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Reifertsweiler

11.08.2018

Die große Liebe zu einem kleinen Ort im Kreis Günzburg

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7 Bilder
Das ist ein Treffen der Rekorde: Der jüngste Bürger des Ortes ist mit gut sieben Monaten Julius Thomma. Da haben Rosa Untersehr und Melda Schiller (rechts) ein wenig mehr Lebenserfahrung. Die beiden Frauen feiern am selben Tag im November ihren 84. Geburtstag. Älter ist in Reifertsweiler niemand.
Bild: Till Hofmann

Plus Kein Lebensmittelladen, keine Wirtschaft, kein Bürgerhaus: Reifertweiler hat anderes zu bieten. Was den Reiz dieses Fleckens ausmacht. Unsere Dorfserie, Teil 3.  

Vor gut einer Woche ist Johann Schneider dorthin gefahren, wo andere Leute Urlaub machen. Die nehmen Gedränge in Kauf. Schließlich wird als Gegenleistung ein erhebendes Gefühl erwartet, wenn man seinen Fuß in die Gänge, Säle und Gemächer des Märchenkönigs Ludwig II. setzt, der einst zumeist tief in der Nacht in seinem Schloss Neuschwanstein herumgeisterte. Für so viel Pathos hat Schneider keine Zeit. Er und seine Frau vertreten die Tochter, die sich einige Tage Urlaub gönnt. Das Geschäft muss laufen an 363 von 365 Tagen (nur Heilig Abend und Silvester ist geschlossen), der Standort für den Laden könnte besser nicht gewählt sein: In dem Komplex, in dem die Menschen geduldig auf Tickets für Neuschwanstein und Hohenschwangau anstehen, verkauft Schneiders Tochter Andenken – häufig veredelt durch das Konterfei des bayerischen Monarchen. Die gelernte Heilerzieherin, die früher in Ursberg arbeitete, hat es gut erwischt im Geschäft am Fuße der Königsschlösser, das etwas von einer Goldgrube hat. Würde Schneider nicht gerne tauschen wollen – und lieber hier leben anstatt in dem Ort, der seine Winzigkeit bereits im Namen trägt? Reifertsweiler. Wer mit Tempo 50 durch das Straßendörflein fährt, benötigt nicht einmal die Länge eines TV-Werbespots, um durch zu sein. In weniger als 25 Sekunden ist alles vorbei.

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Die Antwort findet sich auf dem Balkon

Johann Schneider antwortet auf die Frage zunächst nicht. Er blickt einen an. Wenn seine Augen sprechen könnten, würden sie dem Fragenden vermutlich entgegnen: „Du Unwissender!“ Dann erhebt er sich vom Stuhl im abgedunkelten Wohnbereich, geht wenige Schritte auf seinen Balkon und lädt ein, es ihm nachzutun. „Es gibt nichts Schöneres als diesen Anblick“, sagt er und zeigt auf das vor ihm liegende Kammeltal. Im Hintergrund ist ein Teil von Ettenbeuren zu sehen. Der Rest wird aus dieser Perspektive von Reifertsweiler Häusern verdeckt, von denen es nicht allzu viele gibt.

Der 69 Jahre alte Schneider – und das ist nicht übertrieben – liebt seine Heimat: Den nahen Fluss; das Froschkonzert vor der Hautür, das als natürliche Lärmquelle selbstverständlich akzeptiert wird; und die Vertrautheit unter den Alteingesessenen.

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Allerdings seien die Aktivitäten im Ort und auch die Möglichkeiten im Laufe der Jahre immer weniger geworden. Was waren das für Zeiten, als man sich noch regelmäßig beim Rupprecht Karl traf, dem „Fläschawirt“! Der wurde so genannt, weil er ausschließlich in Flaschen abgefülltes Bier anbot. Er sei ein sehr gläubiger Mensch gewesen – und einer, dem seine Gäste in regelmäßigen Abständen teils derbe Streiche spielten. In einem davon spielt die Hand einer Schaufensterpuppe eine Rolle. Die ließen Gäste aus dem vor dem Lokal befindlichen Misthaufen des Wirtes so herausragen, dass man leicht hätte annehmen können, Reifertsweiler sei der Tatort eines Kapitalverbrechens geworden, mindestens aber eines großen Unglücks. Rupprecht sei aber nur wenig schuldig geblieben, habe bei geeigneter Gelegenheit für den Schabernack heimgezahlt.

