Newsticker

Teil-Lockdown bis 10. Januar 2021 verlängert - Söder deutet Verschärfung an
  1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Die potenzielle Katastrophe: Atom-Ernstfall wird geübt

Gundremmingen

11.11.2017

Die potenzielle Katastrophe: Atom-Ernstfall wird geübt

Malerisch und bedrohlich zugleich: das Atomkraftwerk in Gundremmingen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Am Samstag üben die Behörden in Schwaben die richtige Reaktion auf einen möglichen Unfall im Atomkraftwerk Gundremmingen. Was Bürger im Ernstfall machen sollten

An diesem Morgen bebt die Erde. Irgendwo in Baden-Württemberg. Mehr weiß Ingeborg Steinmetz-Maaz noch nicht. Doch ab 9 Uhr muss sie darauf reagieren. Denn von dem Beben wird auch das Atomkraftwerk Gundremmingen betroffen sein – möglicherweise stürzt dort etwas ein, fängt etwas Feuer, fällt ein Sicherheitssystem aus. „Ich weiß nicht, was sich die Kollegen alles ausgedacht haben, das erfahren wir erst am Samstagmorgen“, erklärt Steinmetz-Maaz. Sie ist die Leiterin des Sachgebietes Sicherheit und Ordnung bei der Regierung von Schwaben und damit federführend für die große Katastrophenübung, die dort am Samstag stattfindet.

In der Theorie, sprich an Schreibtischen und Computern, spielen die Behörden in der Region das oben genannte Szenario durch: einen Störfall im Atomkraftwerk. Was ist zu tun? Wer alarmiert wen? Welche Regionen müssen evakuiert werden? Für all diese Fragen gibt es schon vorab klare Antworten, festgehalten in diversen Notfallplänen. Alle sechs Jahre werden diese in einer sogenannten Stabsrahmenübung mit sämtlichen zuständigen Behörden geprobt.

Dieses Jahr ist allerdings eine Premiere. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 wurden im November 2015 die bayernweiten Richtlinien verschärft. So wurden beispielsweise die Evakuierungszonen rund um das Kraftwerk erweitert. Seither zählen alle Gemeinden in einem Radius von fünf Kilometern – zuvor waren es 2,5 Kilometer – zur sogenannten Zentralzone, die im Notfall als Erste und innerhalb von sechs Stunden zu evakuieren wäre. Rund 15000 Menschen wären davon betroffen. Dieses Jahr wird der Ernstfall zum ersten Mal nach den neuen Richtlinien geprobt. Auf Behördenebene. Am Schreibtisch. Doch wie sollen eigentlich die Bürger in der Region reagieren, wenn es tatsächlich eines Tages in Deutschlands leistungsstärkstem Atomkraftwerk zu einer Katastrophe kommt?

Von Tabletten bis zur Evakuierung

In erster Linie ruhig, antwortet Ingeborg Steinmetz-Maaz. Und mit mindestens einem Ohr am Radio. „Wenn der Notfall eintritt, wird die Bevölkerung mit der Sirene alarmiert und über Rundfunk und auf allen Kommunikationswegen, die uns zur Verfügung stehen, über das weitere Vorgehen informiert.“ Dieses hänge von Art und Schwere des Unfalls ab. „Es kann sein, dass es das Sicherste für die Menschen ist, einfach zu Hause zu bleiben und die Rollläden herunter zu lassen“, sagt Steinmetz-Maaz. Weitere denkbare Maßnahmen sind die Ausgabe von Kaliumjodidtabletten, mit denen sich Menschen, die nicht älter als 45 Jahre sind, vor der Strahlenbelastung schützen sollen. Oder eben die Evakuierung besonders gefährdeter Gebiete. Welche das sind, würden die Behörden rechtzeitig mitteilen, erklärt Steinmetz-Maaz. Zu diesem Zweck wurde das Gebiet rund um Gundremmingen in verschiedene Zonen und Sektoren eingeteilt, die dann, je nach Gefahrenlage, evakuiert würden.

Die Katastrophenschutz-Experten gehen davon, dass rund drei Viertel der Menschen selbstständig und mit eigenen Fahrzeugen die betroffenen Regionen verlassen. Die Polizei sei dafür zuständig, ein Verkehrschaos zu verhindern. Das verbleibende Viertel der Bevölkerung soll sich an gewissen Sammelstellen treffen und dann mit Bus oder Bahn zu festgelegten Aufnahmebereichen außerhalb des Gefahrenbereichs gebracht werden. Bürger Gundremmingens kämen demnach beispielsweise nach Kempten, die Menschen in Gundelfingen ins Oberallgäu.

Was Kritiker dazu sagen

„Und die Günzburger sollen mit dem Zug nach Augsburg fahren – direkt am Kernkraftwerk vorbei“, sagt Thomas Wolf und schüttelt den Kopf. Der Sprecher der Aktionsgruppe „Mahnwache Gundremmingen“ hält Übungen, wie sie am Samstag bei der Regierung von Schwaben stattfinden, „für unbedingt notwendig“. Gleichzeitig aber auch ein Stück weit für nutzlos.

„Wenn in Gundremmingen eine Katastrophe passiert, ist das auch mit den besten Plänen nicht zu bewältigen“, glaubt Wolf. Er sieht im Grunde nur eine Lösung des Problems: die Abschaltung des Atomkraftwerks. Ende dieses Jahres wird einer der beiden Reaktoren heruntergefahren. Der zweite soll 2021 folgen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren