger am Krumbacher Amtsgericht tätig. Der gebürtige Leipheimer Groß wollte mit elf Jahren Förster werden, doch im Rollstuhl fährt es sich schlecht durch den Wald. Dann fiel die Wahl zwischen Biochemie und Jura – eine Entscheidung, die auch Peter Seitzer exakt so getroffen hat.

„Die Herangehensweise ähnelt sich: Man sucht systematisch nach einer Lösung für Probleme“, sagt Roland Groß. Im Beruf sei dann vieles Routine: „Im Studium wälzt man die Rechtstheorie, aber in der Praxis stößt man nur selten auf Fälle, bei denen man nachschlagen muss. Hier ist das Schwierigste, herauszufinden, was passiert ist“, sagt Peter Seitzer. Gerechtigkeit zu schaffen, sei nur am Anfang ein Ideal gewesen: „Aber jeder stellt sich darunter etwas anderes vor. Wir haben ein Rechtsordnungssystem, das setzen wir um“, sagt Groß.

Manchmal fällt es den Richtern bei aller Routine schwer, einen Fall für sich abzuschließen. „In meiner Zeit in Augsburg hatte ich eine Vergewaltigung einer Zwölfjährigen zu bearbeiten. So etwas lässt einen nicht los“, sagt Seitzer. Manchmal sind es aber auch scheinbar alltägliche Dinge, die erst im Nachhinein zu Problemen werden: „Ich habe einer jungen Frau wegen eines Ladendiebstahls ein paar Arbeitsstunden gegeben. Ein paar Wochen später hat sie Selbstmord begangen. Auch wenn die Entscheidung korrekt war, fragt man sich natürlich: Hatte ich etwas damit zu tun?“, sagt Groß.

Solche Fragen machen die Richter meist mit sich selbst aus. Eine Betreuung gibt es nicht, mit nach Hause nehmen wollen sie die Probleme nicht, sagt Groß: „In unserem Beruf rührt man in menschlichen Niederungen, das ist nie angenehm. Aber damit muss man leben.“ Insgesamt seien solche Fälle am Amtsgericht aber die Ausnahme.

Lustige Begebenheiten gleichen vieles aus. „Ein Mann hat in einem Verfahren sein Glasauge herausgenommen und es mir auf den Tisch geschmissen“, erinnert sich Roland Groß. In seiner Zeit als Zivilrichter in den Achtziger Jahren musste er einmal in einem Brüderstreit vermitteln: Einer der Männer hielt im Erdgeschoss seines Hauses ein Pferd. Das schlug immer aus und trat dabei gegen die Wand. Den Bruder, der im ersten Stock nebenan wohnte, nervte das so sehr, dass er wegen der Lärmbelästigung klagte. „Das klingt lustig, aber eine rechtlich korrekte Entscheidung ist da nicht leicht zu fällen“, sagt Groß.

Zum Abschluss der Verhandlung geben die Richter den Angeklagten meist ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg. Nicht alle befolgen diese: „Einige sieht man über die Jahre immer wieder. Manchmal mit ein paar Jahren Pause dazwischen“, sagt Peter Seitzer. Persönlich nehmen beide Richter es nicht, dass „Kunden“ sich ihre Worte nicht zu Herzen nehmen. „Man wundert sich eher, dass manche aus den Strafen überhaupt nichts zu lernen scheinen“, sagt Seitzer. Andere sehe man dafür nur einmal. „Man trifft manchmal Menschen, die einem sagen, dass die Strafe, die man ihnen gegeben hat, das Beste war, was ihnen passieren konnte“, sagte Groß.

Mangelnden Respekt der Angeklagten haben beide nicht festgestellt. „Bei Polizisten und Behördenmitarbeitern gibt es da sicher ein Problem. Bei uns sind die meisten so lammfromm, dass man ihnen ihre Tat kaum zutraut“, sagt Peter Seitzer. Er sei noch nie beleidigt oder gar bedroht worden, auch wenn er manchmal eine sehr direkte Ansprache an die Jugendlichen habe, sagt Roland Groß: „Ich kann ein ziemlicher Poltergeist sein.“

Dass es jetzt vorbei ist mit dem Job sehen beide mit einem eher lachenden Auge. Bei aller Liebe zum Richterberuf, sie freuen sich auf die neue Freiheit, zu tun worauf sie Lust haben. Peter Seitzer hat am Donnerstag seinen letzten Arbeitstag, Roland Groß geht am Monatsende. „Die letzte Sitzung war schon ein komisches Gefühl“, sagt Seitzer. Aber die Familie sorge dafür, dass ihm nicht langweilig wird. Auch Roland Groß hat keine Sorgen, in ein Loch zu fallen: „Ich werde bestimmt mal im neuen Amtsgericht vorbeischauen. Aber auch nicht allzu lange bleiben.“

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