Auch der Bauwagen im „Rechtlerwald“ ist verschwunden

Das alles gibt es nicht mehr: Den Fläschawirt; den Arzt, der in Ichenhausen praktizierte, aber in Reifertsweiler wohnte und in Schneiders Elternhaus jeden Mittwochabend eine inoffizielle Dorfsprechstunde abhielt; die Schreinerei; den Bauwagen im „Rechtlerwald“, in dem es nach der Arbeit oft ziemlich spät geworden ist; die Misthaufen, die etwa zu einem Dutzend Bauernhöfen gehörten. Nur Hermann Thomma lässt eine Rinderherde, die seiner Tochter in Reisensburg gehört, auf seinem Grund in Reifertsweiler weiden. „Das gefällt mir einfach, die Tiere hier zu haben“, sagt er. Vor zwei Wochen wurde ein Kalb geboren. Selbstverständlich wusste jeder in dem Weiler bald Bescheid darüber: Das kleine Dorfgespräch ist schnell geführt.

Noch immer gibt es den Klopfertag im Winter. Kinder ziehen von Tür zu Tür, sagen ihre Sprüche auf und dürfen auf kleine Geschenke hoffen. Früher seien das mal zwischen zehn und 15 Kinder gewesen, beim letzten Mal waren es noch ein Bub und ein Mädchen.

Oben kämpft die 83-Jährige manchmal mit der Einsamkeit

Stirbt Reifertsweiler langsam aus? Auf dem 5,8 Hektar großen Siedlungsgebiet sind 42 Personen gemeldet, was 1,3 Prozent der Einwohner der Gemeinde Kammeltal entspricht. Früher haben mehr als 60 Menschen hier gewohnt. Ein lebender Beweis, dass sich wieder etwas zum Besseren wendet, ist das junge Paar Christian und Christina Thomma, die hier neu gebaut haben. Sohn Julius ist an Neujahr auf die Welt gekommen. Was war das kürzlich für eine Freude für Rosa Untersehr und Melda Schiller, den jüngsten Spross des Dorfes auf dem Arm zu halten. Die beiden Damen haben dabei selbst etwas zu bieten: Lebensjahre. Sie sind mit 83 die ältesten Bewohnerinnen Reifertsweilers. Und sie haben tatsächlich am selben Tag das Licht der Welt erblickt – am 17. November 1934. Beide sind der Liebe wegen nach Reifertsweiler gezogen. Rosa Untersehr im Mai 1959. Drei Jahre später ist ihr Mann tödlich verunglückt. Die Deubacherin ist dennoch geblieben. Und Melda Schiller, die aus Niederraunau stammt, hat zu kämpfen dort oben in ihrem großen Hof mit dem besten Überblick über „Weiler“ (so verkürzen die Einheimischen den Ortsnamen) und das Kammeltal – sie hat zu kämpfen mit der Einsamkeit, auch neun Jahre nach dem Tod ihres Mannes.

Wenn jemand kommt, gibt es viel zu bereden. So wie vor gut einer Woche mit Ingrid Krautmann. „Bis um ein Uhr sind wir da auf der Bank beieinander gesessen“, sagt die umtriebige Frau, die ihrer Tochter Bettina im Blumenladen in Burgau hilft. Im Dorf gehört sie zu denen, die sich kümmern, dass etwas läuft; und die Menschen zusammenbringt – sei es für einen Fototermin in der Kapelle oder für den monatlichen Rosenkranz. Als dieser einmal auszufallen drohte, bewegte sie ihren Mann Willi – zugegebenermaßen mit einer politisch vielleicht nicht ganz korrekten Ansage: „Wenn Du nicht mitkommst, gehe ich auch nicht mit Dir aus.“ Das stand nun so im Raum und entfaltete seine volle Wirkung, obwohl das „nicht meine Welt“ ist, wie der Jagdpächter sagt. Wenigstens hat es der Mann in diese unbekannte Welt nicht weit. Die Kapelle grenzt an den Garten der Krautmanns, in dem sich mindestens ein Geheimnis verbirgt. Die Herrin des Hauses zieht einige Blätter zur Seite und enthüllt eine Frucht, die überrascht: Eine Kiwi hängt da.

Ein Konzert von Ureinwohnern für Ureinwohner

Das führt direkt zu Klaus Brückner, der auf der anderen Straßenseite wohnt. Der Münchner hat vor einigen Jahren ein verfallenes Bauernhaus gekauft, es hergerichtet und zieht den Sommer in der ländlichen Idylle des Landkreises Günzburg dem der Landeshauptstadt vor. Kiwis (eine Bezeichnung für Neuseeländer) hatte er 2013 eingeladen, bei sich kostenlos zu übernachten. Zum Dank gab die Maori-Gruppe Moana and the Tribe ein kurzes Konzert. Was muss das vor fünf Jahren für ein Moment gewesen sein? Neuseeländische Ureinwohner musizieren für die Ureinwohner Reifertsweilers.

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