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Inklusion

08.05.2013

Ganz normal

Wer nichts sieht, ist im Alltag auf Hilfe angewiesen. Schüler der Dominikus-Zimmermann-Realschule, dahinter eine Behindertengruppe aus Ulm. Foto: Dorner

Beim gestrigen Spiel ohne Grenzen kommen behinderte und nicht behinderte Schüler in Günzburg zusammen

Günzburg Da wäre zum Beispiel Ben, der die dritte Klasse an der Montessori-Schule in Günzburg besucht. Ben lernt etwas langsamer als seine Mitschüler. Manchmal ist er besonders ungeduldig oder schaut ein paar Minuten unbeteiligt aus dem Fenster, erzählt Gabi Wiedemann, die als Integrationskraft an der Montessori-Schule arbeitet und sich um Ben und einen weiteren Mitschüler kümmert. Ben lernt, nur eben in seiner Geschwindigkeit. Vor einigen Jahren wäre er noch auf einer Schule für lernbehinderte Kinder gelandet. Doch seit Inklusion eine neue Leitlinie der Bildungspolitik geworden ist, darf Ben sich wie ein ganz normales Kind entwickeln.

Ben ist auch beim „Spiel ohne Grenzen“ dabei gewesen, dem Günzburger Beitrag zur bundesweiten Inklusionskampagne der Aktion Mensch. Er hat mit seiner Gruppe von der Montessori-Schule an sieben Stationen unter anderem die Drehleiter der Günzburger Feuerwehr bestiegen, einen Hindernisparcours absolviert, das Gewicht eines Baumstamms geschätzt und Kisten in den Himmel gestapelt. Insgesamt acht Schülergruppen mit Behinderten und Nichtbehinderten aus Günzburg, Ulm und Schwabmünchen waren am Vormittag in der Günzburger Innenstadt unterwegs.

Mit Passanten und in Geschäften werden Gegenstände getauscht

Ganz normal

„Wir haben unseren Aktionstag bewusst auf den Markttag gelegt“, sagt Christine Kamm, die den Stand am Wätteplatz betreut, wo sich die Gruppen – dank Sichtschutzbrillen kurzzeitig erblindet – auf Zuruf orientieren mussten. So soll im Alltag ein Bewusstsein für Menschen mit Beeinträchtigungen geschaffen werden. Jürgen Kühnl, Leiter der federführend beteiligten AWG Albertus-Magnus-Werkstätten, betont an gleicher Stelle: „Die Behinderten wollen raus zu den Leuten. Ziel von Inklusion ist ja, dass bestehende Grenzen in den Köpfen aufgelöst werden.“

Wie etwa im Gespräch: So hatten alle acht Gruppen die Aufgabe, Anstecker unterwegs mit Passanten oder in Geschäften gegen andere Gegenstände einzutauschen und so auf den Aktionstag aufmerksam zu machen. Die Kinder von der Montessori-Schule hatten so schnell einen Regenschirm, Kosmetikartikel und ein Telefonbuch beisammen. Die Behinderten von den Ulrichswerkstätten in Schwabmünchen ertauschten sich Warnwesten und Schneidebretter, berichtet ihr Betreuer David Schneider. Und für die Behindertengruppe der Albertus-Magnus-Werkstätten, die laut ihres Betreuers Klaus Willetal an einem normalen Dienstag sonst in der Schreinerei arbeitet und Sonderpaletten oder Frästeile herstellt, gab es auf dem Marktplatz eine Blume der Saison.

Unterdessen absolviert die Behindertengruppe der Fritz-Felsenstein-Schule in Ulm den Hindernisparcours. Langsam balancieren die Behinderten einen Tischtennisball in einem Löffel über den Kirchplatz – erfolgreich und zufrieden sind sie am Ende alle. Betreuer Christoph Wittlinger formuliert dennoch einen Wunsch nach mehr Teilhabe. Denn während der Inklusionsprozess an Schulen voranschreite, stagniere die Inklusion im Beruf, weil sich viele Firmen nicht von ihrem Leistungs-credo verabschieden wollten.

Und die Schülergruppe der Dominikus-Zimmermann-Realschule, die ihr Lehrer Daniel Gerlach auf Trab hält? Ist da nicht doch eine Portion Scham im Spiel? Schüler Tobias Mall wiegelt im Interview mit dem Sender „Katholisch 1 TV“, der einen Beitrag über den Aktionstag dreht, ab: „Wir haben einen lockeren, coolen Umgang mit den Behinderten. Ich finde, diese Erfahrung muss man machen. Dann muss man auch keine Angst haben.“

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