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Düstere Zukunft für die Region ohne Kraftwerk?

Noch arbeiten im Atomkraftwerk Gundremmingen viele Menschen, damit Strom produziert werden kann. Doch was passiert, wenn die Anlagen abgeschaltet sind und alles zurückgebaut ist?
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Noch arbeiten im Atomkraftwerk Gundremmingen viele Menschen, damit Strom produziert werden kann. Doch was passiert, wenn die Anlagen abgeschaltet sind und alles zurückgebaut ist?
Bild: Bernhard Weizenegger

Wenn das AKW Gundremmingen erst einmal stillgelegt und später abgebaut ist, betrifft das nicht nur die Mitarbeiter der Anlage. Auch externe Firmen werden dann weniger Aufträge haben.

Im laufenden Jahr investieren die Betreiber des Atomkraftwerks (AKW) Gundremmingen allein 38 Millionen Euro in die Technik. Insgesamt vergeben sie jährlich Aufträge im Wert von rund 167 Millionen an Firmen, davon knapp 35 Millionen an Unternehmen in der Region. Auch außerhalb des Geländes hängen also Jobs etwa von Lieferanten am Kraftwerk. Und obwohl der Atomausstieg längst beschlossen ist, werden in den nächsten Jahren weiter viele Menschen dort arbeiten. Zum Jahreswechsel waren es 700 eigene Mitarbeiter, 60 weniger als zuvor, und bis 2018 soll es noch 535 Vollzeitstellen beim kraftwerkseigenen Personal geben. Hinzu kamen 300 Menschen bei Partnerfirmen. Doch was bedeutet es für die Region, wenn sukzessive weniger Mitarbeiter benötigt werden und der Rückbau einmal abgeschlossen ist?

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Für die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises, die Regionalmarketing Günzburg, ist die Situation momentan jedenfalls nicht alarmierend, sagt Geschäftsführer Werner Weigelt. Denn die Stellen werden nach und nach wegfallen – und erst einmal werden viele erhalten. Während des langen Zeitraums des Abbaus würden weiter Fachkräfte benötigt. Gleichzeitig entstünden auf dem ehemaligen Fliegerhorst und heutigen Areal Pro in Leipheim, das gerade extrem gefragt sei bei Firmen und „eine große Chance für die Region ist“, neue. „Das Aus für das AKW wird uns nicht dramatisch treffen.“

Abgesehen vom wirtschaftlichen Faktor spiele das Kraftwerk noch eine weitere Rolle: Es habe die Region bundesweit bekannt gemacht. In positiver, aber auch in negativer Weise, etwa bei den Kernkraftgegnern. So oder so sei „es imagegebend“, sagt Weigelt. Auch spiele es eine gewisse touristische Rolle wegen der Führungen, die dort regelmäßig angeboten werden. Hier wird es auf jeden Fall Veränderungen geben. Und bei den Fremdenzimmern Einschnitte. Denn zum einen verabschieden sich Ende September mit der Fertigstellung der Autobahn viele Bauarbeiter, und wenn es keine Revision im Kraftwerk mehr gibt, kommen auch dazu weniger Arbeiter in die Region. Da sich viele Betriebe aber in den vergangenen Jahren neuen Standards angepasst hätten, werde diese Situation wohl nur für die spürbare Folgen haben, die es nicht getan haben. Die Regionalmarketing versuche, da gegenzusteuern und „alle mitzunehmen“.

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Klar sei aber, dass der Rückgang bei der Gewerbesteuer Gundremmingen selbst härter treffen werde als den Landkreis, der über die Umlage vom Kraftwerk profitiert. Die Gemeinde habe aber sehr gut vorgearbeitet und schon früh das eingenommene Geld wieder investiert – etwa in die Infrastruktur und in Immobilien. „Das war sehr weitsichtig, da jetzt die Früchte geerntet werden können“, lobt Weigelt.

Gundremmingens Bürgermeister Tobias Bühler hat jedenfalls keine Angst, dass in seiner Gemeinde die Lichter ausgehen, wenn das Kraftwerk erst zurückgebaut ist – auch wenn es weniger gut bezahlte Arbeitsplätze geben werde und ein bedeutender Gewerbesteuerzahler wegfällt. Um welche Summen es dabei geht, darf Bühler zwar nicht sagen, „doch früher war es noch deutlich mehr“. Auch dürfe nicht vergessen werden, dass die Hälfte der Einnahmen an den Landkreis abgeführt würden. Angst, dass sich der Ort nicht mehr so viel leisten könne, hat er aber nicht, und mit dem bereits eingenommenen Geld seien bereits fast alle Straßen und Kanäle saniert worden. „Künftig müssen wir eben anders haushalten.“ Geklärt werden müsse jedoch, wie die 65 Anschlussnehmer der Kraftwerks-Fernwärme weiter versorgt werden.

