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Kreis Günzburg/Memmingen

07.11.2017

Ein geladener Schießkugelschreiber liegt auf dem Kühlschrank

Ein Schießkugelschreiber Marke Eigenbau brachte einem Angeklagten eine Bewährungsstrafe wegen bewaffneten Drogenhandels ein.
Bild: Wolfgang Kahler

Warum ein früherer Outlaw-Rocker trotz bewaffneten Drogenhandels ohne einen Knastaufenthalt davon kommt.

Amphetamin, Ecstasy und Kokain gehörten zum Konsum eines jungen Mannes – bis die Polizei die Wohnung des heute 28-Jährigen im nördlichen Kreis Günzburg auf den Kopf stellte. Und außer Drogen einen geladenen Schießkugelschreiber fand. Das brachte dem Ex-Rocker eine Anklage wegen bewaffneten Rauschgifthandels ein. Als der Vorsitzende Richter Jürgen Hasler die Prozessakten des Verfahrens vor der Memminger Strafkammer wälzte, vermisste er aber einen roten Aufkleber. Der bedeutet, dass der Angeklagte in Untersuchungshaft sitzt. Bei bewaffnetem Drogenhandel normal, darauf steht üblicherweise eine Haftstrafe nicht unter fünf Jahren. Aber der Fall lag anders.

„Mein Mandant war kooperativ und hat alles auf den Tisch gelegt“, sagte Verteidiger Felix Hägele. Zur Durchsuchung bei dem 28-Jährigen war es in anderer Sache gekommen. Dabei wurde im Kühlschrank ein fast 600 Gramm schweres Amphetaminpaket gefunden, außerdem eine geringere Menge Koks. Die große Drogenmenge stammte von einem Kumpel aus dem Rockermilieu des Outlaw-Motorradklubs und wurde auf einem Parkplatz an der B30 zwischen dem baden-württembergischen Laupheim und Ulm übergeben.

Der Angeklagte nannte den Ermittlern den Namen des Dealers: „Ein sehr ungewöhnlicher Vorgang in diesen Kreisen“, stellte der Richter fest. Es kam zur Festnahme des Verdächtigen, das Ermittlungsverfahren steht offenbar kurz vor dem Abschluss. Die große Menge der Aufputschdroge Amphetamin hatte sich der Angeklagte besorgt, um sein desolates Einkommen aufzubessern. Denn der 28-Jährige Metallarbeiter war vor zwei Jahren ohne Job, hatte aber Freundin und Sohn. Die Droge minderer Qualität hätte gestreckt werden sollen.

Der Schießkugelschreiber lag auf dem Kühlschrank

Bei der Durchsuchung fiel den Ermittlern aber ein gefährliches Instrument in die Hände, das dem Angeklagten einen längeren Knastaufenthalt hätte einbringen können: Auf dem Kühlschrank lag der Schießkugelschreiber aus Eigenproduktion. Ein Sachverständiger des bayerischen Landeskriminalamtes ( LKA): „Aus zehn Metern Entfernung hätte das Projektil lebensgefährliche bis tödliche Wirkung erzielen können.“ Der Kuli aus Edelstahl war geladen mit Munition des Kalibers 22. Weitere acht Patronen hatte der Angeklagte daheim. In der Verhandlung präsentierte der Richter das Beweisstück, an dem ein zum Spannen des Verschlusses dienender Metallknopf abgebrochen war. Im Schlafzimmer entdeckte die Polizei eine Schreckschusswaffe, die der Angeklagte legal besaß.

Die Freundin beschrieb das Verhältnis während der Joblosigkeit als schwierig: „Er hatte sich verändert.“ Den Kugelschreiber hatte sie gesehen, aber angeblich nicht gewusst, ob er scharf ist. Ein toxikologisches Gutachten des LKA bestätigte den Genuss von Kokain und Ecstasy beim Angeklagten. Die Rauschgifte hatten aber keine das Bewusstsein störende Wirkung, so ein psychiatrischer Sachverständiger. Eine körperliche Abhängigkeit liege nicht vor. Mittlerweile sei der Angeklagte vom Drogenkonsum fast weggekommen, bis auf einen „Ausrutscher“ am Geburtstag.

Die Staatsanwältin sah die Anklagevorwürfe weitgehend bestätigt, vor allem durch das Geständnis. Sie stufte den Fall als minderschwer ein, zumal der Angeklagte den Dealer preisgab. Sie forderte eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Zuviel für Verteidiger Hägele. Sein Mandant habe bewiesen, dass er ohne Haft sein Leben in den Griff bekommen habe. Er sei kooperativ gewesen und geständig. Dafür seien zwei Jahre auf Bewährung und eine Therapie angemessen. Im Urteil folgte die Kammer der Auffassung, der Verzicht auf die U-Haft sei richtig gewesen, sagte Richter Hasler. Als Auflage muss sich der 28-Jährige einer ambulanten Drogentherapie unterziehen. Als Beweis, dass er die Finger von Rauschgiften lässt.

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