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Dillingen/Günzburg

24.02.2018

Geburtshilfe: „Man hätte reden müssen“

Die Dillinger Geburtshilfe wird von 23. März bis 30. Juni geschlossen. Die Gynäkologie bleibt aber geöffnet.
Bild: Karl Aumiller

Dr. Steffen Gass aus Günzburg saß in dem Zulassungsausschuss, der dem Dillinger Frauenarzt den Kassensitz zusprach.

Für Landrat Leo Schrell und Uli-Gerd Prillinger, Geschäftsführer der beiden Kreiskliniken im Landkreis Dillingen, war es der Anfang vom Ende: Als das geplante Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) den notwendigen Kassensitz nicht bekam und die beiden dafür vorgesehenen Gynäkologen kündigten. Neben dem Problem, neue Hebammen zu finden, führt dies nun dazu, dass die Dillinger Geburtshilfe von 23. März bis 30. Juni vorübergehend geschlossen wird. Seitdem hadern beide mit der Entscheidung des Zulassungsausschusses, der dem Dillinger Frauenarzt Dr. Tomas Fischer den notwendigen Kassensitz zusprach, statt dem Dillinger Krankenhaus.

Dr. Steffen Gass, Dermatologe in Günzburg, ist der regionale Vorstandsbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung in Schwaben und entschied mit zwei Kollegen und drei Vertretern der Krankenkassen über den Dillinger Arztsitz: „Eine Geburtshilfe muss von sich heraus funktionieren, unabhängig davon, ob es ein MVZ gibt oder nicht.“ Für die Entscheidung, wer einen Kassensitz bekommt, gebe es festgelegte Kriterien und ein standardisiertes Verfahren. „Wenn das Konzept der Dillinger Geburtshilfe auf so einem Konzept basiert, wäre vorher mehr als nur ein Gespräch mit dem Kollegen Fischer notwendig gewesen. Doch mehr gab es meines Wissens nicht. Man muss die Kooperation suchen. Dann hätte es vielleicht einen Kompromiss gegeben.“ Die konnte es laut Prillinger nicht geben, weil er von der anderen Bewerbung erst am Sitzungstag des Zulassungsausschusses erfahren habe.

Die Fischers hatten sich zuerst allein um den Kassensitz beworben. Das sei keine Reaktion auf das MVZ gewesen, sondern ein ganz normaler Vorgang, sagt Gass. Er ist sich sicher: In Gesprächen zwischen Krankenhaus und dem Dillinger Gynäkologen-Paar hätte sich eine Lösung gefunden. Gass: „Die Fischers haben doch selbst ein großes Interesse an der Abteilung – dort entbinden die Frauen, die sie betreuen. Aber die eigene Praxis muss eben auch laufen.“ Die hat sich das Paar schließlich selbst finanziert.

Warum der Ausschuss zugunsten der Fischers entschied

Das Ehepaar Fischer erklärt: „Wir sind beide weiter dazu bereit, in der aktiven Geburtshilfe mitzuarbeiten. Das gilt für alle Ärzte in unserer Praxis. Wenn jemand fehlt, am Wochenende oder nachts, springen wir ein.“ Seit 2013 waren die beiden Fischers in der Geburtshilfe tätig und wollten damit auch nicht aufhören. Dass die Geburtshilfe in Dillingen nun vorübergehend schließt, hätten sie erst von Patienten und aus der Zeitung erfahren. Auch Fischers sind sich sicher: Das MVZ sei dafür nicht dringend notwendig.

Warum der Ausschuss zugunsten der Fischers entschied: Für einen bestimmten Patientensatz braucht man eine bestimmte Menge an Sitzen. Wie berichtet, ist die KV grundsätzlich für die ambulante Versorgung zuständig. Die Dillinger Frauenarztpraxis hat so viele Patienten, dass sie das für ihre beiden bisherigen Sitze vorgesehene Volumen regelmäßig überschreitet. Dann wird das angeforderte Honorar aber heruntergeschraubt – man behandelt diese Patienten dann quasi umsonst. „Wenn das mal passiert, ist es nicht so schlimm. Aber wenn das täglich der Fall ist, das geht nicht“, erklärt Dr. Gass. Ein Arzt selbst könne das nicht regeln – und keiner ließe deswegen die Patienten vor der Tür stehen.

