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Historisches

19.09.2014

Die erschütternde Chronik einer Katastrophe

Pfarrer Julius Pröbstle (rechts) schildert in einem Tagebuch den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines Daheimgebliebenen in Mindelaltheim. Das Foto zeigt ihn mit einer Schulklasse. Es ist aus dem Schuljahr 1920/21.
Bild: Archiv Karl Bader

Pfarrer Julius Pröbstle schildert in seinem Tagebuch den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines Daheimgebliebenen. Es ist die Geschichte von attraktiven Franzosen, ausgelöschten Familien, knappen Lebensmitteln und großer Not

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg – und er hinterließ auch im Landkreis Günzburg tiefe Spuren. Kreisheimatpfleger Karl Bader hat sich in seinem Heimatort auf die Suche gemacht und den Nachlass von Julius Pröbstle analysiert, der während des Ersten Weltkriegs Pfarrer in Mindelaltheim war.

Etwa 80 Postkarten und Ansichtskarten von der Front, dazu weitere Briefe, offizielle Todesnachrichten der jeweiligen Kompaniefeldwebel und die nüchterne Nachricht aus einem Lazarett, den schwer verletzten Sohn noch zu besuchen: All das hat Pfarrer Julius Pröbstle gesammelt, der in der Zeit des Ersten Weltkriegs in Mindelaltheim wirkte. Vor allem aber zählt ein mehr als 350 Seiten umfassendes Tagebuch zum Nachlass des Seelsorgers. Zeitungsausschnitte aus dem Burgauer Anzeiger zu aktuellen Ereignissen und die Todesanzeigen Gefallener ergänzen seine Eintragungen. Jetzt wurde sein Nachlass erstmals gesichtet.

Pfarrer Julius Pröbstle nahm 1911 die Pfarrstelle in Mindelaltheim an. Zu dieser Zeit beginnt auch sein Tagebuch. Dicht gedrängt folgen seine Eintragungen allerdings erst mit dem Beginn des Krieges am 1. August 1914. Mehr als 300 Seiten berichtet er dann über die mehr als vier Kriegsjahre aus der Sicht eines Daheimgebliebenen.

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Die gesammelten Ansichtskarten zeigen meist zerschossene Dörfer mit Kirchenruinen in Frankreich oder Belgien. Es gibt aber auch Karten, die eine von den Soldaten errichtete Kapelle in der Etappe zeigen. Die Soldaten schreiben über ihre Versorgungslage und berichten über ihre Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges – vielleicht nach der nächsten großen Offensive, die von ihnen bald erwartet wird. In den Briefen werden die „Feldgrauen“ deutlicher. Pfarrer Pröbstle liest sie sorgfältig und vermerkt wesentliche Inhalte auch in seinem Tagebuch.

Er war sicher kein „Hurra-Patriot“, doch eine bayerisch-patriotische Gesinnung kann schon aus den Zeilen herausgelesen werden. Er dokumentiert im Tagebuch den Inhalt seiner Predigten, in denen er zur Tapferkeit und zum Ausharren aufruft. Er fordert zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf, für die letzte, die neunte, noch im Herbst 1918.

Eine zunächst deutlich erkennbare deutsch-nationale Einstellung ändert sich allerdings unter dem Eindruck der Kriegsereignisse, aber vor allem nach den Informationen, die er von den Soldaten direkt erhält, sei es von Urlaubern oder aus den Feldbriefen. Schließlich werden das Großsprecherische des Kaisers und das Preußentum in seinen Aufzeichnungen immer deutlicher für den Ausbruch und die Dauer des Krieges verantwortlich gemacht.

Es ist nicht möglich, das Tagebuch in einem Zug durchzulesen. Zu erschütternd ist der Inhalt der Aufzeichnungen. Von einer Familie sind alle fünf Söhne im Krieg. Ein Sohn stirbt nach einer Verwundung an der russischen Front in einem Lazarett in Sachsen. Als einziger heimischer Soldat wird er in einem Zinnsarg zur Bestattung nach Mindelaltheim überführt. Am Tag nach der Beerdigung stirbt in Deubach dann auch noch seine Schwester an Fieber. Tragisch auch die Geschichte der Bürgermeisterfamilie: Der einzige Sohn fällt. Monate danach erliegt der Vater einem Schlaganfall. Die Familie erlischt, welche fast ein Jahrhundert immer wieder die Bürgermeister im Dorf stellte.

Pröbstle schildert auch ausführlich den Kriegsalltag auf dem Dorf: „Man sieht nur alte Männer, Frauen und Kinder.“ Kein Wunder, denn in dem Ort mit gerade 220 Seelen sind teilweise bis zu 38 Mann einberufen. Die Jungen stehen an der Front, die Älteren dienen beim „Train“, also bei unterstützenden Einheiten. Man kann sich vorstellen, dass damit fast alle gesunden Männer im Ort fehlten, zudem wurden immer wieder Zugpferde eingezogen, was die Arbeiten weiter erschwerte.

Die Männer werden teilweise durch Gefangene ersetzt: Russen, Franzosen und Serben. Die Gefangenen sind im Armenhaus einquartiert. Pfarrer Pröbstle verschweigt nicht die Probleme, die durch die Anwesenheit der jungen Gefangenen entstanden sind. Gerade die Franzosen in ihren schmucken roten Uniformen üben eine gewisse Anziehungskraft auf die Mädchen und jungen Frauen aus. In der Zeitung finden sich Berichte, in denen Verhältnisse mit Gefangenen vor Gericht verhandelt werden. Pfarrer Pröbstle hat auch diese ausgeschnitten.

Einen breiten Raum in seinem Tagebuch nimmt die Berichterstattung über den Umgang mit dem alltäglichen Mangel ein. Er berichtet von Viehzählungen und Ernteschätzungen, die wegen Bestechlichkeit schließlich von Bauern aus Nachbargemeinden vorgenommen werden, von illegalen Geschäften mit Lebensmitteln, insbesondere von Mehl. Ab 1915 werden immer mehr Lebensmittel rationiert und sind nur noch durch Bezugsmarken erhältlich. Er schildert die Zwangsablieferungen von Zinnkrügen und Messingtürknöpfen, den Abbau der gerade erst installierten Kupferleitungen für den elektrischen Strom im Dorf und den Abtransport der Glocke aus der Hl. Kreuzkirche zum Einschmelzen.

Am 9. November 1918 endet der Krieg mit der Niederlage des Deutschen Reichs. Die Krieger kehren heim. Bei der Kirche ist ein Triumphbogen zu ihrem Empfang errichtet. Etwas Positives kann der katholische Pfarrer der Niederlage dann doch noch abgewinnen: Wenigstens hatte „das lutherische preußische Kaiserreich aufgehört zu existieren“. Pfarrer Pröbstle setzt auch nach dem Krieg sein Tagebuch fort. Am 8. November 1924 stirbt er unerwartet.

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