Newsticker

Söder stellt längere Beschränkungen in Corona-Krise in Aussicht
  1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Einblicke nach Geiselnahme: So sieht es in der Forensik aus

Günzburg

19.02.2020

Einblicke nach Geiselnahme: So sieht es in der Forensik aus

Blick ins Innere der Forensik: Insgesamt gibt es vier Stationen, die alle gleich aufgebaut sind, damit sich vor allem das Pflegepersonal schnell zurechtfindet.
Bild: Paul Buschmann

Plus Die Geiselnahme im vergangenen September am Bezirkskrankenhaus Günzburg hatte für Wirbel gesorgt. Jetzt geben die Verantwortlichen Einblicke in ihre Arbeit.

Die Nachricht, dass zwei Patienten nach einer Geiselnahme aus der forensischen Klinik am Bezirkskrankenhaus in Günzburg geflohen waren, hatte im vergangenen September für viel Unruhe in der Bevölkerung gesorgt. Angst, Wut, Vorwürfe und eine Menge Gerüchte kursierten: Wie konnten die Männer nur entkommen? Warum wurden sie überhaupt hier behandelt? Hat das Bezirkskrankenhaus Fehler gemacht? Kann so etwas in Zukunft wieder passieren?

Nachdem der Vorfall vier Monate zurückliegt, Ruhe eingekehrt und einer der Flüchtigen sogar gefasst worden ist (lesen Sie hierzu mehr), sahen die Verantwortlichen den Zeitpunkt gekommen, die Öffentlichkeit einzuladen und zu informieren. „Wir hätten das auch ohne Anlass tun können, aber wir hatten mit der Geiselnahme einen Anlass, der sehr öffentlichkeitswirksam war. Jetzt wollen wir zeigen, was wir tun, wie wir arbeiten, wen wir behandeln“, betonte Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken in Schwaben, bei der Veranstaltung am Montagabend im Festsaal.

Informierten über die Arbeit in der Forensik von links: Thomas Düll, Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben, Prof. Dr. Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Forensischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Pflegedienstleiter Paul Buschmann und Sicherheitsbeauftragter Wilfried Dreßen
Bild: Georg Schalk/BKH Günzburg

Etwa 80 Interessierte nutzten das Angebot. Die Mehrheit, wie Düll feststellte, waren Beschäftigte aus anderen Abteilungen der Klinik. Dass sich unter die Zuhörer auch Patienten gemischt hatten, erfasste Prof. Dr. Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Forensischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, mit einem Blick, machte das Publikum aber erst am Ende der Veranstaltung darauf aufmerksam. Die Ängste und Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber der Forensik seien groß, erst recht nach dem Vorfall im September. „Wer Laie ist und so etwas mitbekommt, denkt gleich an das Schlimmste“, so Dudeck. Die wenigsten hätten eine Ahnung, was hinter den Mauern der Forensik passiere. Dabei betonte die Ärztin: „Wir sind ein offenes, transparentes Haus. Wir sind keine Dunkelkammer.“

Einblicke nach Geiselnahme: So sieht es in der Forensik aus

Wer wird in Günzburg behandelt?

Wer in den sogenannten Maßregelvollzug kommt, legen Richter fest. Ein Gutachter beurteilt, ob ein Täter schuldfähig ist, ob er an einer psychischen Erkrankung oder an einer Sucht leidet, ob er sich noch steuern kann. Bei den Patienten handelt es sich der Ärztlichen Direktorin zufolge um schwere Straftäter, in der Regel geht es jedoch nicht um Gewalt- oder Sexualdelikte. In die Günzburger Klinik werden nur Verurteilte aus Schwaben, nicht aus ganz Deutschland aufgenommen. Man sei dazu verpflichtet, „wir können niemanden ablehnen“.

Sollte sich aber ein Patient als nicht therapiewillig zeigen, sich nicht an Spielregeln im Haus halten, könne ein Abbruch beantragt werden. Dies müsse gerichtlich verfügt werden. Genau um solche Fälle habe es sich bei den Männern gehandelt, die im September geflüchtet waren. Laut Thomas Düll waren sie für eine Rückverlegung in eine Justizvollzugsanstalt vorgesehen.

Die Liegedauer in der Klinik beträgt zwischen zwei und sechs Jahren, die Regelbehandlung liegt bei 4,8 Jahren. Rückfällig werden die Patienten in 20 bis 25 Prozent aller Fälle, „eine deutlich geringere Quote als bei Straftätern, die aus der JVA entlassen werden“, betonte Dudeck. Um die Patienten kümmert sich eine ganze Reihe von Berufsgruppen, die Hand in Hand arbeiten.

