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Günzburg/Neuoffingen

20.06.2017

Der Mann mit den besonderen Saiten

Hubert Endhardt (links) und Hermann Skibbe gestern bei der Probe für den Auftritt am Freitag.
Bild: Till Hofmann

Hubert Endhardt hat zur Jahrtausendwende mit der Musik Schluss gemacht. Erstmals tritt der Liedermacher wieder vor viel Publikum auf. Das hat auch mit dem Guntiafest zu tun.

Diese Zimmer mit Aussicht hat nicht jeder: Hubert Endhardt blickt auf den Säuling, den Füssener Hausberg. Er kann von seinem Haus in Rieden am Forggensee Schloss Neuschwanstein sehen. Und jetzt steht der 65-Jährige in der Mittagshitze am Bahnhofsgebäude in Neuoffingen. Das hat so gar nichts Königliches an sich. Was allenfalls einen gewissen Einruck hinterlässt, ist der Charme des Verfalls, der sich breit macht an einem Ort, von dem man nicht weiß, ob hier der Wilde Westen anfängt oder aufhört.

Endhardt hat die 120 Kilometer aus dem Ostallgäu nicht zurückgelegt, um in Neuoffingen ein Bahnticket zu kaufen. Personenzüge halten hier eh nicht mehr. Stattdessen hat er seine Gitarre mitgebracht, um im Gebäude mit der Skibbe-Band (Hermann Skibbe Gitarre, Martin Kapfer Bass, Jonas Roßner Keyboard, Harry Reischmann Schlagzeug) für den Auftritt am Freitagabend zu üben. Dann wird der in Ichenhausen geborene und in Günzburg aufgewachsene Liedermacher zum Auftakt des 40. Guntiafestes im Dossenberger Hof mit Bandbegleitung drei oder vier Lieder singen. „Ich habe für mich schon in den vergangenen zwei Wochen jeden Tag etwa eine Stunde geübt, damit die Finger wieder über die Gitarrensaiten laufen und hart werden“, sagt der Mann, der vor vier Jahrzehnten zur Guntiafest-Premiere auf der Bühne stand.

Eigentlich wollte Endhardt mit seiner Musik nirgendwo mehr öffentlich in Erscheinung treten. Das hatte er im Jahr 2000 verkündet und seither so wenige Ausnahmen – und die alle in halbprivatem Kreis – gemacht, dass sie an einer Hand abzuzählen sind. Und eigentlich hatte der Realschullehrer, der wegen einer inzwischen überwundenen Krebserkrankung vor fast drei Jahren in den Ruhestand gegangen ist, das Angebot des Günzburger Oberbürgermeisters Gerhard Jauernig abgelehnt, in seine alte Heimat zu kommen, zu singen, zu spielen. „Aber er ist hartnäckig geblieben, hat meinen Bruder Martin gefragt, ob er mich nicht doch überzeugen kann.“ Die Beharrlichkeit hat gewirkt. „Im Nachhinein bin ich sehr froh, am Freitag in Günzburg zu sein.“

„Wir waren eine musikalische Familie“

Der Mann hat seine alte Liebe, die Musik, wieder entdeckt. Als ältestes von acht Geschwistern ging’s in der Kindheit am Wochenende mit dem Opel Caravan auf große Fahrt. Der Vater, ein Kirchenmaler, saß am Steuer und suchte mögliche Auftraggeber auf. Und die Kinder sollten im Auto zum Zeitvertreib singen, was sie auch taten. „Wir waren eine musikalische Familie. Jeder lernte Instrumente: Ich Gitarre und Akkordeon, später dann Klavier und Cello. Das Singen war ein Disziplinierungsmittel“, findet Endhardt im Rückblick. Die Liedermacherei sei „eine Art Emanzipation vom Vater gewesen, weil ich mein eigenes Ding gemacht habe“.

Die ersten Blätter, die mit Liedtexten gefüllt wurden, lagen unter dem Funkgerät des Hörfunkers Endhardt, der so in Feuchtwangen bei der Bundeswehr langweilige Phasen zu überbrücken verstand. Während des Lehramtsstudiums in München nahm das Texten und Komponieren immer mehr Raum ein. Endhardt spielte in Klubs, in denen auch Größen wie Willy Michl und Fredl Fesl auftraten. 1978 gewann er einen großen Liedermacher-Wettbewerb des Münchner Merkur: Erster von 200. So wurde auch der Musikproduzent Ralph Siegel (Nicole: „Ein bisschen Frieden“) auf ihn aufmerksam und bot ihm einen Plattenvertrag an. Nach reiflichem Überlegen lehnte der schwäbische Liedermacher ab.

Geburtshelfer des Guntiafests

Dass er auf seine Mundart verzichten sollte, die doch so viel näher an den Menschen ist und emotionaler wirkt als das Hochdeutsche, und dass er mindestens zwölf Stücke im Jahr abliefern sollte, brachten ihn zu dem „Nein“. Stattdessen produzierte und vertrieb er zwei eigene Platten („Vo mir und uns“ und „Roada Kadds“), schrieb Gute-Nacht-Geschichten für das „Betthupferl“ des Bayerischen Rundfunks und verfasste ein Kinderbuch. Sein Lehrerberuf, die aufkommenden politischen Aktivitäten (18 Jahre lang Gemeinderat, seit 27 Jahren für die Grünen im Ostallgäuer Kreistag) und die Rolle des Vaters von fünf Kindern ließen die Musik in den Hintergrund treten.

Das Gastspiel nun ist für ihn etwas Bewegendes. Für den schwäbischen Gitarren-Poeten schließt sich ein Kreis. Denn Endhardt war es, der der Stadt Günzburg vor über vier Jahrzehnten ein Konzept vorgelegt hatte, wie so ein Stadtfest ablaufen könnte. Wenn man so will, wird da einer singen, der zu den Geburtshelfern des Guntiafests gehört.

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