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Interview

24.12.2019

Erhard Keller, der Doppel-Olympiasieger vom Nornheimer Weiher

Der Spaß kommt beim Schmökern: Erhard Keller hat in einem Olympia-Buch aus dem Jahr 1968 ein Foto von seinem Erfolg über 500 Meter entdeckt.
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Der Spaß kommt beim Schmökern: Erhard Keller hat in einem Olympia-Buch aus dem Jahr 1968 ein Foto von seinem Erfolg über 500 Meter entdeckt.
Bild: Jan Kubica

Er holte Eisschnelllauf-Gold, stellte Weltrekorde auf – und wurde an Heiligabend 1944 in Günzburg geboren. Erhard Keller über seine Heimatstadt und Wahlheimat.

Sie wurden am 24. Dezember 1944 in Günzburg geboren. Einige Jahre lebten Sie dann in Nornheim. Ihre ersten Runden auf Schlittschuhen sollen Sie als Fünfjähriger auf einem nahe gelegenen Weiher gedreht haben. Können Sie sich noch erinnern, wo genau das war, Herr Keller?

Keller: 100 Meter vom Ortsrand entfernt gab es einen kleinen Teich, der auf schwäbisch „Benselach“ hieß. Das war ein flacher Weiher, der jeden Winter schnell zugefroren ist. Tatsächlich habe ich mit fünf Jahren die ersten Schlittschuhe geschenkt bekommen und bin damit aufs Eis. Das waren übrigens Schraub-Schlittschuhe, die man an seinen normalen Schuhen befestigt hat. Umgangssprachlich hießen die nicht von ungefähr „Absatzreißer“.

Schlittschuhe und Ski mit Butter bezahlt

Stimmt es, dass Ihre Mutter Else Keller Ihre ersten Sportgeräte mit Butter bezahlt hat?

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Keller: Der damalige Besitzer der Günzburger Molkerei war nach dem Krieg inhaftiert. Deshalb hat meine Mutter dort die Geschäfte geführt, bis der wieder entlassen wurde. Butter hatten wir also, und mit Butter konnte man in jener Zeit vieles kaufen. Da hat sie mir eben Schlittschuhe besorgt und auch ein paar Ski.

Wo konnten Sie als Bub Skifahren?

Keller: In Reisensburg gab es einen Buckel, da standen ein paar Bäume drauf. Deshalb hat das Drei-Tannen-Abfahrt geheißen. Aber weil der Bauer das nicht gerne gesehen hat, hat er immer Mist drauf geschmissen, damit man nicht mehr Skifahren konnte.

Als Sie fünf waren, wurde Ihr Vater Rudolf ans Landeskriminalamt nach München versetzt. Hatten Sie danach noch Kontakte nach Günzburg?

Keller: Die beste Freundin meiner Mutter war eine Frau Mayer, deren Bruder Ernst ein Hutgeschäft auf dem Marktplatz führte. Deshalb habe ich die öfter mal besucht. In der Zeit, als ich dort gewohnt habe, trafen sich meine Eltern auch häufig mit der Arztfamilie Specht und einem ihrer Verwandten, einem Zahnarzt Hauser. Der hatte keine Kinder und dann hieß es scherzhaft, ich solle mal dessen Praxis übernehmen. Es ist also gut möglich, dass ich deshalb Zahnarzt geworden bin. Später dann habe ich diese Bekannten ab und zu besucht und sie sind zu den Rennen nach Inzell gekommen.

"Ich habe mir gedacht: So schnell kann ich auch laufen"

Ihr Hobby Eislaufen nahmen Sie mit nach München. Als bereits 16-Jähriger erhielten Sie dann den entscheidenden Motivationsschub in Sachen Eisschnelllauf.

Keller: Wir wohnten inzwischen im Münchner Westen. Als sie auf der Schäferwiese an der Agnes-Bernauer-Straße eine Eisbahn bauten, wurde zur Eröffnung unter anderem Eisschnelllauf präsentiert. Ich habe mir das angeschaut und gedacht: So schnell kann ich auch laufen.

Und dieser Moment gab Ihnen den besonderen Kick?

