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Günzburg

25.01.2019

Ein Handball-Neuling wirbelt ahnungslos durch die Luft

Patrick Bieber erklärt die einzelnen Wurftechniken. Haltung, Gleichgewicht, Stabilität: Es gibt viel zu beachten.
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Patrick Bieber erklärt die einzelnen Wurftechniken. Haltung, Gleichgewicht, Stabilität: Es gibt viel zu beachten.
Bild: Erich Herrmann

Heute steht Deutschland im Halbfinale der WM. Die Nation ist im Handballfieber. Unser Volontär auch. Er bekam einen Crashkurs beim VfL Günzburg. Warum Trainer Hofmeister ihn einen Helm mitbringen ließ.

Mit meiner Sporttasche über der Schulter laufe ich zur Günzburger Rebayhalle. Bis vor wenigen Tagen hatte ich Handball noch nicht einmal im Fernsehen gesehen. Doch habe mich von der Euphorie der Heim-WM anstecken lasen. Jetzt will ich es selbst ausprobieren. Am Trageriemen meiner Tasche hängt ein Fahrradhelm. Noch ist mir nicht klar, wieso ich ihn mitbringen muss. Stephan Hofmeister, Cheftrainer des VfL Günzburg, hatte mich dazu angewiesen.

Der Trainer war skeptisch

Anfangs war der Trainer des Bayernligisten nicht begeistert von der Idee, einen Journalisten durch das Training zu schleppen. Ich hatte ihm eine E-Mail geschrieben, ob ich bei einem Training mitmachen dürfte. Für „Zeitungsspaß“ habe er da keine Zeit, hat er mir geantwortet. Außerdem sorge er sich um meine körperliche Unversehrtheit. Ich blieb hartnäckig – bis er sich doch breitschlagen ließ.

Ich ziehe mich um und gehe mit der Mannschaft zurück in den Eingangsbereich der Halle. Hofmeister stellt mich vor: „Wie wenig Ahnung er von Handball hat, hat er dadurch gezeigt, dass er meiner Anweisung, einen Helm mitzubringen, wirklich gefolgt ist“, scherzt er. Die Mannschaft lacht – aber Recht hat Hofmeister. Ich erinnere mich an die Sportart nur aus dem Schulunterricht, und das sehr dunkel.

Aufwärmen muss man sich bei Minusgraden

Der Trainer schickt uns los. Wir joggen bei Minusgraden durch die Innenstadt. Ich hatte gefürchtet, selbst das angekündigte „lockere Tempo“ würde mich an meine Grenze bringen, schließlich habe ich es mit Bayernligisten zu tun. Aber ich kann mithalten.

Zurück in der Halle dehnen wir uns auf Plastikrollen. Ich setze mich darauf, rolle hin und her, alles nach Anweisung. Dann müssen wir uns Schritt für Schritt auf der Rolle stehend nach vorne bewegen. Die anderen sehen stabil aus, ich muss mich an einem Brett festhalten, um nicht umzufallen. Jetzt hätte ich tatsächlich gerne den Helm auf.

Der Ball klebt wie ein Honigdeckel

Dann kommen die Bälle ins Spiel: Wer einen Ball hat, muss die anderen jagen. Erwischt er jemanden, bekommt er den Ball und muss ihn wieder loswerden. Die VfL-Spieler können sprinten, abrupt stoppen und die Richtung wechseln. Ich bin nicht so wendig. Liegt bestimmt am Schuhwerk, rede ich mir ein. Vielleicht sind es aber doch die unzähligen Trainingsstunden, die die anderen mir voraushaben. Ich werde abgeklatscht, der Ball landet in meinen Händen. Er ist voller Harz und klebt wie ein Honigdeckel von innen.

Damit zu werfen ist ungewohnt: Torwart Patrick Bieber übt mit mir auf der einen Seite der Halle, während das Team gegenüber ein Abwehrtraining beginnt. Ich schmettere den Ball auf den Boden, obwohl er zwei Meter weiter in Biebers Händen landen sollte. „Lass ihn etwas über die Fingerspitze rollen“, erklärt er mir. Es wird besser.

Der „Dreher“ misslingt

Dann werfe ich aufs Tor, zunächst aus dem Stand. Das heißt Schlagwurf, sagt man mir. Immerhin treffe ich, auch wenn es nicht so scheppert wie bei Bieber. Nach und nach kommen die Experten der einzelnen Wurftechniken zu mir. Stefan „Befko“ Knittl ist der Linksaußen. Ich soll drei Schritte nehmen, abspringen und dann werfen: links, rechts, links, Sprung. Ich wirble orientierungslos durch die Luft und lande auf dem Gesäß. „Verlagere dein Gewicht nach vorne, sonst kannst du den Wurf nicht ausgleichen“, sagt Knittl.

Dann zeigt er mir einen „Dreher“: Für diesen Wurf ist Uwe Gensheimer bekannt, der Linksaußen und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Knittl wirft und verpasst dem Ball aus dem Handgelenk einen Linksdrall. Obwohl er einen Meter vor dem Tor ankommt, springt er hinein. Ich probiere es ein paar Mal, erfolglos.

Michael Jahn kommt dazu und zeigt mir einen Heber. Bieber stellt sich ins Tor. Ich muss den Ball über die Fingerspitzen rollen lassen, sodass er im hohen Bogen über den Keeper fliegt und im Tor landet. Bei einem Wurf klappt das ganz gut – auch wenn ich den Verdacht habe, dass Bieber den Ball durchlässt.

Für die letzte Variaton legen wir eine große Matte in den Sechsmeterraum. Bieber ruft „Hunter!“. Daniel Jäger, der Kreisläufer, kommt herüber. Zunächst soll ich mich ohne Verteidiger auf die Matte fallen lassen und dabei werfen. Das funktioniert. Als Bieber und Jäger ankündigen, mich daran zu hindern, habe ich keine Chance mehr.

Handball ist ein harter Sport

Auf der anderen Seite der Halle sehe ich dasselbe ohne Matte: Ein Spieler kämpft sich durch die Gegner, wirft und lässt sich auf den harten Boden fallen. Mir wird klar: Handball ist ein harter Sport. Der 24-jährige Knittl hatte mit 18 Jahren schon vier Schulteroperationen hinter sich. Drei Jahre später folgte eine Hüft-OP. Die Sportler entbehren für ihr Hobby noch mehr: Während der Vorbereitung im Sommer trainieren die Spieler monatelang bis zu acht Mal pro Woche. Am Wochenende geht es dann morgens los, gemeinsames Frühstück, mittags Training, abends ein Testspiel. Kommen da keine Zweifel? „Wenn 500, 600 Menschen dir zujubeln, dann ist das Ausgleich genug“, sagt Knittl. Pascal Buck sitzt neben ihm. Er trägt Bandagen an Fußgelenken und Knien. „Vieles ist Kopfsache. Wenn man eine Verletzung hat, geben einem die Bandagen Sicherheit.“ Ich selbst bin, abgesehen von einem blauen Fleck, den ich mir beim Fallwurf selbst zugefügt habe, unbeschadet davongekommen.

Das WM-Finale verpassen die Günzburger

In der Umkleide gibt es dann Bier, während Deutschland gegen Kroatien spielt – ein früheres Trainingsende gab es deshalb nicht. Als ein Spieler sagt, dass sie das Finale am Sonntag verpassen werden, stöhnen einige. Eine Stunde vor dem Start beginnt ihr Heimspiel gegen die SG DJK Rimpar II. Das Hobby erfordert eben Einsatz.

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