Diskussion in außerordentlicher Sitzung des Krankenhausausschusses

Ein Argument für die Entscheidung des Zulassungsausschusses war also unter anderem, dass die Dillinger Frauenarztpraxis überaus gut besucht ist. Das Ehepaar gilt unter Dillinger Kollegen als hoch motiviert. Außerdem haben die Fischers eine Weiterbildungsberechtigung. Sie bilden eine junge Ärztin aus, mit dem Ziel, medizinischen Nachwuchs für die Region zu gewinnen. Auch das wertete der Ausschuss positiv. Dass die Dillinger Geburtshilfe nun daran scheitern soll, hält Gass für ein Konstrukt. „Alle Geburtshilfen, die es gibt, funktionieren aus sich heraus. Man kann so etwas nicht von einem Arztsitz abhängig machen.“

In einer außerordentlichen Sitzung des Krankenhausausschusses hat Prillinger nun erklärt, warum die Geburtshilfe vorübergehend geschlossen wird. Landrat Schrell ergänzte, wie schlecht die Rahmenbedingungen für Belegärzte und Hebammen seien. Man wolle weiter versuchen, die Idee vom MVZ zur Sicherstellung der Geburtshilfe umzusetzen. Karl Hurler (CSU) fragte: „Wo nehmen Sie die Hoffnung her?“ Der Landrat sagte nur: Es gebe Frauenärzte, die in den Ruhestand gehen wollen.

Auch das Personal wird verunsichert

Oberbürgermeister Frank Kunz (CSU) rechnete vor, dass zwischen dem 23. März und dem 1. Juli 100 Tage liegen. „Ich bin der Meinung, jeder Tag ist für werdende Eltern eine große Belastung. Diese Entwicklung hätte niemals eintreten dürfen.“ Die Situation verunsichere auch das Personal. „Umso wichtiger ist es, dass wir uns geschlossen für die Wiederaufnahme des Betriebs der Geburtshilfe einsetzen.“ Die Stadt sei schon in der Vergangenheit bereit gewesen, das auch finanziell mitzutragen. Das Wohl der Kinder sei alle Kosten und Mühen wert.

Der Landrat betonte, dass die Gynäkologie nicht geschlossen werde. Auch wenn das die Kosten erhöhen werde. Was während der Schließung im Notfall passiert, fragte Walter Fuchsluger (SPD). Auch dann würden die Frauen nicht am Dillinger Krankenhaus behandelt. Sowohl die Schwangeren als auch die Rettungsdienste wüssten Bescheid. Eine endgültige Schließung der Geburtshilfe würden sich laut Fuchsluger die Bürger nicht gefallen lassen. Doch schon jetzt entbinden viele Frauen in Donauwörth und Günzburg.

Warum dort die Geburtshilfen so erfolgreich sind, wollte Siegfried Wölz (SPD) wissen. Dr. Wolfgang Geisser, Ärztlicher Direktor am Dillinger Krankenhaus, sagte: Seine Kollegen dort in der Gynäkologie seien Koryphäen ihres Faches, würden Kollegen, Hebammen und Patienten anziehen. Das MVZ wäre für Dillingen die richtige Lösung gewesen. Wölz meinte, es könne nicht sein, dass zwei Ärzte kündigen, allein aufgrund des Scheiterns des MVZ. „Das nehme ich Ihnen nicht ab. Es bleiben viele Fragen offen.“ Doch Dr. Herbert Nuber (FW) hat das Gefühl, seitens Aufsichtsrat und Geschäftsführung werde alles getan. „Der Ball lag am Elfmeterpunkt. Dann kam der Videobeweis.“

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