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Zeitgeschichte

31.12.2017

Ein stilles „Vater unser“ für Freund und Feind

In den Fels gesprengte Stollen und Kavernen sind noch immer Zeugen des mörderischen Krieges vor 100 Jahren. 80 Jahre später machten sich Wanderer aus Krumbach auf.
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In den Fels gesprengte Stollen und Kavernen sind noch immer Zeugen des mörderischen Krieges vor 100 Jahren. 80 Jahre später machten sich Wanderer aus Krumbach auf.
Bild: Hans Bosch

Zum Jahreswechsel vor 100 Jahren begann im Ersten Weltkrieg die Entscheidungsschlacht am Pasubio. Wie das Krumbacher Wanderer in Erinnerung behalten haben.

Fünf Krumbacher, allesamt mit 20 bis 30 Kilo schweren Rucksäcken, sitzen gemütlich im Zug, der sie über Mindelheim nach München und anschließend über den Brenner bringt. Ziel ist Rovereto, von dem die Normalurlauber an den Gardasee abbiegen. Wir steigen um auf ein Taxi, das uns in das stille Bergdörfchen Giazerra in den südöstlich gelegenen Bergen bringt. Vor uns liegt ein über zweistündiger Aufstieg zum Rifugio Lancia, einer auf einem 1800 Meter hohen Bergplateau gelegenen Hütte. Für uns von Bedeutung, da sie vor 100 Jahren das militärische Zentrum der österreichisch-ungarischen Kaiserjäger war.

Am Weg sehen wir ein Gedenkkreuz aus Granatsplittern und Betonankern. Es stimmt nachdenklich, ist es doch das erste Zeichen, das an den mörderischen Alpenkrieg in diesem „Pasubio“ genannten Bergstock erinnert, der im Sommer 1916 begann, zum Jahreswechsel 1917/18 seinen Höhepunkt erreichte und schließlich am 23. März 1918 nach einem grausamen Morden endete. Noch heute wird das Gebiet als „Schlachtbank“ oder „Berg der 10000 Toten“ bezeichnet. Neugierde war es nicht, die uns in diese Region lenkte. Vielmehr der zweite Jahresabschnitt auf dem Weg über die Alpen. Der viel begangene Weitwanderweg E 5 von Oberstdorf nach Verona führt bewusst über den Pasubio und wird damit zum wichtigen Teilstück des hochalpinen Friedensweges (Sentiero della Pace), der in über 500 Kilometer und 30 Tagesetappen durch Südtirol und das Trentino führt. Die am Weg durch die grüne mit Alpenrosen und Latschen bewachsene Hochfläche auftauchenden kreisrunden, etwa zwei- bis drei Meter tiefen Trichter, deuteten wir als Granatlöcher und bekamen recht.

Sie wurden beim Anstieg wenig später abgelöst von inzwischen bewachsenen Schützengräben und in den Fels gesprengten Kavernen und Stolleneingängen. Wir näherten uns den zwei zentralen Punkten des Kriegsgeschehens vor 100 Jahren, dem 2127 Meter hohen Dente Austriaco und dem um 93 Meter höheren Dente Italiano. Es handelt sich um zwei benachbarte Bergkuppen, die nur ein etwa 100 Meter tiefes steiles Kar trennt. Die Österreicher nannten es „Eselsrücken“; er sollte im Winter 1917/18 zum Grab tausender Soldaten werden. Der markierte E 5 führt zuerst auf die nördlich gelegene österreichische Platte. Endlose in Stein gehauene Schützengräben und herumliegende Felsbrocken deuten an, dass hier buchstäblich kein Stein mehr so liegt, wie er gewachsen ist. Die nachdenkliche Stimmung erhöht sich durch aufziehenden Nebel und Wolkenfetzen. Auf dem höchsten Punkt des Austriaco steht ein hölzernes Gedenkkreuz mit einer „Krone“ aus Stacheldraht und „garniert“ von auf dem Boden liegenden rostigen Eisenteilen, aber auch Reste von Bergstiefeln und Schuhsohlen.

Was uns an dieser Stelle stillhalten lässt? Ein gemeinsam gesprochenes „Vater unser“ und der Gedanke, was die Soldaten damals geleistet haben und doch unnütz gestorben sind. Stillschweigen auch beim Abstieg durch die Felsbrocken in den Eselsrücken und dem unmittelbar folgenden Anstieg zum Dente Italiano. Hier ein ähnliches Bild. Der Blick vom Gipfel auf die Hochebene zeigt jedoch, dass die Italiener mit weitaus mehr Aufwand ihrer Toten gedenken. Ein steinernes Mahnmal in Form eines Triumphbogens und eine kleine Kapelle erinnern an die tapferen Alpini. Dort angekommen erreichen wir bald das Rifugio Achille Papa, benannt nach einem der damaligen Heerführer und von Bedeutung als wichtigster Standort des italienischen Frontabschnitts. Der dortige Tiefblick reicht bis zum 800 Meter unter uns liegenden Fugazze-Pass. Er wird erreicht über die „Strada degli Eroi“ (Straße der Helden), die 1917 als wichtigster Nachschubweg für die Pasubio-Truppen auf elf Kilometer Länge buchstäblich in den Fels gesprengt wurde und zusätzlich 52 Tunnel benötigte.

Die Geschichte des Pasubio-Krieges

Auftakt Vom Juni 1916 bis Sommer 1918 war der Bergstock Pasubio südöstlich von Rovereto Schauplatz blutiger Schlachten zwischen österreichisch-ungarischen Kaiserjägern und italienischen Alpini-Truppen. Noch heute sichtbar sind die in den Berg gesprengten Stollen und Kavernen sowie Kriegsstraßen für den Nachschub.

Stabsstelle Die Truppenführung für die österreichische Seite hatte ihren Sitz auf der Lancia-Hütte nördlich des eigentlichen Kampfgebietes. Südlich davon war das in den Berg gesprengte Rifugio Achille Papa die Stabsstelle. Beide liegen knapp unterhalb 2000 Meter und sind heute Berghütten des italienischen Alpenvereins.

Kampfgebiet Die mörderische Auseinandersetzung fand im Jahre 1917 ihre Fortsetzung. Die Österreicher begannen den Dente Austriaco (2127 Meter) und die Italiener den knapp 100 Meter daneben ansteigenden Dente Italiano (2220 Meter) zu unterminieren. Die feindlichen Stollen wurden oftmals nur 50 Meter auseinander in den Fels getrieben, während auf den beiden benachbarten Gipfeln der Stellungskrieg unverändert weiterging.

Finale Ab Herbst rechneten beide Seiten mit Sprengungen. Am 29. September zündeten die Österreicher die ersten Tonnen Munition. Drei Tage später antworteten die Italiener, doch blieb der Schaden minimal. Bis zum 13. März: 55 Tonnen Dynamit ließen die Kaiserjäger unter der italienischen Stellung hochgehen. Die gesamte Nordhälfte der italienischen Stellung stürzte in den „Eselsrücken“. Nach historischen Angaben fanden allein an diesem Tag 6000 italienische Soldaten den Tod. Der Frontverlauf änderte sich trotzdem nicht.

Ende Beide Gipfel blieben besetzt bis zum November 1918. Erst nach dem Waffenstillstand und dem Ende des Weltkriegs überließen die Österreicher den Pasubio kampflos den Italienern.

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