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Krumbach/Waltenberg

25.12.2016

Eine Waltenberger Weihnacht 1946

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2 Bilder
Weihnachten 1946 musste der junge Alfons ohne seinen Vater (rechts) feiern. Er kehrte erst 1949 aus sowjetischer Gefangenschaft zurück.
Bild: Sammlung Schier

Warum dem Heimatvertriebenen Alfons Schier das Weihnachtsfest 1946 in besonderer Erinnerung geblieben ist.

Weihnachten steht vor der Tür. Es wird gebacken und genascht, die Dekoration für Haus, Garten und Christbaum aufgehübscht und von überall hüllen uns Weihnachtsweisen in rührselige Stimmung. Stress machen die Geschenke, denn jeder, so scheint es, hat ja schon, was er braucht und noch sehr viel mehr. Gibt es denn noch Wünsche?

Weihnachten als Zeit des Überflusses, das ist eine moderne Erscheinung, und so mancher ältere Mensch kennt eine ganz andere Festtagsstimmung. Vor 70 Jahren war Weihnachten für Millionen von Deutschen ein kärgliches Fest. Alfons Schier, damals neuen Jahre alt, war gerade mit seiner Mutter aus dem Sudetenland ins „Knolllager“ gekommen, einem Auffangbecken der Heimatvertriebenen im ehemaligen NS-Fremdarbeiterlager. Viel hatten die beiden nicht zu tragen: einen Sack mit Betten, die Mutter einen großen, der Bub einen kleinen Koffer: Flüchtlinge eben. Sie hatten die Oberlausitz verlassen müssen, Hals über Kopf. Nun standen sie da in Schwaben, in einer fremden Gegend, in der zwar deutsch aber doch eine ganz andere Sprache gesprochen wurde.

Vom Lager ging es im Jeep mit einem Flüchtlingsobmann und amerikanischem Soldaten nach Waltenberg. Wenn Alfons Schier erzählt, dann könnte man glauben, er erzählt eine moderne Interpretation der Weihnachtsgeschichte. Denn wo sie auch anklopfen, es wird ihnen die Aufnahme verweigert.

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Abgestellt an einem Baum

Schließlich werden Mutter und Sohn mit Sack und Pack an einem Baum abgestellt, wo die Waltenberger sie begutachten können. Sie finden für zwei Tage Unterschlupf, aber Alfons verliert dort seinen geretteten Wackeldackel, sein einziges, geliebtes Spielzeug. Nach zwei Nächten beginnt die Herbergsuche aufs Neue: Schließlich bringt die Militärpolizei Mutter und Kind bei Bauern unter.

Die Ostertags, erinnert sich Schier, waren gute Leute, es entwickelte sich eine wahre Freundschaft. Und da war es für die schwäbische Bauersfamilie ganz selbstverständlich, ihre einquartierten Flüchtlinge an Weihnachten einzuladen. In ihrer winzigen Stallkammer wäre kein Platz zum Feiern gewesen: Ein Stockbett, statt einer Heizung Ritzen im Boden, durch die die Wärme des Kuhstalls mehr schlecht als recht nach oben dringt.

Die Holzwand zum Stadel vermag es nicht, die eisige Kälte, die im Winter des Jahres 1946 herrschte, von der Stallkammer abzuhalten. Ein Blechkessel und eine Waschschüssel, die sie aus dem Knolllager mitgebracht haben, waren ihr einziger Besitz, aber mehr hätte in der Stube auch nicht Platz gehabt, nachdem sie mit Hilfe eines engagierten Einheimischen doch noch zu einem kleinen Ofen gekommen waren, dessen Rohr ganz einfach aus dem Oberlicht des Fensters geleitet wurde, einen Kamin gab es ja nicht im Stall.

Kälte, wirtschaftliche Not, die Sorge um den Vater, die Fremde, der Verlust all dessen, was vertraut und geliebt war, bestimmte die Weihnachtszeit 1946.

Kleine Wunder auch im Notjahr

Doch auch in einem solchen Notjahr geschehen kleine Wunder. Auch Alfons Schier durfte ein solches erleben und trägt es bis heute in seinem Herzen, auch wenn alle materiellen Spuren vergangen sind.

Es war kurz vor Heiligabend, da trifft der kleine Alfons den Herrn Bestler. Der war der Vorsteher der altapostolischen Kirchengemeinde in Krumbach, wohnte aber in Waltenberg. Und obwohl die beiden eigentlich nichts miteinander zu tun hatten, schenkt der Kirchenvorsteher dem Flüchtlingsbub eine schwäbische Dreieckskrippe. Die wenigen Figuren dazu waren lädiert: Eine Maria ohne Jesuskind und ohne Josef, ein Schäfchen ohne Kopf und ein versehrter Hirte. Im Rückblick erscheint die Krippe wie ein Abbild der Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg, in der die Frauen ohne ihre Männer zurechtkommen mussten. Zurückgeblieben waren nur die Versehrten, die Kriegsuntauglichen, und selbst an den Tieren ging der Krieg nicht schadlos vorbei.

Was heute achtlos auf den Müll geworfen würde, war der große Schatz des kleinen Alfons, den er hütete ihn bis ins Erwachsenenalter. Sein späterer Verlust durch eine Unachtsamkeit schmerzt ihn noch heute.

Feiern am geschmückten Christbaum

Am Heiligen Abend durften die schwäbischen Neubürger in der Stube bei der Familie Ostertag am geschmückten Christbaum feiern. Sogar ein Geschenk hatten die Ostertags für den neunjährigen Alfons: „Etwas golden Glänzendes, Flaches, Viereckiges, wahrscheinlich ein Aschenbecher. Die hatten ja auch nichts. Und das Glanzstück war für mich wahrlich goldwert. Es wurde die Rückseite meines neuen, großartigen Schatzes, meiner Krippe.“

Und nicht nur das, auch die Mutter hatte ein großes Geschenk für ihn: zwei Gutscheine. Das waren Bezugsscheine für Sonderrationen. Da Alfons schwach und kränklich war, bekam er ab sofort alle zwei Wochen ein halbes Pfund Butter und eine Hartwurst pro Monat. „Die wurde beim Metzger geholt und mit der Schlinge an das Fensterkreuz genagelt. Meine Mutter hat mir jeden Tag zwei Scheiben abgeschnitten.“

Es war das erste Weihnachten in Schwaben und sicher das bescheidenste, das Alfons Schier erlebt hat. Doch die Feier bei den gastfreundlichen Ostertags und Geschenke, die er damals erhielt, sind ihm auch heute, nach 70 Jahren, noch so in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen.

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