Bühler hofft in Sachen Arbeitsplätze auf das angedachte Gaskraftwerk, das immerhin wieder neue Jobs bringen würde. Zudem werde versucht, neue Gewerbeflächen auszuweisen, aber es sei schwierig, überhaupt an die nötigen Grundstücke zu kommen. Ein großer Vorteil sei jedenfalls, dass das Aus nicht wie bei einer regulären Firmenschließung von heute auf morgen komme und sich alle Beteiligten daher vorbereiten könnten. Konkrete Pläne zu machen habe aber nur dann Sinn, wenn die Gemeinde überhaupt über die Kraftwerksfläche verfügen könne. „Alles vorher zu planen wäre rausgeschmissenes Geld, ich werde jedenfalls nicht auf fremdem Gebiet planen“, betont Bühler. Er hält es für möglich, innerhalb eines halben Jahres die Fläche zu entwickeln. Es sei auch zu früh zu sagen, inwiefern sich die Nachbarn Lauingen und Gundelfingen einbringen könnten, das Verhältnis der Kommunen untereinander sei aber sehr gut.

Auch Offingen und die Verwaltungsgemeinschaft werden es merken, wenn es das AKW einmal nicht mehr gibt, sagt Bürgermeister Thomas Wörz, vor allem bei der Einkommenssteuer. Denn die Mitarbeiter im Atomkraftwerk gehörten schließlich zu den Besserverdienern. „Und wenn dann der ein oder andere wegzieht, könnte das einen Einschnitt geben“, befürchtet er, für den die Kernkraft „immer der falsche Weg“ gewesen sei. Der Großteil der Beschäftigten sei aber durchaus in der Region verwurzelt. Wörz ist jedenfalls skeptisch, ob sich der Verlust der Arbeitsplätze im Kraftwerk kompensieren lässt, bei den Besprechungen der Bürgermeister sei es aber bislang noch kein Thema gewesen, wie die Kommunen darauf reagieren sollen.

Die Bäckerei Lindenthal in Gundelfingen hat genau das schon getan. Seit klar ist, dass in Gundremmingen das AKW abgeschaltet wird, ist nach Ersatz gesucht und mit der Lebenshilfe Dillingen sowie weiteren Betrieben gefunden worden. Denn das Kraftwerk macht für Gerhard Lindenthal, seine Frau und die Angestellten bis zu acht Prozent des Umsatzes aus, früher waren es sogar 30. Teilweise waren zwei Leute nur für die Waren abgestellt, die für das AKW produziert wurden. Allein bis zu 3000 Semmeln am Tag wurden geliefert, heute sind es noch 500 und während der Revisionen immerhin 2000. „Was wir sind, sind wir nur durch das Kraftwerk“, sagt der 58-Jährige. Ohne die Aufträge aus Gundremmingen wären viele Investitionen nicht möglich gewesen – wegen der direkten Einnahmen und weil die Arbeit für das AKW die Bekanntheit der Bäckerei förderte.

Die Firma Mess- und Regeltechnik Konrad in Gundremmingen lebt heute noch zu großen Teilen von der Arbeit für das Kraftwerk. Wie Geschäftsführer Friedrich E. Kiss und der Technische Leiter Gottfried Zechner sagen, ist das Unternehmen der wohl größte Auftragnehmer am Standort. Bis zu 150 Menschen sind dort angestellt. Die Zahl der Mitarbeiter, die auf kerntechnische Anlagen spezialisiert sind, wird (wohl sozialverträglich) abgebaut werden müssen, doch durch die Expansion in andere Geschäftsfelder soll die Größe der Belegschaft nicht kleiner werden. Vor allem kleinere Anlagen und ökologische Projekte stehen im Fokus, aber auch der internationale Kernenergie-Markt. Schließlich setzen andere Länder weiter auf Atomkraftwerke. Von der Illusion, dass erneuerbare Energien die Zahl der verschwindenden Arbeitsplätze in dem Bereich in Deutschland kompensieren können, müsse man sich aber verabschieden, sagt Zechner. Im Gegensatz zur Kerntechnik sei das eine einfache Technologie, für die es keine Hochqualifizierten zur Instandhaltung brauche. Und dass Gewerbeparks wie auf dem Areal Pro die Jobs kompensieren, die am AKW hängen und verloren gehen, glaubt er ebensowenig.

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