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Brexit

11.01.2021

Firmen im Landkreis Günzburg bleiben mit den Briten verbunden

Für die in Leipheim ansässige Firma Wanzl ist der britische Einzelhandel der drittgrößte Markt in Europa. Entsprechend positiv beurteilt das Unternehmen das nun geschlossene Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich.
Bild: Wanzl GmbH&Co. KgaA

Plus Das Abkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich gewährt Unternehmen Planungssicherheit. Es geht um Warenwerte in Millionenhöhe. Wo Kostenfallen liegen.

Partnerschaft statt Union: Der seit 1. Januar geltende Brexit-Vertrag regelt auf mehr als 1200 Seiten die künftigen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und dem durch den selbst gewählten Ausstieg zum Drittstaat gewordenen Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland. Jahrelanges Tauziehen um wirklich relevante Punkte einer ernsthaften Partnerschaft auf Augenhöhe und ebenso lang anhaltende, phasenweise in unfreiwillige Komik ausartende Haarspaltereien in Detailfragen haben ein Ende gefunden. Als Weihnachtsgeschenk für die gesamteuropäische Wirtschaft gab es ein Freihandelsabkommen, das auf Handelshemmnisse wie Zölle verzichtet. Das ist grundsätzlich gut für den Außenhandel auf beiden so exportorientierten Seiten, über denen jahrelang das Damoklesschwert namens „harter Brexit“ Angst und Schrecken verbreitete. Es stand und steht auch weiter viel auf dem Spiel für die Exportnation Deutschland - und für die international orientierten Unternehmen im Landkreis Günzburg.

Das sagt die IHK Schwaben

Diesen Sachverhalt betont die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben ausdrücklich. Die Vereinbarung sei deshalb „eine gute Nachricht für die circa 50 Unternehmen aus der Region Günzburg, die derzeit Handel mit dem Vereinigten Königreich betreiben“, heißt es in einer Stellungnahme. Im Detail freilich ändere auch das schönste Freihandelsabkommen nichts an der Sachlage, dass die Briten seit Jahresbeginn kein EU-Mitglied mehr sind. „Somit brauchen Unternehmen, die mit Gütern und Dienstleistungen handeln, in der Regel nun eine zollrechtliche Registrierung und müssen Ex- und Importe vorab anmelden.“ Daraus resultierende Mehrkosten werden nach Überzeugung der IHK letztlich zulasten der Verbraucher gehen.

Wanzl begrüßt Planungssicherheit

Für die Firma Wanzl ist der britische Einzelhandel der drittgrößte Markt in Europa. Der in Leipheim beheimatete Weltmarktführer in Sachen Einkaufswagen beschäftigt in Großbritannien 720 Mitarbeiter. Angst vor einem harten Brexit hatte das Unternehmen laut Marketingleiter Jürgen Frank dennoch nicht. „Wir hatten uns über die Jahre auf verschiedene Szenarien vorbereitet“, berichtet er und betont gleichzeitig, dass bei aller Konzentration auf dieses Thema die aktuelle Corona-Situation wesentlich größere Belastungen verursache. Aber natürlich begrüßt die Firma Wanzl die auf den letzten Drücker geschmiedete neue Allianz. Sie bietet, wie Frank ausführt, „allen handelnden Akteuren Planungssicherheit“.

Positiv bewertet Frank vor allem, „dass wir uns keine Sorgen mehr um Zölle machen müssen“. Da britische Lieferanten in dieser Hinsicht auch künftig keinen Wettbewerbsvorteil besitzen, könne Wanzl seine Stärken in diesem Markt weiter ausspielen.

Mehr Bürokratie

Das Unternehmen verhehlt allerdings nicht, dass die Lage im Vergleich zur früheren EU-Vollmitgliedschaft des Vereinigten Königreichs komplizierter geworden ist. Das Partnerschaftsabkommen bedeutet für Wanzl „in erster Linie zusätzlichen Aufwand durch die Etablierung neuer Abwicklungsprozesse und vor allem viel Bürokratie, um Importe zu erledigen“.

Insgesamt jedoch überwiegen aus Sicht des Einkaufswagenherstellers eindeutig die Vorteile der nun gefundenen Lösung gegenüber der noch vor wenigen Wochen im Raum stehenden Option einer Zollgrenze. Das lässt Wanzl hoffen, dass sich die Geschäftsentwicklung in Großbritannien heuer auf Vorjahresniveau bewegen wird.

Borgers Süd hat enge Lieferbeziehungen mit England

Einen Exportanteil jenseits der 50 Prozent besitzt die Firmengruppe Süd des Autozulieferers Borgers, die in ihren Niederlassungen in Krumbach und Ellzee gut 700 Mitarbeiter beschäftigt. Das Gesamtunternehmen (der Borgers-Stammsitz befindet sich in Bocholt) unterhält Standorte in neun Ländern, die britische Niederlassung wurde 1987 in Telford gegründet. Da liegt es auf der Hand, dass zwischen Bayerisch-Schwaben und Mittelengland wechselseitige Lieferbeziehungen bestehen; die jährliche Wareneinfuhr aus Großbritannien allein bewegt sich nach Angaben von Josef Lutz, Geschäftsführer von Borgers Süd, in Millionenhöhe. „Im Fall eines ungeregelten Brexit wäre das alles zwangsläufig teurer geworden“, sagt Lutz erleichtert.

Persönlich betroffen hat Lutz verfolgt, mit welch schwerwiegenden Auswirkungen kurz vor Weihnachten der Güterverkehr von England nach Frankreich unterbunden wurde. Ursächlich dafür war zwar die Pandemie-Entwicklung, doch viele Kommentatoren beurteilten das tagelange Festsitzen Tausender Lastwagenfahrer als bitteren Vorgeschmack auf Verhältnisse, die im Falle einer Zollgrenze zwischen Kontinentaleuropa und der Insel drohen würden. Noch unter diesem frischen Eindruck und losgelöst von Geschäftsvorgängen ist Lutz „sehr froh, dass eine Einigung zustande gekommen ist“.

Dieselben Ereignisse hat Thomas Heckel in Sachen Brexit aktuell vor Augen. Wie der Geschäftsführer des Auflieger-Spezialisten Kögel mit Stammsitz und Hauptproduktionsort in Burtenbach ausführt, hätte das Beispiel „eindrücklich gezeigt, zu welchen Problemen der Brexit bei Transport und Logistik führen kann“.

Kögel bedauert den Brexit

Obwohl Kögel angesichts einer Exportquote jenseits der 70 Prozent den Brexit „ausdrücklich bedauert“, rechnet Heckel aus zwei Gründen nicht mit einer Nachfrage-Delle. Erstens werde auch weiterhin Transport zwischen dem Vereinigten Königreich und dem europäischen Festland abgewickelt. „Entsprechend besteht Bedarf an effizienten Transportlösungen.“ Zweitens besitze Großbritannien aufgrund abweichender gesetzlicher Vorgaben für Nutzfahrzeuge eine untergeordnete Bedeutung für den Gesamtabsatz. Selbst ein No-Deal-Brexit hätte deshalb keine nennenswerten Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Umsätze gehabt.

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