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Waldkirch

27.11.2017

Don Camillo, ein Terror-Opfer und Äpfel vom Pfarrhof

Der aus Glött stammende Hobby-Hobbyautor Anton Kindig (zweiter von rechts, daneben seine Frau Helga) hat das dritte Heimatbuch der Gemeinde Winterbach über den Ortsteil Waldkirch im Vereinsheim präsentiert. Diese herausragende ehrenamtliche Arbeit würdigte Winterbachs Bürgermeister Karl Oberschmid (rechts), der außerdem Evi Wörner und Erich Gah für deren Mithilfe bei der Herstellung des fast 500 Seiten starken Werks auszeichnete.
Bild: Wolfgang Kahler

Was Hobbyautor Anton Kindig über die Holzwinkelgemeinde herausgefunden hat.

Ein Pfarrer, der aussah wie der legendäre Don Camillo, eine Kunstprofessorin, die einen Apfelbaum im Pfarrhaus malte und ein Vorstandschef, der von Terroristen ermordet wurde: Das alles und noch viel mehr hat Anton Kindig über Waldkirch in seinem dritten Heimatbuch zusammengetragen.

Der knapp 500 Seiten starke Werks strotzt geradezu an Informationen historischer und anekdotischer Art. Bei der Präsentation des dritten Heimatbuches für die Holzwinkelgemeinde Winterbach im nahezu voll besetzten Vereinsheim Waldkirch staunten die Einheimischen über die Fülle toller Geschichten, die der aus Glöttweng stammende Hobbyautor gesammelt hat.

An der Entstehung des Buchs war ein Dreiergespann beteiligt, wie Winterbachs Bürgermeister Karl Oberschmid informierte. So fungierten die Einheimischen Evi Wörner und Erich Gah quasi als Zuarbeiter für Kindig. „Es ist ein wunderschönes Werk,“ sagte Oberschmid, „nahezu von jedem Einwohner ist was dabei“.

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„Das Heimatbuch hat viel Arbeit gemacht“, bestätigte der jetzt in Immenstadt wohnende Hobbyautor. Ohne genügend Hintergrundmaterial, beispielsweise aus dem Staatsarchiv Augsburg, hätte er es nicht hingekriegt. Außerdem hat er vieles von einem früheren Lehrer erfahren und Daten aus Geburten- und Sterberegistern bekommen. „Waldkirch ist keine ganz junge Gemeinde“, berichtete Kindig, „aber die Entstehungsgeschichte ist so dunkel wie ein Urwald“. Der Name stamme wohl von einer ersten Kirche im Walde. Eine erste Siedlung existierte vermutlich schon aus der Antike, was archäologische Funde von Römern und Kelten belegten.

Die eigentliche Besiedlung erfolgte aber erst um 800 oder 900 nach Christi Geburt durch Allgäuer, die den Wald im Holzwinkel rodeten und Orte wie Rechbergreuthen und Winterbach gründeten. Die Lehnsherrschaft wechselte im Frühmittelalter ziemlich häufig und stabilisierte sich erst unter dem Geschlecht von Freyberg in Haldenwang bis zur napoleonischen Zeit. Extrem brutal verliefen der Bauernkrieg und der 30-jährige Krieg. Zahlreiche Waldkircher ließen ihr Leben, wie aus den Aufzeichnungen von Lehrer Burger hervorging, informierte Autor Kindig.

Dass der kleinste Winterbacher Ortsteil Rechbergreuthen die erste Schule früher als Waldkirch und Winterbach hatte, habe laut Bürgermeister Oberschmid den bissigen Kommentar Einheimischer zur Folge gehabt: „Das merkt man heute noch“, was bei den Besucher im Vereinsheim Heiterkeit auslöste. Zu den Anekdoten, die im Heimatbuch stehen, gehört die Geschichte von einem „lustige Lehrer“ aus Knöringen um 1840, der damals mehr als 60 Schüler in einer Klasse unterrichtete. Bei einer Schulprüfung durch den katholischen Dekan wurde dem Mann attestiert, dass „er große Fähigkeiten zum Lügen besitzt“. Der Knöringer wurde nach Rechbergreuthen „strafversetzt“.

In den 30er Jahren gab es in Waldkirch Pfarrer Ludwig Klier: Der Überlieferung nach soll der Allgäuer Don Camillo aus der gleichnamigen italienischen Filmkomödie „Don Camillo und Peppone“ sehr ähnlich gesehen haben, wie auf einem Bild belegt.

Eine Zeitlang lebte die aus Türkheim (Unterallgäu) stammende Hilda Sandtner in Waldkirch. Die spätere Kunstprofessorin restaurierte unter anderem Fresken in der Waldkircher Pfarrkirche. Sie zeichnete in den 40er Jahren ein Bild mit einem Apfelbaum, der aus dem Pfarrhaus wuchs. Die Künstlerin bekam damals Äpfel von einem Baum im Pfarrgarten geschenkt.

Ernst Zimmermann, eine 1929 in Waldkirch geborene Persönlichkeit, stieg bis zum Vorstandsvorsitzenden der MTU (Maschinen- und Turbinenunion) auf. Er wurde 1985 in München von RAF-Terroristen umgebracht. Ein umfangreiches Kapitel des Heimatbuches ist den Lebenserinnerungen von Ludwig Mader gewidmet. Außerdem werden fast alle Anwesen in Waldkirch beschrieben, soweit sie in historischen Aufzeichnungen existieren.

Für das in „mühevoller Kleinarbeit“ zusammen gestellte Buch, so Bürgermeister Oberschmid, erhielt der bald 78-jährige Immenstadter ein Ehrenexemplar mit Widmung der Gemeinde unter dem Beifall der Waldkircher. Zur großen Freude von Kindig – „ich bin sprachlos“ – werden alle drei Heimatbuch-Ausgaben der Holzwinkelgemeinde in die bayerische Staatsbibliothek aufgenommen.

Hinweis der Redaktion: Evi Wörner, die bei der Herstellung des fast 500 Seiten starken Werks mitwirkte, legt Wert auf die Feststellung, dass der Autor vieles von Waldkirch nicht von einem früheren Lehrer erfahren habe, sondern aus den Aufzeichnungen, die der Lehrer Franz Burger sowie Hauptlehrer Anton Mayer verfasst hatten. Außerdem möchte sie noch ergänzen, dass der „lustige Lehrer“ Max Eggerth zwar aus Knöringen stammte, aber ab 1843 als Mesner, Organist und Schullehrer in Waldkirch tätig war und er nach seinen angeblichen Verfehlungen 1854 nach Rechbergreuthen versetzt wurde. Der ursprüngliche Fehler im Text, dass Kindig aus Glött stammt, wurde hier bereits korrigiert.

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