1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Dieses verflixte siebte Jahr

Burgau

19.11.2018

Dieses verflixte siebte Jahr

Großer Publikumserfolg für die Koproduktion von Neuem Theater Burgau und Sensemble Augsburg mit Max Frischs „Biografie: Ein Spiel“ und die Darsteller (von links) Heiko Dietz, Olaf Ude, Birgit Linner und Dörte Trauzeddel.
Bild: Helmut Kircher

Mit dem Augsburger Theater Sensemble bringt das Neue Theater Burgau Max Frischs „Biografie: Ein Spiel“ zur Aufführung. Warum das ein richtig großer Wurf ist.

Zwei Stunden reden, rauchen und retrospektiven sie sich durch zwei Akte Wahrheitsfindung, Wunschvorstellung und Wehleidigkeit, um dann, quasi mit dem letzten Satz, den Gordischen Knoten vergeblicher Machbarkeit durch eine Pointe verblüffender Simplizität zu lösen. Die Welt also gerettet? Nein, eben genau das nicht! „Sie stehen unter dem Verdacht,“ heißt es im Stück „dass Sie die Welt verändern wollen. Niemand wird auf den Verdacht kommen, dass Sie bloß Ihre Biografie verändern wollen.“

Also darum geht es. Die Biografie verändern. Ein Leben im Konjunktiv. Was wäre, wenn …? Der Verhaltensforscher Hannes Kürmann – klasse, wie Heiko Diez, zwischen manieriert hagestolzig und pseudotiefsinnig changierend, seine Befindlichkeitsstörungen ausbadet – er will das. Warum? Weil er gern eine Biografie ohne seine zweite Ehefrau Antoinette hätte. Und was ist an dieser Frau – Dörte Trauzettel gibt sie mal steinerweichend lasziv, mal mit verspielter Ausgefuchstheit ihre Zuneigungsbekundungen dosierend – was ist an ihr so schlimm? Zum einen kann, will und wird er diese Frage nicht beantworten, zum anderen gelingt ihm dieses „ohne“ schlichtweg nicht. Ein Spielleiter, so etwas wie der dramaturgische Übervater des Stückes – süffisant und überlegen alle pietistische Betulichkeit aufwirbelnd – demonstriert Olaf Ude entschlossenen Erweckungsdrang – lässt den Kennenlern-Abend der beiden als Spiel im Spiel, immer wieder neu beginnend, mit immer neuen Varianten durchspielen.

Trotzdem, es läuft in jeder Fassung auf das gleiche Ende hinaus: zusammensitzend am Frühstückstisch. „Und immer ist es dieselbe Walze, trotzdem ist man gespannt jedes Mal.“ Sie scheitern konsequent an ihrem erfolgreichen Zusammenbleiben. Das Spannungsfeld der Möglichkeiten beschränkt sich auf sieben Jahre, der letzten im Leben des Professors. Die spielerische Veränderbarkeit des Geschehens führt aber zu nichts anderem als zu seiner Unausweichlichkeit. Schwäche oder Schicksal, das ist hier die Frage. Da ändert weder die Mitgliedschaft Kürmanns in der Kommunistischen Partei etwas, noch dass er seine Frau erschießt. Die Spielregeln erlauben ja, dass er das wieder rückgängig macht. Weichei, das er ist, wird aus allem sexuell Machbaren ein Megaknaller: Er ruft nach einem Taxi für das Objekt seiner verkappten Begierde. Suhlt sich weiter in der Gefängniszelle seines Ichs. Bis es dann doch geschieht. Mühelos gelingt ihr, was ihm nicht gelang: Antoinette geht. Und kommt nie mehr zurück. Die Ehe findet nicht statt. Kürmann ist frei. Zumindest bis ihn, in jenem verflixten siebten Jahr, der Krebs einholt. Sie also unterliegt nicht der gleichen Zwangsläufigkeit wie er. Die konsequente Frage: Warum nicht? Antwort gibt es keine. Das Stück ist aus.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

„Ich habe es als Komödie gemeint“ sagt Frisch über sein nostalgieveredeltes 60er-Jahre-Opus. Muss man das ernstnehmen? Regisseur und Bühnenbildner Philipp J. Neumann jedenfalls nimmt es ernst. Auf seine Art. Und er tut gut daran, denn es gelingt ihm eine Komödie der Art heiter-spritziges Bildungstheater, mit integriertem Wohlfühlfaktor. In biologisch abbaubarem Bühnenbild aus Echtholzkonstruktion, gefüllt mit gut 200 Aktenordnern durchschrittenen Lebens. Unverkennbar die Handschrift seiner leisen, hintergrundhumorigen Sichtweise, die kein Ergründen tiefenpsychologischer Gebirgsschluchten erfordert, sondern die Denkordnung auf kürzestem Weg in Szene umsetzt. Als Running-Gag ein „Möchten Sie noch mal anfangen?“. Hörbares Dauerschmunzeln in den Publikumsreihen.

Die radikalen Textkürzungen, mit Reduzierung der Darsteller von ursprünglich 37 auf vier, gibt einer Birgit Linner als Assistent/in die Möglichkeit, vollrohr herzerweichend, mit frechen Hüpfern und herrlich verquerer Koketterie in all die Rollen zu schlüpfen, die sonst noch auf die Bühne gehören, und es damit sogar zum Szenenbeifall bringt. Ein richtig großer Wurf, diese erste Gemeinschaftsproduktion von Neuem Theater und Sensemble (Lesen Sie hier unseren Bericht über die Augsburger Premiere: „Max Frisch fragt: Was wäre wenn?“). Unbedingt sehenswert.

Nächste Vorstellungen im Neuen Theater am 23., 24. und 30. November und 1., 7., 8. Dezember jeweils 20 Uhr. Kartenservice unter 0177/5892585 und auf www.neues-theater-burgau.de

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Brieftraeger_GZ_Deutsche_Post_AG_Dez18_18.tif
Günzburg

Günzburger Briefträger verteilt nur noch selten Weihnachtspost

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden