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Mindelaltheim

09.06.2016

Die Enten und Gänse sind schon weg

Wolfgang Friedrich aus Burgau ist einer der Stammkunden von Henriette Baumeister. Doch Enten, Gänse oder Puten gibt es beim Geflügelhof Baumeister in Mindelaltheim keine mehr.
Bild: Peter Wieser

Der Geflügelhof Baumeister in Mindelaltheim ist weit bekannt. Doch nun müssen sich die Kunden umstellen, denn der Betrieb wird aufgegeben.

Auf dem Wegweiser kurz vor Mindelaltheim aus Richtung Burgau steht unübersehbar „Geflügelhof Baumeister“. Doch wo ist das Geflügel? Am 26. April wurden Gockel, Hühner und Puten das letzte Mal geschlachtet, Gänse, Enten und Perlhühner gibt es schon seit Weihnachten keine mehr. Die Nachfrage wäre bei weitem höher gewesen. Doch jetzt wird der Betrieb aufgegeben.

Die Auswahl in dem kleinen Verkaufsraum ist recht überschaubar: hauptsächlich Teigwaren und Eier. Dafür hat Henriette Baumeister nach wie vor ihre Stammkundschaft – und dies seit Jahrzehnten. „Baumeister Mindelaltheim, Grüß Gott“, meldet sie sich freundlich am Telefon. Am anderen Ende der Leitung fragt eine Kundin nach besonders großen Eiern. Ein weiterer aus Scheppach verlangt an diesem Vormittag ebenfalls nach Eiern. Er habe zwar selbst eigene Hühner, aber wenn sie nicht genügend legen wollen, besorge er sich das, was er zusätzlich brauche in Mindelaltheim, meint er lachend.

Die Wurzeln des Gefügelhofs Baumeister entstanden bereits nach dem Krieg mit dem Handel von Eiern, Geflügel, Weichseln und anderem Obst im Haus Nummer 55 in Mindelaltheim. „Die Gänse wurden damals noch trocken gerupft gekauft und in der Waschküche bratfertig hergerichtet“, erzählt Henriette Baumeister. Zweimal die Woche sei man nach Augsburg gefahren, mit der Eierkiste hinten auf dem Fahrrad. Einmal habe ein Kunde einen größeren Posten bestellt und nicht abgenommen. Kurzerhand wurde die Ware in den Beiwagen des Motorrads gepackt und auf den Markt nach Stuttgart verfrachtet. Nach und nach wurde der Handel ausgeweitet und langsam mit der Geflügelzucht begonnen. 1960 konnte schließlich das Gebäude der damaligen Schokoladenfabrik Pindur, nahe der Eisenbahnüberführung, erworben werden. Mit dem Fahrrad und dem „Anhängerle“ habe ihr Bruder immer die Küken für die Aufzucht am Mindelaltheimer Bahnhof abgeholt.

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Baumeister distanziert sich von Massentierhaltung

Es gab Zeiten, in denen tummelten sich auf dem Geflügelhof mehr als 400 Gänse und über 1000 Enten – stets im Freien mit großem Auslauf auf den Wiesen und dem Gelände mit den Pappeln. Darauf legte Baumeister, die sich schon damals energisch von Massentierhaltung distanzierte, immer allergrößten Wert. „Ich würde so etwas niemals essen“, betont sie. Lediglich nachts, nachdem auch der Fuchs ein guter Kunde geworden war, wurden die Tiere in den Gebäuden untergebracht. Neben dem Verkauf auf dem Markt wurde an die vielen kleinen Lebensmittelgeschäfte geliefert, die es in den 60er und 70er Jahren noch gab – stets auf Bestellung.

Als die Geschäfte nach und nach verschwanden, besorgten sich die Kunden ihre Weihnachtsgans oder Sonntagsente direkt in Mindelaltheim, der Geflügelhof Baumeister war bis zuletzt ein Begriff für Qualität. „Aus dem Ei kommt immer dasselbe raus. Es kommt darauf an, wie das Tier aufwächst“, bemerkt Baumeister. 1978 hatte sie übrigens die Meisterprüfung als Geflügelzüchterin, heute Tierwirt, Fachrichtung Geflügel, als eine der Besten abgeschlossen.

Auch die Kundschaft ist traurig über das Aus

Eigentlich hätte sie noch bis zum 70. Lebensjahr weitermachen wollen. Jetzt hört sie zwei Jahre früher auf. Nicht nur aus Altersgründen, sondern auch wegen der immer strengeren Auflagen und geänderter Hygieneanforderungen. Die ungefähr 60 Hühner, die sie noch hat, wird sie behalten und auch Eier wird es weiterhin noch geben. Die Eiernudeln und der Eierlikör werden jedoch ab dem 31. Juli endgültig verschwunden sein.

Traurig ist nicht nur sie, sondern auch ihre Kundschaft. „Wo sollen wir hingegen, wenn wir frisches Geflügel wollen“, meint jemand. Ein Nachfolger sei nicht in Sicht. Dass investiert werden müsse, um den wachsenden Anforderungen des Gesetzgebers gerecht zu werden, wäre nicht das Problem. Aber, so sagt Baumeister: „Sieben Tage die Woche, 14 Stunden am Tag – wer das mitmacht, der muss erst geboren werden.“

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