1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Der Mensch hinter dem Hauptmann

Burgau

09.10.2017

Der Mensch hinter dem Hauptmann

Sein Meisterstück: Der Militärmantel erinnert Schuster Wilhelm Voigt (Olaf Ude) an seinen besten Coup, seinen großen Auftritt als Hauptmann von Köpenick. Was ist das für ein Mensch, der mit Betrügereien mehr schlecht als recht durch die Welt kommt und schließlich als prominenter Gauner gefeiert wird? Ude und Regisseurin Vera Hupfauer spüren ihm nach.
Bild: Rebekka Jakob

Als „Schlitzohr von Köpenick“ eröffnet Olaf Ude in Burgau einen anderen Blick auf den Gauner Wilhelm Voigt. Dabei springt er virtuos zwischen verschiedensten Dialekten. Nur einer davon fällt dem Schauspieler etwas schwerer.

Was ist das für ein Mensch, der als Betrüger durchs Leben geht? Der so lange mit Postanweisungen trickst, bis er auffliegt, der klaut und fälscht und schließlich in Verkleidung eines Militärs mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten ins Rathaus einer Stadt eindringt, den Bürgermeister verhaftet und die Stadtkasse raubt? Ein ziemlich sympathischer Mensch ist das. So jedenfalls zeigen Olaf Ude und Regisseurin Vera Hupfauer am Neuen Theater Burgau „Das Schlitzohr von Köpenick“. Einen Mann, der mit Berliner Schnauze aus dem Schrankkoffer plaudert, in dem er sein Leben in Form von unzähligen Kopfbedeckungen und anderen Utensilien untergebracht hat.

Wilhelm Voigt breitet vor dem Publikum sein Leben aus, nur mal so zur Probe, versteht sich, denn eigentlich übt er nur für sein großes Geständnis vor Hutmacherin Luise, mit der er endlich unter die Haube kommen will. Gut behütet war der spätere Hauptmann von Köpenick nie, wie Felix Huby und Hans Münch in ihrer Adaption des berühmten Zuckmayer-Stoffs beschreiben. Ein brutaler Vater, eine ungerechte Verhaftung des zwölfjährigen Ausreißers durch einen selbstgefälligen Polizisten, Missverständnisse, enttäuschte Liebe und dann die ersten Betrügereien, die sich wie zufällig ergeben haben: Ja, kann man denn da anders, wenn man sein Leben irgendwie unter einen Hut bekommen muss? Wenn man doch eigentlich nur frei sein will? Und wenn so viel Ungerechtigkeit herrscht, dass man nicht mal Soldat werden darf? „Vorbestraft und dann zum Militär – das hat es in Preußen nicht gegeben“, befindet Voigt entschuldigend. Klar, dass er da mit Uniform und Mütze vom Trödler zur Selbsthilfe greifen und den Hauptmann geben musste, als der er berühmt wurde. Darf man sich da nicht irgendwann danach sehnen, reinen Tisch zu machen und zur Ruhe zu kommen? „Nun brauch ich endlich mal een bisschen Glück, Luise“, sagt Voigt, der bei aller diebischen Freude über seine Kabinettstückchen eigentlich als Gauner seinen Hut nehmen möchte. Einfach ein normales, glückliches Leben führen.

Für die Rolle des Schlitzohrs Voigt muss Olaf Ude eine sprachliche Glanzleistung aus dem Hut zaubern: Denn nicht nur die unterschiedlichen Kappen, Mützen und Helme lassen ihn in die Rollen des versoffenen Schusters, des ostpreußischen Polizisten, des Seemansgarn spinnenden Onkels, des tschechischen Abwerbers schlüpfen: Ude verleiht jedem einzelnen mittels verschiedener Dialekte Stimme und Charakter. Und das nicht nur sprechend, sondern auch singend. Berliner Schnauze, Hamburger Schnack und R-rollendes Ostpreußisch sprudeln nur so hervor. Dass jedoch der schwäbische Schustergeselle im Stück mit „net gschimpft isch globat gnua“ als einziger Wortmeldung auskommt, kommt Ude als nicht-Schwaben eigenem Bekunden nach sehr gelegen. Sein warmherziges Portrait des Wilhelm Voigt hingegen ist alles andere als sparsam und wortkarg.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Der echte Wilhelm Voigt starb 1922 völlig verarmt. In einer Tonaufnahme hatte er am Tag nach seiner Entlassung gesagt: „Immer größer wurde die Sehnsucht in mir, als Freier unter Freien zu wandeln. Frei bin ich ja nun wohl geworden, aber ich wünsche und bitte Gott möge mich davor bewahren, noch einmal vogelfrei zu werden.“ Ein Happy End gab es für ihn wie für die Bühnenfigur des Schlitzohrs nicht. Wohl aber für die Premiere in Burgau: Stehende Ovationen für Olaf Ude, Jubel für Vera Hupfauer. Und bereits im Vorfeld die Ankündigung von Autor Hans Münch, sich die letzte Oktober-Aufführung in Burgau höchstpersönlich anzuschauen.

Weitere Aufführungstermine sind am Freitag, 13., Samstag, 14., Donnerstag, 19., Freitag, 27., und Samstag, 28. Oktober, am Freitag, 3., Freitag, 10., Samstag, 11., Donnerstag, 30. November, und Donnerstag, 14. Dezember, jeweils um 20 Uhr. Informationen, Spielplan und Tickets im Internet unter www.neues-theater-burgau.de und am Kartentelefon 0172/47 22 204.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren