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Diskussion in Corona-Zeit: Sollen nicht Vernunft und Respekt über Hass stehen?

Kommentar Von Christian Kirstges
20.11.2020

Das Thema Corona wühlt viele Menschen auf. So sehr, dass viele nur noch mit Aggression und Häme reagieren. Das merkt auch unsere Zeitung Tag für Tag.

Man könnte es sich einfach machen. Man könnte sagen: Die meinen einen nicht persönlich, die wollen nur Dampf ablassen angesichts der Probleme, die es in Corona-Zeiten gibt. Aber damit würde man es sich zu leicht machen. Wenn man keinen Artikel im „sozialen“ Netzwerk veröffentlichen kann, ohne dass Gegner und Befürworter der Corona-Maßnahmen übereinander herfallen und Journalisten, Behörden, Politiker, Polizisten, Ärzte, Richter und andere mitunter in übelster Wortwahl attackieren, ist die Sache nicht einfach. Es gerät etwas aus den Fugen, was in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte: dass nicht der Lauteste recht hat und bekommt, sondern der mit dem besseren Argument – und der mit Fakten statt purer Meinung. Darauf aber scheint es nicht mehr anzukommen.

Die Probleme haben weit vor Corona begonnen

Man könnte es sich einfach machen und sagen, das ist halt so in einer Welt, in der auch Volksvertreter und Staatenlenker zum Teil Unwahrheiten verbreiten und Regeln ignorieren können. Aber damit würde man es sich zu leicht machen. Denn die Probleme haben weit vor der jetzigen Krise begonnen. Was nun Corona ist, waren davor etwa Flüchtlinge. Auch da konnte man nichts veröffentlichen, ohne dass es nicht „gekapert“ wurde. Wird heute Medien von den einen vorgeworfen, vom Staat gelenkt dessen Propaganda zu verbreiten, und von anderen, grundsätzlich falsch zu berichten, spalteten sich auch damals die Reaktionen unversöhnlich in dafür oder dagegen. Mit Argumenten und dem Versuch der Transparenz war und ist nichts zu gewinnen. Wenn man sieht, dass kommentiert wird, ohne dass der zugrunde liegende Artikel gelesen wurde, hilft nichts mehr.

Der Hass ist längt in die "reale" Welt geschwappt

Man könnte es sich einfach machen und sagen, das ist nun mal so im Internet. Aber damit würde man es sich zu leicht machen. Dieser Hass und Egoismus, auf der eigenen Sicht zu beharren und Regeln zu ignorieren, wenn sie einem nicht selbst dienen, ist in die „reale“ Welt geschwappt. Auch hier wird von Zensur schwadroniert, wenn etwa der Leserbrief viel zu lang ist oder zum hundertsten Mal dieselbe Schimpftirade geschrieben wurde und er deshalb nicht gedruckt wird. Wenn die Pressemitteilung mangels Relevanz nicht erscheint oder gekürzt wird. Verkannt wird auch, was Journalisten sind oder sein sollten: Überbringer von Nachrichten – nicht die Verursacher.

Sollen nicht lieber Vernunft und Respekt über dem Hass stehen?

Man macht es sich zu einfach, indem man sagt, Fehler in der Zeitung seien Absicht, gewollte Desinformation. Man macht es sich zu einfach, jede Nachricht im Internet gratis lesen zu wollen und zu ignorieren, dass es ohne Finanzierung keinen Journalismus geben kann. Man macht es sich zu einfach, in der eigenen Blase zu bleiben und Regeln nicht anzuerkennen. Man macht es sich zu einfach, über alles und jeden zu lästern – und ein Politikum daraus zu machen, ob jemand mit oder an Corona gestorben ist; wäre ein eigener Verwandter betroffen, wäre es wohl auch egal. Man macht es sich zu einfach, konstruktive Kritik mit Beleidigung gleichzusetzen. Man macht es sich zu einfach, wenn man nicht sehen will, dass es Menschen sind, die man mit Worten und Taten trifft. Soll die Welt so einfach sein? Oder sollen nicht doch Vernunft und Respekt über dem Hass stehen?

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