Keller: Ja. Ich habe gleich gefragt, ob sie gebrauchte Eisschnelllauf-Schuhe haben. Dafür habe ich von der Großmutter 20 Mark bekommen und mir ein Paar gekauft, das mir viel zu groß war.

Von dort zu Ihren ersten sportlichen Erfolgen dauerte es nicht allzu lange.

Keller: Am Langwieder See wurde bald darauf eine 400-Meter-Bahn abgesteckt und ich habe mit meinen 20-Mark-Schlittschuhen gleich gewonnen. Anschließend fand am Frillensee in Inzell die bayerische Meisterschaft statt. Die habe ich auch gewonnen und der damalige Bürgermeister hat gesagt: „Wenn Du willst, startest Du für uns.“ Ich bin also von Pasing nach Bad Reichenhall aufs Gymnasium gewechselt und für den Verein in Inzell gelaufen – zunächst weiter auf dem Frillensee und später, ab 1965, auf der nagelneuen Kunsteisbahn.

Wo Sie auch gleich ihren ersten nationalen Titel holten. Ihre sportliche Entwicklung kannte anschließend nur eine Richtung: nach oben. Unmittelbar vor den Olympischen Spielen 1968 verbesserten Sie den fünf Jahre alten Weltrekord des Sowjetrussen Jewgeni Grischin um drei Zehntelsekunden auf 39,2 Sekunden. Wie empfanden Sie die Favoritenbürde in Grenoble?

Keller: Das war gar nicht tragisch. Ich hatte vorher nahezu konstant alle Rennen gewonnen, dazu den Weltrekord aufgestellt. Da hat man Selbstsicherheit. Das einzig Unwägbare war: Inzell hatte immer sehr gutes Eis und alle wussten, dass Grenoble sehr schlechtes Eis hat. Ich habe also versucht, dort möglichst schnell dranzukommen. Mit einer guten Zeit wollte ich die anderen nervös machen.

Das hat ja in beeindruckender Weise funktioniert. Wie fühlte es sich an, anschließend auf dem Treppchen zu stehen, all die Menschen zu sehen und die Nationalhymne zu hören?

Keller: Super. Es ist das Gefühl, Mensch, die ganze Schinderei hat sich rentiert. Das Schlimmste ist doch, wenn du zuvor alles machst und im wichtigsten Renen 15. wirst. Dann ist doch alles umsonst gewesen.

In Grenoble gab’s erstmals bei Olympischen Winterspielen Dopingkontrollen. Heute ist das ein weltbewegendes Thema mit weitreichenden Konsequenzen – auch im Eisschnelllauf. Wie war das damals?

Keller: Als Erster kamst du zur Kontrolle, also war ich damals auch dran. Wir kannten das Thema von den Radrennfahrern, aber bei denen ist ja alles auf Ausdauer angelegt und ich war Sprinter. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich nehmen müsste.

Es gibt jede Menge Wirkstoffe, die früher erlaubt waren und erst nach und nach auf der Dopingliste landeten.

Keller: Richtig. Bis 1972 standen zum Beispiel Anabolika nicht auf der Dopingliste.

"Heute steht das Zeug auf der Dopingliste"

Ist es also denkbar, dass auch ein Erhard Keller irgendwann einmal irgendetwas intus hatte, was nach heutigen Kriterien mindestens zweifelhaft wäre?

Keller: Um dem Hustenreiz bei den Rennen in der Kälte vorzubeugen, haben wir Eissportler manchmal Hustensaft mit Ephedrin bekommen. Der hat unheimlich gut gewirkt und keiner wusste, wieso eigentlich. Heute steht das Zeug auf der Dopingliste. Aber damals hat doch keiner geahnt, dass das später mal dort landet.

Zur Belohnung für Ihren Olympia-Triumph durften Sie in Inzell fünf Jahre lang mietfrei wohnen. Ihre Aussage „Der Leistungssport bringt dem Erfolgreichen Vorteile, die früher nur durch Geburt und Abstammung zu erreichen waren“ hat aber gewiss nicht nur diese eine Basis, oder?

