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Leipheim

15.10.2019

Eine phänomenal gute Notlösung bei den Tastentagen

Nur kurz unterbrach Pianistin Ladyva ihren Gesangsbeitrag zu einem vierhändigen Zwischenspiel mit Piano-Kollegen Christian Conz. Die Künstlerin trat trotz Sehnenscheidenentzündung wie geplant bei den Tastentagen im Leipheimer Zehntstadel auf. Um ihre Hand zu schonen, konzentrierte sich die Boogie-Woogie-Spezialistin auf das Singen.
Bild: Helmut Kircher

Die Schweizer Pianistin Ladyva ist während ihres Auftritts in Leipheim gehandicapt durch eine Sehnenscheidenentzündung. Mit Unterstützung von Chris Conz macht sie aus der Not eine Tugend – und begeistert das Zehntstadel-Publikum.

Ein Martyrium – für das Klavier. Ihm drohte der Tasten-Untergang im Trommelfeuer der „heißesten Musik, die je für Klavier erfunden wurde.“ Und dabei fing es so harmlos an. „Guatn Abig mitanad“ charmeurte Ladyva schwyzerdütschig in den vollbesetzten Saal. Sie, die 2017 als „Best Boogie Woogie Pianist“ Gekürte, in der bis dato reinen Männerdomäne des Fachs Boogie-Blues-Jazz. Duopartner Chris Conz, ebenfalls Schweizer, ebenfalls „Pianist des Jahres 2017“, vielfach ausgezeichnet und preisgekrönt, gibt sich unauffällig, zurückhaltend.

Er, blütenweiß behemded, mit Fliege, in schmucker Ausgehjacke (bald legt er sie schweißdurchtränkt ab). Sie, im weiblich souveränen Hardliner-Mini, das Wallehaar gleichermaßen über Rücken und Brust fließen lassend.

Mit Jerry Lee Lewis feierte sie dessen 80. Geburtstag

Mit Jerry Lee Lewis steigt sie ein, mit ihm, der sie einst zu seinem 80. Geburtstag nach Glasgow lud. Ein Ereignis, das ihrem Karrierestart auf die Beine half. „Shake it, oh, shake it Baby“ singt sie, rhythmisch auflodernde Erotikfunken entzündend, ins Handmikro, im Smiley-Modus, mit dem lockend-lüsternen Lächeln einer hippen Raubkatze. Das kommt super an.

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Sie beschränkt sich, ihr Handicap gebietet es, fast ausschließlich auf den Gesang. Partner Chris lässt dazu die Tasten tanzen. Boogiespirit, Bluesfeeling, Jazzrhythmik, über alle Stilgrenzen hinweg lässt er die Musikstile Kapriolen schlagen, mischt sie, schnellgriffig, energieexplodierend, rauschhaft virtuos und tastenstürmerisch opulent, zu einem rockenden Feuerwerk losgelassener Klanggewalten. Selbstredend ohne Noten und, auch das ist Usus bei Jazzern & Co., ohne Pedalgebrauch.

Chris Conz: Ein Hexenmeister an den Tasten

Geht auch gar nicht anders, denn fußtechnisch gesehen braucht er, zumindest den rechten, zum wippend dauerbegleitenden „Stomp“ (Stampfen). Einzig beim „Saint Louis Blues“ tupft er rechts leicht aufs Pedal, wippt dann eben links. Keine Frage, er ist der „Macher“ des Abends, lässt das Klavier, technisch versiert und brillant improvisierend, zum „hot piano“ werden. Ein Hexenmeister der Tasten, der nicht nur sich, sondern auch die Sängerin, schweißangereichert und nach Schweizer Art, buchstäblich verhackstückelt.

Als Fixsterne, als Powernummern und Edelversionen längst vergangener Zeiten, geben sich Blues-, Gospel-, Jazz- und Boogie-Oldies die Hand. Der Beautiykultur einer einstmals besseren Welt nach sehnsüchtelnd. Elvis Presleys „It’s now or never“, „Flip, flop and fly“ der Blues Brothers, Nat King Cole, James Booker und sogar Isaac Albenizs Gitarrenhit „Asturias“ („spanische Musik, aber ich spiel sie auf Deutsch“) gehören zu den satt-soundigen Vocals und solo-pianistisch zündenden Samples flammenwerfender Rock-Metaphorik. Lost in Boogie. Total. Zweimal wagt sich Ladyva (eigentlich Vanessa Gnaegi) zu einem kurzen Zusammenspiel an die Tasten.

„Für euch gespielt, das erste Mal seit langer Zeit,“ kommentiert Chris Conz bewusst beiläufig ins Publikum, bevor er wieder ins Volle greift, seine Eigenkomposition „Donau Stomp“ mit ausufernd losgelassener Wollust auf die Tasten donnert und hintersinnig die Geschichte von Ray Brights „In the backroom“- Boogie erzählt, die eine schweizer Bäckerei, mit delikatem Missverstand, als „In der Backstube“ interpretierte.

Von Beginn an wurde diese Nacht der schnellen Tasten auf Wogen des Beifalls getragen, wird schnell zum pianistisch furiosen Husarenritt, zum Tasteninferno funkenschlagend rasanter Boogie-Blues-Jazz-Sprache.

Nur Zugabe Nummer drei lässt ohrenschmeichlerisch und melancholiesatt die Seele schmelzen: Frank und Nancy Sinatras „Something stupid“. Publikums Mitsingen ist dazu erforderlich, in deutscher Übersetzung „La-la-la-la, La-la-la-la“.

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