Prof. Dr. Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Forensischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, betonte, dass es niemals 100-prozentige Sicherheit geben wird.
Bild: Georg Schalk/bkh Günzburg

Pflegedienstleiter Paul Buschmann listete neben dem Pflegepersonal, das mit 76 Mitarbeitern die größte Gruppe ausmacht, auch Fachärzte, Psychiater, Psychologen, Sozial-, Ergo- und sogar Musiktherapeuten auf. Letztere könnten nicht unbedingt bewirken, dass ein Patient gesund wird, aber eine Therapie ohne Worte helfe in manchen Konfliktsituationen weiter.

Wie läuft die Therapie ab?

Wie Buschmann erklärte, gilt als Grundfundament der Therapie, die Patienten nicht zu verharmlosen, sie andererseits als menschlich und hilfsbedürftig zu akzeptieren. Den Männern soll ein möglichst reales Leben ermöglicht werden. Viele hätten einen niedrigen Intelligenzquotienten, müssten die einfachsten Dinge des Alltags, wie das Kaufen eines Bustickets, lernen. Die Therapiepläne sind prall gefüllt von 7 bis 17 Uhr.

In den Küchen kommen bewusst Alltagsgegenstände wie Porzellantassen oder Gabeln zum Einsatz. Den Patienten soll ein reales Leben ermöglicht werden.
Bild: Paul Buschmann

Buschmann erzählte von sozialem Kompetenztraining, Arbeitstherapie und Milieugestaltung, wobei soziale Fertigkeiten trainiert werden. Machen die Patienten gut mit, können sie sich eine Lockerung erarbeiten. In einer ersten Stufe beispielsweise werde ein Spaziergang in Begleitung eines Therapeuten erlaubt. Die Ärztliche Direktorin betonte, dass 80 Prozent der Patienten „raus“ dürfen. Der Maßregelvollzug erstreckt sich über vier Stationen, pro Station gibt es drei Wohngruppen mit jeweils acht Patienten. Da jeder aufgenommen werden müsse, könne es zu Überbelegungen kommen, sodass aus Zweier- auch mal Dreierzimmer werden.

Wie sieht es mit der Sicherheit aus?

Wilfried Dreßen ist seit 2001 Sicherheitsbeauftragter in der Forensik. Er ist dafür zuständig, ein eigens auf dieses Haus zugeschnittenes Sicherheitskonzept zu erstellen. Ins Detail wollte er nicht gehen, um nicht zu viel preiszugeben. Auf Mauern, Außenzäune und vergitterte Fenster verzichtet man in Günzburg, stattdessen sind mehr als 200 Kameras und ausbruchsichere Fenster verbaut. Auf Nachfrage einer Anwohnerin, warum trotz aller baulichen Maßnahmen über Wochen das Schreien eines Patienten zu hören gewesen sei, entschuldigte sich Manuela Dudeck mehrfach. Für den Mann, der schwer krank gewesen und inzwischen verstorben sei, habe man einfach kein Medikament gefunden, um ihm zu helfen. Ihn wegzusperren, lasse der humanistische Grundgedanke nicht zu.

Mehr als 200 Kameras wurden innen und außen verbaut.
Bild: Bernhard Weizenegger

Wie Wilfried Dreßen weiter ausführte, ist am Eingang zur Forensik eine Sicherheitsschleuse, darüber hinaus gibt es im Gebäudeinneren Türen, die nur mit speziellen elektronischen Geräten geöffnet werden können. Die Besucher werden überwacht, die Patienten- und Stationszimmer kontrolliert. Alltagsgegenstände wie Porzellantassen oder Gabeln seien zugelassen. „Wenn man will, kann man aus jedem Gegenstand eine Waffe machen“, betonte Dudeck.

„100-prozentige Sicherheit werden wir nicht schaffen.“ Wie es sein könne, dass eine Geisel genommen werde, wollte ein Besucher wissen. Auch wenn zwei Personen Nachtdienst hätten, würden diese nicht Hand in Hand laufen, erklärte Dudeck. Sie müssten sich um 24 Patienten kümmern. Werde ein Mitarbeiter mit einem spitzen Gegenstand bedroht, gehe die Sicherheit des Kollegen vor.

Was gibt es Neues zur Geiselnahme?

Details zur Geiselnahme im September gaben die Verantwortlichen nicht preis, da das Ermittlungsverfahren noch laufe. Wie Manuela Dudeck mitteilte, handelte es sich bei dem gefassten Flüchtigen um einen Autodieb. Da er jetzt eine schwere Straftat begangen habe, werde er sicher nicht mehr nur mit dem Maßregelvollzug sanktioniert.

Das könnte Sie auch interessieren:

Flucht aus BKH: Zielfahnder verhaften Mann in Spanien

BKH-Flüchtige in "Aktenzeichen XY": Wie die Polizei weiter vorgeht

Nach Flucht: BKH soll keine Bedrohung für Bevölkerung sein

Jetzt soll europaweit nach den BKH-Flüchtigen gefahndet werden

Nach der Flucht aus dem BKH fehlt „eine heiße Spur“

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren