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Kirchenkonzert

29.03.2016

Ernster Glaube, heitere Musik

Zum „Musikalischen Frühling im Schwäbischen Barockwinkel“ gab es gestern in der Heilig-Geist-Kirche eine Günzburger Erstaufführung mit der „Missa solemnis in C“ von Pietro Pompeo Sales.
Bild: Kircher

Zum „Musikalischen Frühling“ bringt das Heilig Geist Ensemble eine Erstaufführung zum Blühen

Wohnten wir einer Entdeckung bei? Als am 19. September 1766 die neue Basilika in Ottobeuren eingeweiht wurde, schrieb der am Hofe des Augsburger Fürstbischofs in Diensten stehende italienische Komponist Pietro Pompeo Sales eine diesem Anlass würdige „Ottobeurer Festmesse“, seine feierliche „Missa solemnis in C-Dur“. Der Maestro galt, so zumindest fand der „Musikalische Almanach“ von 1782, als „ein Mann, der verdiente, weit besser bekannt zu sein“, denn, so urteilte das Blatt, „er gehört unter die großen Tonkünstler unserer Zeit“. Die Zeit war anderer Meinung. „Der Mann“ verschwand, trotz all seiner Opern, Instrumentalkompositionen und Kirchenmusikwerken samt C-Dur-Messe im Archivstaub der folgenden fast zweieinhalb Jahrhunderte. Zumindest seine Missa blinzelte, vor wenigen Jahren erst, verschlafenen Auges in die neue Zeit und fand sich als Neudruck im Notenarchiv des Günzburger Heilig Geist Ensembles. Archivleiche oder Neuentdeckung?

Kirchenmusik- und Chorleiter Wolfram Seitz zeigte sich nicht wenig erstaunt, überrascht und erfreut, hatte er doch schon seit Kindes- und Jugendalter einen engen Bezug zu Ottobeuren und seiner Basilika. Warum also diesen Fund, quasi als Günzburger Erstaufführung, an Ostern nicht wiederauferstehen lassen? Mit der Camerata Ulm stand ihm gestern ein einsatzfreudiges, fabelhaft flüssig agierendes Orchester, dem Solistenquartett Helen Willis (Sopran), Carmen Artaza Insausti (Alt), Stefan Mußack (Tenor) und Frédéric Jost (Bass) ein emotional höchst zupackendes und mustergültig homogenes Gesangspotenzial zur Verfügung, das die ausladenden Solopartien mit ihren klangpoetischen Koloraturstrecken seelenvoll und empfindsam in Griff und Kehle hatte. Der Heilig Geist Chor, stimmlich wie gewohnt zuverlässig und mit famoser Selbstverständlichkeit allen Gefühlen dunkel verzweifelter Sündenbekundung wie auch kristallinklarer Jubeldramatik gewachsen.

Warum aber wurde Sales’ Werk von seiner Zeit zu ewiger Verdammnis verurteilt? Trat seine Auffassung harmonisch bewegender Klangrede der Züchtigkeit frommer, sakraler Musik zu nahe? Wolfram Seitz dirigierte, ohne dass historisierende Spekulationen aus seinem Taktstock blitzten. Und doch, wie herrlich diese manchmal Fast-Haydn-Tonsprache, dieses schubertsanft Tränenhafte, dieser zuweilen geradezu italienisch kulinarische Wohllaut. Herzbewegend. Und deshalb im höchsten Sinne richtig. Weil irdisch interpretiert. Die heitere Eleganz, barocke Opulenz, schon im polyfon strukturierten Kyrie, mit Beginn des Dauereinsatzes der Solostimmen. Wuchtige Gloria-Akkorde, von Trompetenglanz beschienen, besinnlich mentale Verschnaufpause im „Qui tollis“, dann mit feierlich festlich fugiertem „Cum sancto spiritu“ ins wuchtige Amen. Georg Friedrich Händels überstrapazierter „Halleluja“-Dauerbrenner passt bekanntlich immer und überall. Passt als Leihgabe auch vor das Credo in Pietro Sales’ Missa solemnis. Das Credo selbst gerät, streicherbegleitet, in schmerzliches Taktgefüge, bevor im „resurrexit“ wiederum die Fülle steigerungspotenten Wohlklangs aufersteht, bevor das weichgezeichnete „Sanctus“ auf der Seele zergeht und Solosopran-Koloraturen das Benedictus auf Engelsflügeln in die chorischen Hitzegrade des „Hosanna in excelsis“ begleiten. Ernster Glaube, heitere Musik. Von Liebreiz geradezu durchdrungen die Sünden der Welt im „Agnus Dei“. Das Erbarmen von flehenden Geigen in verklärend bewegende Linien moduliert. Und das „Dona nobis pacem“ wird zur Geste dramatisch rührender Innerlichkeit, wird zur machtvollen Bitte um äußeren und inneren Frieden, für die Menschen damaliger Zeit wie auch der heutigen. Eine Bitte, die, auch im strahlenden C-Dur einer Missa solemnis, trotz final dreimaligem Pace-Nachdruck sinnfällig im Piano verhallt.

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