Landkreis Günzburg

23.04.2018

Die Reise ins Ich

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Fußwallfahrt der Landvolkbewegung in die Zentralschweiz nach Sachseln, kurz vor der Grabeskirche von Bruder Klaus. Unter den Teilnehmern sind stets auch welche aus der Region.
Bild: Dieter Haschner

Manche Wege muss man gehen, um zu sich selbst zu kommen. Dazu gehört für sechs Frauen und Männer aus dem Landkreis die Bruder-Klaus-Fußwallfahrt.

Sie sind jetzt 76 Jahre alt und haben ohne Unterbrechung zwischen 1982 und 2007 an der Flüeli-Fußwallfahrt teilgenommen. Wie ist es dazu gekommen?

Rosa Wagner: Durch Mundpropaganda 1981 auf einer Israel-Reise. Damals hatten die Fluglotsen gestreikt – und wir hatten viel Zeit. Der Pfarrer hat über diese spezielle Wallfahrt erzählt. Das hat mir so gefallen, dass ich mir eingebildet habe, da mitmachen zu müssen. 26 Mal sind daraus geworden.

Sie pilgern in sechs Etappen rund 200 Kilometer vom Allgäu in die Zentralschweiz – an den Wirkungsort von Niklaus von Flüe, der als Bruder Klaus besser bekannt ist. Haben Sie sich mit diesem Mann beschäftigt?

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Elisabeth Sailer: Schon. Er ist, wenn man so will, ein komischer Heiliger. Denn er hat, nachdem die Hofübergabe an den ältesten Sohn geregelt war, seine Frau und seine zehn Kinder verlassen, weil er seiner Berufung nachgegangen ist. Reinhold Siegner: Die Geschichte wird Bruder Klaus, der von 1417 bis 1487 gelebt hat, immer anhaften. Er ist Schutzheiliger der Schweiz; auch deshalb, weil er Streitigkeiten mit Nachbarländern schlichten konnte. Und er ist der Patron unserer Landvolkbewegung. Nicht viele Bauern werden heiliggesprochen.

Wie schwierig ist diese Wallfahrt?

Matthias Bolkart: Sie ist eine körperliche Herausforderung. Wenn man nachmittags erschöpft ans Ziel kommt, seinen Koffer aus dem begleitenden Bus holt und ihn samt Tagesrucksack und Wanderstöcke in den Schlafsaal in den dritten Stock schleppt, dann fragt man sich schon: Was mache ich eigentlich hier? So ist es nicht nur mir, sondern vielen anderen beim ersten Mal gegangen. Aber jeden Tag läuft’s ein bisschen besser, wenn man erst einmal in Tritt gekommen ist. Ferdinand Lerner: Unterschätzen sollte man auch nicht, dass die Nacht bereits um 3 Uhr vorüber ist. Wecken, waschen, wer will, kann sich noch selbst ein kleines Frühstück zubereiten. Und um 4 Uhr beginnt die nächste Etappe. Ich werde nicht vergessen, wie jemand am Ende des ersten Tages über sich selbst gesagt hat, was er nur für ein dummer Hund sei, da mitgemacht zu haben. Am nächsten Tag stand der Mann vor mir und hat den Gottesdienst gehalten: Es war der Pfarrer.

Was schätzen Sie an dieser Wallfahrt?

Reinhilde Lerner: Mir gefällt der Gottesdienst am Abend so gut. Einige der Teilnehmer haben ihre Instrumente mitgenommen, packen sie dann aus und gestalten den Gottesdienst einfach mit. Und dann ist es auch die Gemeinschaft untereinander. Neulinge tragen ein Namensschild mit einem weißem Band um den Hals. Die „Weißlinge“ sind also leicht zu erkennen. Und Unterstützung ist da nicht fern.

In einem Prospekt wird von einer „inneren Einkehr“ gesprochen. Haben Sie das so erlebt?

Ferdinand Lerner: Beim ersten Mal war es bei mir nicht so. Denn da war ich durch die körperliche Anstrengung und Umstellung so mit mir beschäftigt, dass ich nicht einmal richtig mitbekommen habe, in welcher schönen Landschaft ich mich bewege. Was aber in den Tagen der Wallfahrt mit den Menschen passiert, ist beachtlich: Da führen plötzlich fremde Menschen Gespräche miteinander, die man so kaum für möglich hält. Bolkart: Und wenn andere über Schicksalschläge oder Familientragödien sprechen, merkt man sehr schnell, wie klein doch plötzlich die eigenen Probleme werden.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ferdinand Lerner: Einer hat von seiner Frau berichtet, die an schweren Depressionen litt. Sie hat ihre kleinen Kinder und sich selbst umgebracht.

Wie kann man in einem solchen Moment, in der die ganze Verzweiflung des Witwers aufsteigt, reagieren?

Wagner: Zuhören.

Macht einen diese Wallfahrt zu einem anderen Menschen?

Bolkart: Das glaube ich schon – zumindest für eine gewisse Zeit. Wenn man von so einem Erlebnis nach Hause kommt, werden die Alltagssorgen nicht unbedingt weniger. Ich habe dann fast das Gefühl, sie warten bereits hinter der Haustür auf einen. Und doch nimmt man sie leichter. Wagner: Für mich war das alle die Jahre immer eine Auszeit für Leib und Seele.

Was passiert dann am Ziel der Pilgerreise?

Bolkart: Es ist ein überwältigendes Gefühl. Man ist stolz auf sich, das so hinbekommen zu haben. Menschen, die sich zuvor nicht gekannt haben, fallen sich in die Arme. Die Augen werden feucht.

Gibt es einen in dieser Runde, der bei der Bruder-Klaus-Fußwallfahrt noch nicht geweint hat? Dann darf er das jetzt gerne sagen.

Die Gäste bleiben stumm.

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