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Silberdistel im Juni

03.06.2016

Die Feuerwehr für die Seele

Die vier Gründerinnen des Kriseninterventionsteams im Landkreis Günzburg werden mit der Silberdistel unserer Zeitung ausgezeichnet. Gisela Hiller, Heike Ritter, Andrea Berchtold und Dr. Birgit Kennel von links teilten sich vor zehn Jahren noch zu viert einen 24-Stunden-Dienst, sieben Tage in der Woche.
Bild: Rebekka Jakob

Andrea Berchtold und ihre Mitstreiterinnen wollten Menschen im schrecklichsten Moment nicht alleine lassen. Sie gründeten ein Kriseninterventionsteam.

Es war Pfingstsonntag, das weiß Andrea Berchtold noch genau. Schichtbeginn beim Rettungsdienst um 6 Uhr, der Alarm kam um 6.05 Uhr: schwerer Autounfall, Fahrzeug brennt. An der Unfallstelle kann sie nichts mehr für die jungen Leute im Auto tun, beide sind tot. Da kommt eine Frau zur Unfallstelle. Sie ist auf der Suche nach ihrem zuckerkranken Sohn, sie hat sich Sorgen gemacht, weil er sein Frühstück nicht angerührt hatte. Das verunglückte Auto erkennt sie sofort. Andrea Berchtold nimmt die Frau bei der Hand, um ihr zu helfen, das Unfassbare zu verstehen: Ihr Sohn ist tot. „Und gerade, als ich ihr bei der Abschiednahme helfen will, geht mein Alarm-Piepser los.“ Ein Notfallseelsorger ist nicht greifbar, die Ichenhauserin muss die Frau alleine lassen mit dem Schmerz. Und sie schwört sich: „So etwas darf nicht noch einmal passieren.“

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Andrea Berchtold beginnt eine Ausbildung zum Kriseninterventionshelfer. Ein Jahr später, als diese fast abgeschlossen ist, passiert im März 2006 in Jettingen das schrecklichste Verkehrsunglück, das der Landkreis Günzburg je erlebt hat: Ein Paketdienstfahrer erleidet am Steuer einen tödlichen Herzinfarkt, der Wagen rast in einen Trauerzug. Vier Menschen sterben, 56 werden verletzt. Unzählige weitere brauchen Hilfe, um das Geschehen zu verarbeiten. Dieser Tag vor zehn Jahren ist die inoffizielle Geburtsstunde des Kriseninterventionsdienstes des BRK im Landkreis Günzburg. Andrea Berchtold lernt während der Ausbildung Heike Ritter und Gisela Hiller kennen, Dr. Birgit Kennel kommt als Ärztin mit ins Team. Für ihr Engagement erhalten die vier morgen bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen des Teams die Silberdistel unserer Zeitung.

Wenn sie sich heute die ersten Dienstpläne ansehen, müssen die Frauen lachen: „Wie haben wir das damals nur geschafft?“ Zu viert decken sie in der Anfangszeit 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ab, alles ehrenamtlich, versteht sich. „Und dabei sind wir ja alle berufstätig“, sagt Gisela Hiller. Inzwischen hat sich die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt, dem Team gehören derzeit elf ausgebildete Kriseninterventionshelfer und sieben Praktikanten an, die sich langsam in die Arbeit hinein arbeiten. Es sind fast nur Frauen, ein einziger Mann ist dabei.

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Vielleicht ist es die ständige Rufbereitschaft, die auf die Herren abschreckend wirkt. Denn auch wenn nur einer im Dienstplan steht – im Notfall sind oft viel mehr Einsatzkräfte gefragt. So zum Beispiel, als in Memmingen Amokalarm ausgelöst wird. Kennel: „Es war mitten am Tag, und doch sind wir mit neun Leuten hingefahren. Unsere Vernetzung ist klasse – und wenn es brennt, sind alle parat.“ Noch nie, sagt Andrea Berchtold, hat das Team einen Einsatz abgesagt. So kurios die Anforderungen auch zuweilen sein mögen. Zum Beispiel, wenn die Krisenhelfer als Babysitter einspringen, weil eine Alleinerziehende ins Krankenhaus muss. Oder wenn das Team gemeinsam mit den Trauernden von einer Bekannten ungefragt homöopathische Tropfen verabreicht bekommt. Bei allem Schrecklichen, das die Frauen während ihrer Einsätze erleben, passiert auch viel Schönes. Nicht zuletzt die Dankbarkeit der Menschen, um die sie sich kümmern. Das hätten mittlerweile auch Polizei und Einsatzkräfte erkannt, erzählen die Helferinnen. Belächelt werden sie am Einsatzort schon lange nicht mehr. Andrea Berchtold: „Jetzt heißt es: Gut, dass ihr da seid.“

Dass die Frauen da sein können, macht ihr großer ehrenamtlicher Einsatz möglich. Einen Ausgleich für ihre ausgefallene Arbeitszeit, wie sie andere Einsatzkräfte erhalten, gibt es für die Kriseninterventionshelfer nicht. „Unsere Arbeit bekommt oft noch zu wenig Anerkennung, nicht durch die Öffentlichkeit, sondern durch die öffentliche Hand“, sagt Heike Ritter. Die Menschen, denen sie nach einem Unglück hilft, zeigen meist postwendend Dankbarkeit. Was den Helferinnen die Arbeit unnötig schwer macht, ist die Schnelligkeit, mit der sich Unfallfotos und Nachrichten in Sozialen Netzwerken verbreiten. Ritter: „Das bringt uns oft in Zeitdruck und an die Personalgrenze, weil dann beispielsweise an eine Unfallstelle viel zu viele Menschen kommen. Und im schlimmsten Fall, wenn die Familie per WhatsApp von Bekannten erfahren muss, dass der Sohn tödlich verunglückt ist.“

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