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Günzburg/Zusmarshausen

06.12.2019

Eine Schwarzwild-Jagd nach Drehbuch im Forst

Eine Sauenjagd in der Region brachte ein Rekordergebnis. Das ist auch ein Beleg dafür, dass die Population groß ist.
Bild: Lino Mirgeler/dpa (Archiv)

Plus Bei Drückjagden wurden mit 129 erlegten Sauen Rekordstrecken erzielt. Auch aus Angst vor der Afrikanischen Schweinepest müssen die Bestände reduziert werden.

Dass die Wildschwein-Bestände in letzter Zeit enorm gewachsen sind, war Hubert Droste seit Längerem klar. Als jedoch das Ergebnis von zwei Drückjagden im Scheppacher und Streitheimer Forst vorlag, war selbst der Leiter des 14000 Hektar großen Forstbetriebs Zusmarshausen überrascht. 129 Sauen wurden an zwei Tagen auf einer rund 1200 Hektar großen Waldfläche erlegt. „Das sind Rekordstrecken“, sagt Droste, der sich in seiner Einschätzung bestätigt sieht: „Es sind extrem viele Wildschweine da.“

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Vor allem mit revierübergreifenden Drückjagden wollen Förster und Jäger die steigende Population der Schwarzkittel in den Griff bekommen. Nächtelange Ansitze alleine führen nicht zum gewünschten Erfolg. Bei einer Drückjagd beunruhigen Treiber und speziell ausgebildete Hunde das Wild, scheuchen es aus seinem Versteck, wie etwa Dickungen, und bringen es in Bewegung. Die Schützen sind auf sogenannten zwei bis drei Meter hohen Drückjagdböcken postiert, auf denen sie erhöht sitzen und versuchen, zum Schuss zu kommen. Die betroffenen Gebiete werden deutlich mit Warnschildern gekennzeichnet und weiträumig abgesperrt.

Die Jagden werden professionell geplant

Gerhard Kratzer, Revierleiter in Welden im Landkreis Augsburg, hat schon mehrere dieser Jagden organisiert. So wie jetzt im Streitheimer Forst, als auf einer Fläche von 700 Hektar 72 Wildschweine und 14 Rehe erlegt wurden. Während einer zweiwöchigen Vorbereitungszeit werden die Jagden professionell geplant, der Tag selbst muss minutiös und exakt getaktet ablaufen. „Da steckt ein Drehbuch dahinter“, sagt Hubert Droste und spricht seinen Förstern hohes Lob aus: „Sie sind Tag und Nacht unterwegs, erledigen einen Topjob und gehen an die Leistungsgrenze.“

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Hubert Droste ist Leiter des Forstbetriebs Zusmarshausen der Bayerischen Staatsforsten. Seine Stelle ist auch für Waldgebiete des Landkreises Günzburg zuständig, wie den Scheppacher Forst.
Bild: Bernhard Weizenegger

Kratzer selbst betont, in den Tagen vor der Jagd unruhig zu schlafen. „Das alles ist ja nicht ungefährlich und die Sicherheitsvorschriften sind streng. Wir haben eine enorme Verantwortung.“ Die Jagden im Streitheimer und Scheppacher Forst, in dem auf 500 Hektar 57 Wildschweine, 27 Rehe und ein Stück Damwild geschossen wurden, liefen zum Glück unfallfrei ab.

"Schießkinos" für das Training

Mehr Sicherheit garantieren soll auch das Training in sogenannten „Schießkinos“. Die Teilnehmer einer Drückjagd müssen beim Forstbetrieb einen Nachweis vorlegen, dass sie Schüsse auf bewegtes Schwarzwild erfolgreich geübt haben. Droste: „Das Niveau der Schützen ist deutlich besser geworden.“

65455 Wildschweine wurden im Jagdjahr 2018/19 in Bayern erlegt. Die Zahl der Tiere ist in den vergangenen Jahren ständig gewachsen. „Das Vermehrungspotenzial explodiert“, sagt Hubert Droste. Die einfache Rechnung lautet: Sind es im Frühling 100 Sauen, sind es im Sommer bereits 400. Schon 30 Kilogramm schwere Überläufer, gerade den Kinderschuhen entwachsen, würden Nachwuchs bekommen. Früher sei die Wintersterblichkeit der neu geborenen Frischlinge ein Faktor gewesen. Durch die Klimaveränderung mit warmen, trockenen Wintern habe sich dies jedoch geändert. Außerdem finden die Wildschweine in den großen Mais- und Rapsfeldern, die meist direkt an Wälder angrenzen, ausreichend Nahrung und Deckung. Die Jagd auf die schlauen Tiere wird dadurch zunehmend erschwert.

Der Druck auf die Jäger nimmt zu

Der Druck auf die Jäger, mehr Schwarzwild zu erlegen, nimmt auch durch die Gefahr der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu. Die Seuche ist inzwischen im Westen Polens ausgebrochen und damit bedrohliche 80 Kilometer an das Bundesland Brandenburg herangerückt.

Wildschweinschäden nahe Glöttweng, am Rande des Scheppacher Forsts. Die Tiere pflügen die Grasnarbe auf, um an die schmackhaften Wurzeln der Pflanzen zu kommen. Der Forst muss an Landwirte hohe Ausgleichszahlungen leisten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Doch die Nähe zur Grenze allein ist kein ausschlaggebendes Kriterium für die Einschleppung der Schweinepest, sagt Claudia Gangl, Fachreferentin für Wildkrankheiten beim bayerischen Jagdverband. Nach Ansicht von Experten ist vor allem das Risiko, ASP auf die Schwarzwildpopulation oder Hausschweinebestände zu übertragen durch den Transitverkehr über weggeworfene Lebensmittel oder verunreinigte Kleidung hoch. Mit der Krankheit infizierte Tiere, sagt Claudia Gangl, laufen nicht kilometerweit, sie verenden meist innerhalb weniger Tage. Wichtig für den Schutz vor ASP sei eine engagierte, waidgerechte Bejagung von Schwarzwild.

Noch etwas macht ihm Sorge

Hubert Droste macht bei allen Anstrengungen, die Wildschweindichte herabzusetzen, eine weitere Erkenntnis Sorge. Durch die hohen Abschusszahlen gebe es ein extremes Überangebot auf dem Markt, die Preise für das Fleisch seien im Keller. „Wir müssen die Leute motivieren, mehr ökologisch wertvolles Wildbret zu essen.“

Und Droste versichert: Jedes Wildschwein, das in den Handel kommt, wird auf Trichinen und Strahlenbelastung untersucht. Dass nach den erfolgreichen Drückjagden im Scheppacher und Streitheimer Forst noch immer genügend Sauen da sind, davon ist Droste überzeugt. „Wir haben Rotten mit bis zu 30 Tieren beobachtet.“ Und Schäden, wenn die Schwarzkittel wieder mal ein Feld verwüstet haben, sind schon jetzt wieder sichtbar.

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