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Wettenhausen

20.03.2016

Ein wertvolles Schnäppchen

Der Palmesel im Kloster Wettenhausen
Bild: Peter Wieser

Wie der Palmesel ins Kloster Wettenhausen kam und warum Christus Finger fehlen.

Was für ein Schnäppchen! Umgerechnet etwa zehn Euro hat das Kloster Wettenhausen für ihren berühmten Palmesel bezahlt. Bei einer Auktion um 1880 hatten die Dominikanerinnen aus Wettenhausen zugeschlagen. Wie wertvoll das Kunstwerk wirklich ist, zeigte sich spätestens in den 1990er Jahren: Damals war der Palmesel als Leihgabe bei einer Ausstellung zu sehen und wurde für eine Million DM versichert. Schwester Alberta schmunzelt, als sie diese Anekdote zum Besten gibt. „Und jetzt geben wir ihn natürlich nicht mehr her.“

Der Palmesel ist wohl das schönste und kostbarste Kunstwerk des Wettenhauser Klosters. Es zeigt Jesus Christus, der auf einem Esel reitet. Gefertigt wurde er von Hans Multscher, einem bedeutendem Ulmer Meister, um 1456. Wo heute die Pfarrkirche St. Ulrich und Afra in Augsburg steht, war bis 1802 ein Reichsbenediktinerkloster – dieses hatte das Kunstwerk um 1456 in Auftrag gegeben. „Hans Mutscher war damals der bedeutendste Künstler der Reichsstadt Ulm“, weiß Schwester Alberta. „Zwei Mal wollten die Augsburger unseren Palmesel zurückhaben.“ Das dokumentiert unter anderem ein Briefwechsel um 1900. „Aber die Wettenhauser Dominikanerinnen bestanden auf ihre Eigentumsrecht.“ Schließlich hatten sie es bei der Auktion rechtmäßig erworben. Und wer weiß, was aus dem Palmesel sonst geworden wäre? „Wir haben diesen Palmesel vor der Zerstörung gerettet“, ist sich Schwester Alberta sicher.

Prozessionen galten als abergläubisch 

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Palmesel waren in der Schweiz und in Süddeutschland sehr verbreitet. Mit ihnen wurde jahrhundertelang am Palmsonntag eine Prozession abgehalten. So wurden die Geschehnisse, wie sie in der Bibel erzählt werden, veranschaulicht. Inder zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts galten solche Prozessionen allerdings als abergläubisch. „Sie wurden durch die Obrigkeit sogar verboten“, erzählt Schwester Alberta. Und so wurden viele Palmesel zu Kleinholz verarbeitet. Das Kunstwerk, das heute im Wettenhauser Kloster steht, überlebte – allerdings verstaubte es wohl in einem Keller oder einem Abstellraum. Als Dominikaerinnen aus Augsburg ins Kloster Wettenhausen kamen, muss ihnen dieser Esel wieder eingefallen sein. Bei einer Auktion kam der Palmesel unter den Hammer – und die Klosterschwester schlugen zu. „Sie schickten einen Mann ihres Vertrauens dorthin, der ersteigerte ihn.“ Das Kunstwerk ist mehr als zwei Meter hoch und wurde – was ebenfalls eine Besonderheit ist – aus einem Stück gefertigt, nämlich aus Lindenholz. Schwester Alberta gerät ins Schwärmen, wenn sie den Palmesel beschreibt: „Wer dieses Kunstwerk anschaut muss feststellen, da stimmt alles.“

„Das war Absicht“ 

Heute steht der Palmesel an seinem festen Platz im Kloster Wettenhausen – direkt gegenüber des Kaisersaals hinter einem schmiedeeisernen Tor. Dort bleibt er auch und wird nicht bewegt, geschweige denn zu Prozessionen auf die Straße gebracht. Dafür ist er einfach zu wertvoll. Doch wer den Esel genauer betrachtet, dem fällt auf, dass der Christusfigur, die auf dem Tier reitet, einige Finger fehlen. Wie konnte das passieren? „Das war Absicht“, räumt Schwester Alberta ein. Allerdings waren nicht die Dominikanerinnen daran Schuld. In den 1980er Jahren wurde das Kunstwerk restauriert. Als der Palmesel zurück nach Wettenhausen kam, fehlten die Fingerglieder – „Zum Ärger der Schwestern.“ Die Begründung der Restauratoren: Die Finger seien irgendwann nachgebildet worden, das sei klar zu erkennen gewesen. Alles, was nicht original war, musste weg. Auch das Zaumzeug am Esel und die Deichsel fehlen deshalb. Ansonsten, erzählt Schwester Alberta, seien die Spezialisten bei der Restaurierung aber „äußerst vorsichtig zu Werke gegangen“.

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