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Dürrlauingen

17.02.2020

Gerichtsmediziner: Messerattacke hätte tödlich sein können

An der Tatwaffe kleben noch die Blutspuren.
Bild: Wolfgang Kahler

Plus Ein 18-Jähriger soll einen Jugendlichen versucht haben zu töten. Deshalb steht der Mann vor dem Landgericht. Der Prozess steuert wohl aufs Ende zu.

Der Angeklagte hat „relativ kräftig zugestochen“. Zu dieser Einschätzung der Messerattacke eines 18-Jährigen auf sein drei Jahre jüngeres Opfers kommt Gerichtsmediziner Horst Bock. Im Prozess um den versuchten Mord in Dürrlauingen hat der Pathologe im Landgericht Memmingen die „potenzielle Lebensgefahr“ für das Opfer durch den Stich beschrieben, der aber laut Notärztin weniger tief ausfiel als von der Staatsanwaltschaft ermittelt.

Am vierten Verhandlungstag vor der Großen Jugendkammer schilderte der Gerichtsmediziner seinen ersten Kontakt mit dem 18-jährigen Angeklagten im Juni 2019. Der junge Mann „wirkte voll orientiert“, sagte Bock, aber teilnahmslos. Der junge Mann hatte Narben von Selbstverletzungen. In seinem Gutachten über die Verletzung des Opfers durch den Stich in den Nacken beschreibt der Experte, dass das Lungenfell verletzt worden sei. Die Lunge selbst sei nicht betroffen gewesen. Eine konkrete Lebensgefahr verneinte der Mediziner, jedoch sei wegen des Risikos der Lungen- und Brustkorbverletzung eine potenzielle Lebensgefahr gegeben, da die Lunge kollabieren könne.

Der kräftige Nacken des Opfers verhinderte ein tieferes Eindringen

Vorsitzender Richter Christian Liebhart präsentierte erstmals im Prozess die Tatwaffe, ein circa 30 Zentimeter langes Küchenmesser mit einer 16 Zentimeter langen Klinge aus dem Nikolausheim, auf dem noch die Blutspuren der Mordattacke zu erkennen sind. Um die Wirkung des Stichs zu erzielen, reiche bereits das Ausholen mit dem Arm. Die Tiefe allerdings gab der Pathologe mit maximal fünf Zentimetern an. Verteidigerin Anja Mack (Memmingen) wies darauf hin, dass in der Anklage eine wesentlich tiefere Verletzung von 15 Zentimetern beschrieben wird. Die Polizei hatte sogar eine Stichwunde von bis zu 20 Zentimetern angegeben, sagte der Gerichtsmediziner. Der Nacken des Opfers sei ziemlich kräftig und hatte das tiefere Eindringen des Messers wohl verhindert.

Gerichtsmediziner: Messerattacke hätte tödlich sein können

Der kurz nach der Tat in Dürrlauingen festgenommene 18-Jährige habe auf ihn „ruhig, entspannt“ gewirkt, sagte ein Polizist aus, der im Krankenhaus mit dem Täter Kontakt hatte. Nach der Attacke war das Opfer noch in Richtung Nikolausheim gelaufen und hatte in Höhe des Friedhofs ein Auto gestoppt. Die Fahrerin, eine Kinderärztin, nahm den 15-Jährigen ein paar Hundert Meter mit Richtung Supermarkt und ließ ihn dort aussteigen, wie sie als Zeugin aussagte. Während der Fahrt telefonierte der 15-Jährige mit der Polizei, die kurz danach am Heimgelände eintraf.

Notärztin: "Es sah nicht spektakulär aus"

Von einer starken Blutung hatte die Zeugin nichts bemerkt und auch nicht erkannt, wie schwer das Opfer verletzt war. Ein Sachverständiger der Ulmer Rechtsmedizin informierte über die Zuordnung von Blutspuren am Messer und Kleidung des Opfers sowie über DNA-Spuren des Angeklagten am Messer, jedoch nicht an dessen Kleidung. „Es sah nicht spektakulär aus“, beschrieb die behandelnde Notärztin die Stichwunde im Nacken des 15-Jährigen, ein Längsschnitt von circa zwei Zentimetern. Die tatsächliche Tiefe habe sie nicht feststellen können.

Weiter zwiespältig bleibt der psychische Zustand des Angeklagten, der nach der Tat zunächst im Bezirkskrankenhaus Günzburg und später in der Forensik für Jugendpsychiatrie Regensburg vorläufig untergebracht wurde. Während der Verhandlung wirkte der 18-Jährige ziemlich abwesend, in Pausen unterhielt er sich aber immer wieder mit Prozessbesuchern.

Der Mann äußerte manchmal "zwanghafte Gedanken"

„Ich war erstaunt über den Vorfall in Dürrlauingen“, berichtete ein Günzburger Kinderpsychiater, der im Nikolausheim häufiger mit Klienten zu tun hat. Der Angeklagte hatte ihm gegenüber beklagt, dass er dort eine Ausbildung machen sollte, aber keine Therapie bekäme. Immerhin hatte der 18-Jährige einen mittelprächtigen Realschulabschluss geschafft. Mehrfach habe der junge Mann über Suizidgedanken gesprochen und wirke sehr müde, was jedoch an bestimmten Psychopharmaka liegen könne. Zuletzt habe er den Angeklagten im Mai vergangenen Jahres gesehen, „da wirke er nicht müde“, sagte der Psychiater. Er beschrieb das Verhalten des Klienten als unauffällig, jedoch habe dieser manchmal „zwanghafte Gedanken“ geäußert. Kliniken, in denen der 18-Jährige vorher behandelt worden war, hatten eine leichte Form „frühkindlichen Autismus“ festgestellt, aber keine psychosomatische Störung.

Von Denk- oder Wahrnehmungsstörungen des Angeklagten hatte der Psychiater nichts bemerkt, wie er auf Nachfragen des Sachverständigen sagte. Beim nächsten Verhandlungstag am Mittwoch, 19. Februar, werden drei weitere Zeugen gehört und es werden das gerichtsmedizinische Gutachten über die Schuldfähigkeit des Angeklagten sowie die Plädoyers erwartet.

Lesen Sie hier, wie der Prozess bislang abgelaufen ist:

Versuchter Mord bei altem Klärwerk: Wie krank ist der Angeklagte?

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