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Ursberg

26.01.2018

Ein starkes Zeichen gegen Rassismus, Terror und Gewalt

Kranzniederlegung am Denkmal für die Opfer der Euthanasie in Ursberg: Unser Bild zeigt im Vordergrund von links Abba Naor (Internationales Dachau-Komitee), Ernst Grube (Lagergemeinschaft Dachau) und Jean-Michel Thomas (Internationales Dachau-Komitee). Naor und Grube sind Holocaust-Überlebende.
Bild: Bernhard Weizenegger

Der offizielle bayerische Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus findet in Ursberg statt. Welche Botschaft von diesem Tag ausgeht.

Seine Blicke verlieren sich für Augenblicke im Raum. „Ein Kind? Ja, ich war damals ein Kind“, sagt er dann fast unvermittelt. Abba Naor ist in Litauen aufgewachsen. Dann kam dieser Juni 1941, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, der den Zweiten Weltkrieg in eine neue Dimension des Grauens führt. Abba Naor wird von den Nazis in das Ghetto von Kaunas verschleppt, dann ins KZ Dachau deportiert. 73 Jahre nach der Befreiung steht er im Ursberger Ringeisen-Saal. Hinter ihm wird in großer Schrift „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ projiziert. Der Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus des Bayerischen Landtags und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten findet zum achten Mal in dieser Form statt. In Ursberg rückt an diesem Freitag ein beispielloses Verbrechen in den Fokus. Verharmlosend umschrieben die Nazis mit dem Begriff Euthanasie den vielfachen Mord an behinderten Menschen. Rund 300000 verloren ihr Leben, aus den Ursberger Anstalten wurden Hunderte verschleppt, 379 wurden schließlich ermordet. Dieses dunkle Kapitel ist ein Teil des Naziterrors, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Wie damit umgehen? Schweigen und Verdrängen – das war lange Zeit der Alltag in Nachkriegsdeutschland. Doch das hat sich auf eine bemerkenswerte Weise verändert. Überlebende wie Abba Naor halten vielfach Vorträge an Schulen. Wohl auch, weil er damals, bei seiner Verschleppung, ein Kind gewesen sei, könne er Kindern sehr anschaulich das Grauen dieser Zeit schildern, sagt Naor.

Auch Holocaust-Überlebende kamen nach Ursberg

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Beim Gedenktag in Ursberg werden die vielen Facetten dieses Grauens auf eine eindringliche Weise in Erinnerung gerufen. Am Denkmal für die Opfer der Euthanasie und die Gefallenen werden Kränze niedergelegt. Nach Ursberg gekommen sind auch Repräsentanten des Internationalen Dachau-Komitees und der Lagergemeinschaft Dachau, darunter Holocaust-Überlebende wie Abba Naor und Ernst Grube. In Ursberg zu Gast sind Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. In Zeiten, in denen radikale Strömungen wieder an Boden gewinnen, werde mit Gedenktagen wie diesem in Ursberg ein wichtiges Zeichen gesetzt, sagen sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Dieses Zeichen gegen Terror und Gewalt nimmt in den Redebeiträgen des Tages auf eine vielfältige Weise Gestalt an. „Lasst uns unsere Demokratie jeden Tag leben und verteidigen“, betont Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann blickt zurück auf das dunkle Kapitel der Euthanasie, er würdigt die Arbeit des Dominikus-Ringeisen-Werks. „Es ist großartig, was hier geleistet wird.“ Die Erinnerung sei unendlich schmerzhaft, und „an diesem Ort zerreißt sie einem beinahe das Herz“, erklärt Landtagspräsidentin Barbara Stamm.

Das „Schweigen“ in der Nachkriegszeit

Die Gedenkansprache des Tages hält der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel. Nur wenige Kilometer von Ursberg entfernt, in Oberrohr, ist er aufgewachsen. Waigel blieb der Entwicklung des Dominikus-Ringeisen-Werks  (DRW) Zeit seines Lebens auf eine besondere Weise verbunden. Er berichtet über das „Schweigen“, das er in der Nachkriegszeit als Kind und Jugendlicher erlebt hat. Er spricht über Menschen, die den Mut hatten, sich dem Terror der Nazis entgegenzustellen wie die Ursberger Anstaltsärztin Dr. Ilsabe Gestering. Er macht damit auch deutlich, was Ärzte im Dienste der Menschlichkeit leisten können. Doch da gibt es auch diese andere Dimension ärztlichen Handels – für das der Begriff Euthanasie steht. „Ärzte veranlassten die Tötung oder führten sie selbst durch“, sagt die Landtagsabgeordnete Katrin Sonnenholzner, Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Pflege. Umrahmt wird die Veranstaltung vom Bläserensemble und dem Vocalensemble des Ringeisen-Gymnasiums, REMPAC, der Band des Dominikus-Ringeisen-Werks und dem Gebärdenchor des DRW. Sie geben dem Motto des DRW – „Jeder Mensch ist kostbar“ – ein beeindruckendes Gesicht. „Jeder Mensch ist kostbar“ – auch das ist eine bleibende Botschaft dieses Gedenktags.

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