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Dorfserie

25.09.2016

Ein mysteriöses Holzkreuz und ein Stall voller Blumen

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7 Bilder
Hier brennt Helmut Schenk seine Emmenthaler Schnäpse.
Bild: Sandra Kraus

Emmenthal hat zwar nur 17 Einwohner, aber dennoch viel zu bieten. Sogar eine eigene Schnapsbrennerei gibt es dem Weiler.

Kein Käse und erst recht kein Tal sind in Emmenthal zu finden. Ganze sechs Hausnummern zählt der Weiler auf der Hochebene zwischen Schneckenhofen und Anhofen. Um ihre Heimat im Kleinen vorzustellen sind von jedem Bauernhof Familienmitglieder zum Treffpunkt an der Marienkapelle gekommen. Nur das Kempfle-Anwesen ist seit dem Tod von 83-jährigen Maria Kempfle im August verwaist.

„Aktuell hat Emmenthal siebzehn Einwohner“, erzählt Rita Schenk, 1978 waren es noch 36. Zwischen vier und 86 Jahren sind sie alt. Überschaubar ist die Anzahl der Familien, die Ellenrieder, Kühne, Häußler, Hörmann und Schenk heißen und sich in Emmenthal so richtig wohlfühlen. Es gibt dort geborene, eingeheiratete und vor 15 Jahren zugezogene, man kennt sich und passt aufeinander auf. „Es ist abgelegen, aber das ist genau richtig.“ „Wir haben es ruhig und wer fort möchte, ist mit dem Auto in wenigen Minuten in Günzburg, Ichenhausen oder Ulm.“ „Hier lässt sich´s gut sein. Ruhe und nette Nachbarn tragen dazu bei.“ „Für sich und nah dran!“ So beschreiben die Emmenthaler ihr Daheim.

Die Kapelle wurde 1825 erbaut 

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Ein Briefkasten mit täglicher Leerung steht im Ort, jeden zweiten Tag kommt das Milchauto und ab dem nächsten Jahr wird für die dann schulpflichtigen jüngsten Emmenthaler auch wieder der Schulbus die Bushaltestelle anfahren. Einen Roboter gibt es auch, nämlich zum Melken. Tradition hat der Wallfahrtsgottesdienst am Pfingstmontag an der Marienkapelle. Sie stand ursprünglich am östlichen Ortsrand und wurde 1825 von der Witwe Barbara Häußler erbaut, heute steht der Neubau weiter im Westen. Geblieben ist der klassizistische Altar mit dem Ölgemälde der Muttergottes von Einsiedeln, liebevoll von frischen Blumen umrahmt.

Das Bänkle davor nutzen eher die Radfahrer, die Rast machen. Zum Kapellenfest wird sogar die Straße gesperrt, die Blasmusik spielt, es ist kein Durchkommen mehr. Um ein weiteres Glaubenszeugnis, das große Holzkreuz an einem alten Stadel ranken sich Mythen. Angeblich hat es seinen Ursprung aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1649) als Emmenthal von Schneckenhofen zu Rieden kam.

Urkundlich erwähnt wird ein Hof zu Emmenthal schon 1375 in einem Testament der Ulmer Patrizierfamilie Ehinger. Seit 1871 gehört es zu Anhofen. Alois Häußler gehörte noch dem Anhofer Gemeinderat an, ehe die Gebietsreform den Weiler zum östlichsten Ortsteil von Bibertal machte. Emmenthal lebt von der Landwirtschaft. Drei Milchviehbetriebe, ein Schweinemast- und Aufzuchtbetrieb, sowie zwei Nebenerwerbsbetriebe sind ansässig. Zu den Kühen, Schweinen und Hühnern kommen noch Pferde, Schafe und Esel. Familie Kühne hat sich hier nämlich quasi als Hobby ein idyllisches Tierparadies geschaffen. Viermal Drillinge sind heuer bei den vierzehn Schafen geboren worden, die alle einen Namen haben, zum Teil von Hand aufgezogen worden sind und sich bereitwillig an den Zaun locken und streicheln lassen. Leider ist ihr schwarzes Vlies für Wolle nicht so sehr gefragt. Schwarze Socken sind nicht jedermanns Sache.