Keller: Natürlich nicht. Ob das ein Hans-Dietrich Genscher war oder ein Franz Josef Strauß, überall wurdest du eingeladen. Das waren alles Veranstaltungen, wo du sonst nie reingekommen wärst.

Gab es auch Angebote der, sagen wir mal, skurrilen Art?

Keller: Der damalige Kanzler Willy Brandt hat mich bei einem Besuch in Inzell gefragt, ob ich Pressesprecher bei der SPD werden möchte.

Nach aktuellem Stand der politischen Dinge sind wir geneigt zu sagen: Gut, dass Sie darauf verzichtet haben.

Keller: Ich habe auch gleich dankend abgelehnt, denn eine politische Laufbahn war nie meine Option.

Der Bürgermeister fordert Rekorde, der Sportler liefert sie

Der zweite Teil der Wahrheit lautet in Ihrem Fall: Sie haben viel zurückgegeben, einen Eisschnelllauf-Boom mit ausgelöst und das damalige Westdeutschland in dieser Sportart auf die internationale Landkarte gebracht. Würden Sie sagen, dass sich das die Waage hält mit den Momenten, in denen Sie profitiert haben?

Keller: So muss es auch sein. Ein Beispiel: Die Eisbahn in Inzell ist mit Bundesmitteln gebaut worden. Da kam alle zwei Wochen einer vorbei um zu sehen, ob das Geld auch gut angelegt ist. Also kam auch der Bürgermeister zu mir und hat gefordert: „Gell, da brauchen wir wieder einen deutschen Rekord.“ Das hat auch fast jedes Mal hingehauen und es hat Wirkung gezeigt. Denn die vom Bund haben dann gesagt: „Natürlich, wenn der Erhard Keller ständig Rekorde läuft, müssen war die Sache in Inzell schon erweitern.“

Zu Ihrer sportlichen Glanzzeit galt noch der Amateur-Paragraf.

Keller: Aufgrund dessen man als Sportler kein Geld verdienen durfte. Aber man hat ja eines gebraucht.

Also wurden Wege ersonnen, den Paragrafen auszuhebeln. Wie war das mit den Tulpenzwiebeln?

Keller: In Holland hast du als Sieger so und so viele Zentner Tulpenzwiebeln bekommen. Die konntest du ja schlecht mitschleppen. Also hast du sie an Ort und Stelle weiterverkauft. Andernorts hat man Hotelaufenthalte bekommen, die konnte man sich auszahlen lassen. In Norwegen kam schon mal ein Kuvert „Mit freundlichen Grüßen“ vom König. Und in Inzell hat man die eine oder andere Benzinrechnung an die Gemeinde geschickt.

Einen Monat nach dem Triumph in Grenoble erlitten Sie bei einem schlimmen Ski-Unfall in St. Moritz üble Beinbrüche. Sie trugen eine dauerhafte Beinverkürzung sowie eine Fehlstellung des Fußes davon. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Sportler-Karriere fortzusetzen?

Keller: Da muss man halt an der Sportart hängen und sagen, ohne die kann ich nicht leben, dann geht das. Ich musste den Schlittschuh anschließend etwas erhöhen und da der Fuß nicht mehr ganz gerade war, die Schiene etwas verschieben, um wieder achsengerecht zu stehen.

Und dennoch schafften Sie 1972 in Sapporo zuvor Unerreichtes: Als erster deutscher Wintersportler wiederholten Sie einen Olympiasieg. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, diese Goldmedaille war die schönere, wertvollere oder intensiver erlebte?

Keller: Grenoble und Sapporo kann man nicht vergleichen. Sapporo war um 300 Prozent schwerer zu gewinnen, da lagen Welten dazwischen. Der Favoritenkreis war viel größer, die Sportart war inzwischen auch in Japan, Korea oder den USA populärer geworden.

Sie haben einmal selbstbewusst behauptet, Sie hätten aufgrund Ihrer in jenem Winter erreichten Zeiten 1976 in Innsbruck ein drittes Mal Gold gewinnen können. Allerdings durften Sie dort nicht mehr starten, weil sie zuvor für eine kurze Zeit ins Profilager gewechselt waren und eine Reamateurisierung zur damaligen Zeit nicht gestattet war. Schmerzt Sie das?

