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Interview

18.06.2020

Explosion am Bahnhof in Günzburg: So lief der Einsatz ab

Nach der Explosion am Bahnhof in Günzburg wurde nach Verschütteten gesucht.
Bild: Mario Obeser

Plus Kreisbrandrat Stefan Müller über die Explosion in Günzburg und die zurückliegenden verrückten zehn Tage.

Wie haben Sie von dem Unglück in Günzburg erfahren?

Stefan Müller: Parallel lief ein anderer Einsatz – ein Kfz-Brand in Offingen, bei dem ich vor Ort war. Über die Alarmierung selbst habe ich nichts mitbekommen. Mein Funkmelder lag im Auto. Kameraden der örtlichen Wehr haben mir von einem größeren Einsatz mit Explosion um 7.10 Uhr berichtet. Ich bin dann durchgefahren nach Günzburg. Während der Anfahrt hat der Günzburger Kommandant Eisele einen kurzen Lagebericht gegeben und mitgeteilt, dass es nur über den Auweg möglich ist, zum Treffpunkt Volksfestplatz zu kommen.

Wenige Sekunden haben für dieses Bild der Zerstörung gereicht. Nach vorläufigen Schätzungen beläuft sich die Schadenssumme auf einen niedrigen Millionenbetrag. 20 Gebäude und 77 Fahrzeuge sind dabei nach Auskunft der Polizei beschädigt worden.

"Hoffentlich ist nichts Schlimmeres passiert"

Was war ihr erster Eindruck, als Sie vor Ort waren?

Müller: „Oh Gott“, habe ich mir gedacht. „Hoffentlich ist nichts Schlimmeres passiert.“ Denn das alles hat sich in unmittelbarer Bahnhofsnähe abgespielt – nur einige Meter von den Gleisen entfernt.

Wann waren Sie wieder beruhigt?

Müller: Die erste halbe Stunde in so einer Einsatzphase herrscht immer ein gewisses Chaos. Als klar war, dass die Bauarbeiter vollzählig sind, die derzeit für Umbauarbeiten am Auweg eingesetzt werden, war das in der Tat beruhigend. Und auch sonst galt niemand als vermisst.

Der Bahnhofsbereich von Günzburg wurde nach der Explosion der ehemaligen Tier- und Geflügelzuchthalle, die sich in unmittelbarer Nähe befindet, weiträumig gesperrt.

Nach Explosion: Ortungstrupp, Drohnen und Suchhunde

Wie haben Sie dann Ihre Einschätzung mit der Realität in Günzburg abgeglichen?

Der Günzburger Kreisbrandrat Stefan Müller.
Bild: Kreisfeuerwehrverband

Müller: Aufgrund des Trümmerbilds wurde entschieden, Suchhunde nachzualarmieren. Und der Ortungstrupp des Technischen Hilfswerks Memmingen kam ebenfalls. Wir haben eine landkreiseigene Drohne bei der Unterstützungsgruppe der örtlichen Einsatzleitung. Die wurde auf der Anfahrt schon wegen des Alarmstichworts „Explosion“ angefordert. Die Drohne hat zwei verschiedene Kameras. Beim ersten Flug über die Einsatzstelle wurde die Infrarot-Wärmebildkamera benutzt. Im zweiten Flug dann die hochauflösende normale Kamera, um das Ausmaß des Schadens aus der Luft zu sehen. Das Wärmebild war glücklicherweise negativ. Wir hatten zwei Verdachtsmomente, die durch Trupps von der Feuerwehr aber ausgeschlossen werden konnten.

Aber Suchhunde haben angeschlagen.

Müller: Ich war auf der anderen Seite des Bahnhofs, um das Schadensausmaß der Asylbewerberunterkunft zu recherchieren. Momentan habe ich keine Erklärung dafür. (Anmerkung der Redaktion: Auch der Ortungstrupp des THW hat „organisches Material“ an der Stelle lokalisiert, an der auch die Suchhunde angeschlagen haben. Das kann aber auch eine Hose oder etwas Ähnliches sein, auf die reagiert wird. Am Nachmittag wurden mit Händen die Trümmer abgetragen. Man ging aber zu diesem Zeitpunkt nicht davon aus, Verschüttete zu finden.)

Die Ursache ist noch unklar

Was ist die Ursache des Unglücks?

Müller: Da will ich jetzt nicht spekulieren. Die Feuerwehr hat Gasflaschen sichergestellt, die sich im Gebäude befunden haben. Spezialisten des Landeskriminalamts waren vor Ort.

Was war das für eine Woche für die Feuerwehr im Landkreis Günzburg?

Müller: Das waren verrückte zehn Tage. Den ersten belastenden Einsatz haben wir Montag vergangener Woche in Konzenberg gehabt. Da ist ein Landwirt im Silo erstickt, den jeder kannte. Das hat auch unsere Kräfte zum Teil sehr mitgenommen. Die psychosomatische Notfallversorgung für die Einsatzkräfte wurde deshalb sofort angefordert. Diese Experten führen Einzelgespräche, in denen der Einsatz aufgearbeitet wird. Zum Teil ist der Notarzt dabei. Unseren Männern und Frauen wurde deutlich gemacht, dass die Überlebenschance des Mannes von Anfang an recht gering war und sie ihr Möglichstes getan haben. Da muss sich also niemand Vorwürfe machen.

Auch das Asylbewerberheim wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Unfälle und Brände: Feuerwehr hat alle Hände voll zu tun

Was kam dann noch?

Müller: Ein Unfall mit mehreren Verletzten in der vergangenen Woche auf der A8. Am Freitag ein Schmorbrand im ICE in Günzburg. Samstag auf Sonntag der Dachstuhlbrand in Krumbach. Montagvormittag der Brand in der Reisensburger Asylbewerberunterkunft. Und nun am Mittwoch der Fahrzeugbrand in Offingen und die Explosion in Günzburg.

Haben Sie so einen Ablauf schon mal erlebt?

Müller: Ich nicht.

Ist die Feuerwehr nun geschlaucht?

Müller: Das sehe ich nicht so. Wenn man zum fünften Mal einen Einsatz wegen einer Brandmeldeanlage fährt und sich alles als Fehlalarm herausstellt: Das schlaucht. Mit den zuvor erwähnten Einsätzen erkennt man die Sinnhaftigkeit unserer Tätigkeit. In den letzten Tagen haben alle einen tollen Job gemacht.

Sind sie stolz auf „Ihre“ Feuerwehr?

Müller: Natürlich. Immer. Sonst hätte ich den Job nicht übernommen.

Stefan Müller ist 2019 zum Kreisbrandrat im Landkreis Günzburg gewählt worden.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Till Hofmann:

Einsatz nach Explosion in Günzburg: Eine klasse Leistung!

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