Geheimtipp für schöne Blumen 

Wie es sich für ein schwäbisches Dorf gehört, gibt es überall ein „Gärtle“ für Gemüse und Blumen. Reich blühen die roten Geranien bei Familie Häußler. Der Geheimtipp dazu lautet: „Alle drei Wochen Blaukorndünger im Gießwasser auflösen und damit wässern.“ Welche Wertschätzung die Tiere bekommen, wird einem beim Betreten des Stalls der Familie Ellenrieder klar, wo Sonne, Mond und viele Blumen an die Stallwände gemalt wurden. Sogar Kühe mit Hörnern sind in dem großen Laufstall zu sehen. Während sich die Rinder ihr Grünfutter schmecken lassen, schließen sich Hunde und Katzen der gemeinsamen Dorfrunde an.

Nächster Halt ist eine große Glocke, die seit 1991 bei Familie Hörmann im Vorgarten ihren Platz gefunden hat. Die Kirchenglocke, die von 1920 bis 1990 in der Anhofer Pfarrkirche zum Gottesdienst gerufen hatte und damit auch die Emmenthaler meinte, wurde so vor dem Verschrotten gerettet. Jetzt grüßt sie hinüber zur Marienkapelle.

In dritter Generation wird Schnaps gebrannt 

Eine weitere Rarität verbirgt sich in Hausnummer 6, wo Familie Schenk eine Obstbrennerei betreibt. Helmut Schenk stellt in dritter Generation Obstbrände und Liköre her: „Mein Opa hat die Lizenz wohl aus Baden-Württemberg mitgebracht, meine Eltern Rita und Eugen Schenk haben die Tradition fortgeführt und 2007 habe ich übernommen.“ Eine Rätzmühle zerkleinert Äpfel und Birnen, während die Zwetschgen im Ganzen verarbeitet werden. Große Fässer stehen für die Obstmaische bereit, in der Zucker zu Alkohol vergoren wird. Nächster Arbeitsschritt ist der Brand, der sieben Tage davor beim Zollamt Stuttgart angemeldet werden muss, denn der Fiskus verdient am Branntwein mit. Befeuert wird die Brennblase, wie der Kessel heißt, in dem die Maische erhitzt wird mit Öl.

Alkohol, Wasser und Aromastoffe verdampfen, steigen nach oben in ein Röhrensystem, wo sie schließlich kondensieren und als flüssiges Destillat mit 70 bis 80 Prozent Alkoholgehalt die Grundlage für den Branntwein sind. Verdünnen mit enthärtetem Wasser ist damit dringend angesagt. Mindestens zwei Jahre wird das edle Tröpfchen im Glasballon dann gelagert, sogar zehn Jahre sind möglich. Deshalb muss sich Helmut Schenk noch gedulden, ob sein erster Versuch mit dem Quitten-Apfel-Ansatz aus dem vergangenen Jahr auch etwas geworden ist. Das Obst wächst zum großen Teil rund um den Hof, doch gerade Birnen wären dem Schnapsbrenner willkommen. Wer welche übrig hat, am liebsten Weißenhorner- oder Williamsbirnen könne sich gerne bei Familie Schenk melden. Der Laden mit den hochprozentigen Flaschen, deren Etiketten nicht nur auf Danziger Goldwasser oder Aprikot-Brandy-Likör hinweisen, sondern den Namen Emmenthal in die Region hinaustragen, hat täglich geöffnet.

Zum Abschluss der Emmenthaler-Dorfrunde schenken Eugen und Rita Schenk natürlich eine Runde Likör aus. In der Hofecke geschützt vor dem scharfen Ostwind prostet man sich zu, genießt die samtigen Kakao-Nuss-Aromen des Likörs und denkt sich im Stillen: „Ein Hoch auf Emmenthal.“

Das war der letzte Teil unserer Dorfserie für dieses Jahr. Klicken Sie sich hier zu den vorherigen Folgen.

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