Keller: Zwei Tage vor Olympia gab es hier in Inzell ein Testrennen, denn die Bahn in Innsbruck war bei den Besten nicht so beliebt. Ich durfte damals als Vorläufer starten und habe die absolute Bestzeit gelaufen. Aber ganz ehrlich: Die Sache mit Innsbruck hat mich schon damals nicht allzu sehr gewurmt. Ich war ja schon als Zahnarzt fertig, hatte 1975 meine Praxis eröffnet.

Als Profi gewannen Sie alle zehn Sprint-Rennen, in denen Sie starteten. Dafür gab’s, daraus machten Sie nie ein Geheimnis, 250000 Mark. Wofür haben Sie das Geld verwendet?

Keller: Damit habe ich meine Praxis eingerichtet, ohne Schulden zu machen. Das hängt mit der Innsbruck-Geschichte zusammen: Hätte ich als Amateur weitergemacht, hätte ich die ganze Zeit kein Geld verdient – und was, wenn ich dann nicht gewonnen hätte? Ich hatte ja auch einen Haufen Werbeverträge. Klar, nach einer dritten Goldmedaille hätte ich natürlich noch höhere Preise erzielen können. Aber der Spatz in der Hand war mir lieber – und man wird ja nicht jünger.

"Ich wurde gefeiert - und musste dafür nicht einmal antreten"

Also haben Sie nichts zu bereuen?

Keller: Warum auch? Die Leute kamen zu mir, klopften mir auf die Schulter und sagten: „Sie hätten das 1976 wieder gewonnen.“ Ich wurde also gefeiert – und musste dafür nicht einmal antreten.

Ihre Zahnarzt-Praxis in München führten Sie 27 Jahre, ehe Sie sich 2002 als 58-Jähriger aus dem Berufsleben verabschiedeten. Seither definieren Sie sich selbst gerne als Privatier. Wurde es Ihnen da nie langweilig?

Keller: Nein, überhaupt nicht. Ich war und bin ununterbrochen ausgelastet. Mein ältester Enkel ist zehn Jahre alt, der andere acht und der nächste fünf. Die halten sich und mich in Bewegung. Und die machen wirklich alles von Tennis über Schwimmen hin zu Fußball. Die sitzen keine Minute ruhig.

Die Zeit als Fernsehmoderator? "Für mich uninteressant"

Es soll ja Zeitgenossen geben, die den Sport nicht allzu intensiv verfolgen. Die wurden möglicherweise erst so richtig auf Sie aufmerksam, als Sie in den 70er-Jahren für mehr als 100 Sendungen Moderator der Fernsehsendung Spiel ohne Grenzen wurden. Außerdem moderierten Sie ein paarmal das Aktuelle Sportstudio und waren als Fernseh-Experte bei den Winterspielen 1976, 1984, 1988, 1992 und 1994 aktiv. Welchen Stellenwert besitzt diese Episode in Ihrem persönlichen Rückblick?

Keller: Eigentlich war das für mich alles uninteressant. Ich bin Sportler und Zahnarzt. Das einzig Schöne daran war: Wenn du am Montag wieder in die Praxis gegangen bist, hast du genau gemerkt, dass du scharf unter die Lupe genommen wirst von den Patienten.

Dann noch einmal zurück zum Sport, bitte. Mitte, Ende der 90er-Jahre löste der heute noch aktuelle Klapp-Schlittschuh den bis dahin verwendeten klassischen Schlittschuh ab. Der Weltrekord über 500 Meter steht seit 2015 bei 33,98 Sekunden. Was glauben Sie: Wie schnell könnten Sie unter heutigen Bedingungen laufen?

Keller: Das kann man schlecht sagen. Aber ich habe mich unlängst mit dem besten österreichischen Läufer meiner Zeit, Othmar Braunecker, genau darüber unterhalten und wir haben beide gesagt, wir wären wahrscheinlich genauso schnell wie die Jungs heute. Die sind ja auf den ersten 100 Metern nicht schneller als wir damals, aber danach macht der Klappschlittschuh einfach viel aus.

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