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Ichenhausen

16.07.2019

Gestorben im KZ-Außenlager Burgau: Erinnerung an Tante Juci

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Großandrang bei der Führung durch den jüdischen Friedhof Ichenhausen: Vor dem Konzert in der ehemaligen Synagoge nutzten die Besucher die Gelegenheit, das Grab von Julia Engel zu besuchen.
Bild: Helmut Kircher

Der Musiker Daniel Grossmann erinnert in der ehemaligen Synagoge an seine Großtante. Julia Engels Schicksal bewegt viele Menschen.

KZ Ravensbrück. KZ Bergen-Belsen. Häftlingsnummer 143418. Julia Engel. Viehwaggon. Wochenlanger Transport nach Irgendwohin. Verbleib? Unbekannt. Verschollen. Eines von sechs Millionen Opfern des Naziterrors in Deutschland. Nur eines. Nur? Nein, nicht für ihren Großneffen Daniel Grossmann. Ihm, dem heute 41-Jährigen, liegt das nebulös ungeklärte Schicksal von „Tante Juci“ seit frühen Kindertagen auf der Seele. Spät, aber kompromisslos, macht er sich auf Spurensuche. Schreibt, telefoniert, recherchiert, rennt Türen ein – und wird schließlich fündig. Seine Recherchen führen ihn ins KZ-Außenlager Burgau. Dort verstarb sie. Plötzlich. Am 14. März 1942. Gerade mal 27 Jahre alt. (Lesen Sie dazu auch: Der Holocaust und die bange Frage, was mit Tante Juci passierte) Auf dem jüdischen Friedhof in Ichenhausen endet die Suche. Hier liegt sie begraben. Ihr Grabstein kündet es. Auf der Rückseite in lateinischen, auf der vorderen in hebräischen Lettern.

Besucher erweisen Julia Engel an ihrem Grab Respekt

Ungewöhnlich groß ist der Andrang an diesem Sonntagnachmittag bei der Führung durch die feingliedrig zerfallene Rhythmik des jüdischen Gräberfeldes am südlichen Stadtrand Ichenhausens. Neben allgemein interessiertem Publikum sind es vor allem Mitglieder der weit verzweigten Familie Grossmann, die beim Gang durch die Deutungsweise jüdischer Totenzeremonie die schmerzliche Verletzlichkeit jüdischer Historie nachempfinden. Die am Grab Julia Engels dem Kaddisch, dem wichtigsten Gebet des Judentums, mit dem gemeinsam gesprochenen „Amen“ andächtigen Respekt erweisen. Familiensenior Grossmann liest es, sichtlich bewegt, auf Hebräisch, mit emotionaler Innigkeit auf den Stimmbändern. „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name.“

Beim abendlichen Gedenk-Konzert in der ehemaligen Synagoge gibt es keinen freien Platz mehr. Es ist das letzte von sechs Synagogenkonzerten, die Daniel Grossmann – einer jüdisch-ungarischen Familie entstammend – Dirigent und Gründer des in München ansässigen Jewish Chamber Orchestra Munich, bayernweit veranstaltet hat. In Ichenhausen allein zu Ehren und Gedenken seiner im KZ-Außenlager umgekommenen Großtante.

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Musik aus der Jugendzeit Gustav Mahlers

14 relativ wenig bekannte und gesungene Lieder und Gesänge aus Gustav Mahlers Jugendzeit (1880/91) stehen auf dem Programm. Aus einer Zeit, in der der spätere Wiener Hofoperndirektor noch als „Einspringer“ an Provinztheatern sein Dirigierstaberl schwang. Als er Vegetarier war und sich noch zum Judentum bekannte – das er später (1897), höchstwahrscheinlich aus profanen Karrieregründen („Kein Jude kann Hofoperndirektor werden“) ablegte und zum religiös wenig überzeugten „Katholischen“ wurde. Seine frühen Orchesterlieder jedenfalls tragen schon, zumindest leise anklingend, den Keim des späteren Sinfonikers in sich.

Bei Grossmann und seinem Kammerorchester, in der ungewöhnlichen Zusammensetzung aus Streichern und Bläsern, mit Akkordeon und in schillernden Klangverästelungen badendem Schlagwerk, hört man Mahler ungewöhnlich, wie neu. In spritzigen Arrangements, die wie eine Enzyklopädie des Verlorenen klingen. Mit jugendlich rustikalem Charme und der Brillanz transzendenter Nostalgie, die nicht nur Unterhaltung ist, sondern auch deren zentraler Bestandteil. Selbst sanfteste Melodielinien deklinieren alle Möglichkeiten marschrhythmischer und trommelwirbelnder Bedeutungsebenen durch

Alexander York (links) sang Mahler-Lieder, Daniel Grossmann leitete das Jewish Chamber Orchestra Munich beim Mahlerkonzert in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen.
Bild: Helmut Kircher

. Und Alexander York hält sie, mit baritonal glanzgebürsteter, voluminöser Eleganz und Bravour, in vokalem Fluss: Die blütenbehangenen Zweige im Frühlingsmorgen, die Erinnerungen an im Abendrot erglühende Mägdelein, an Feinsliebchen, Schatz Juch-he im grünen Mai, bis letztlich zum Scheiden und Meiden mit Ach und „Weh, mit Ringelein und Ade! Ade! Ade! Hoia“, wie da die Sehnsuchtwinde durch die Streicher winseln. Der Strauß von Mahlerliedern blüht in spitzbübisch gewitzten Arrangements, mal butterweich, mal bittersüß, mahlerisch versonnen in melancholischem Entrückungsgesang, vom Akkordeon in chassidische Folkloristik verwoben, von der Piccoloflöte in vogeltrillierende Alpenmelodik geschmerzt, oder, mit tränenangereichertem Trauergehalt, in dumpfem Trommel-bumm-bumm, der Liebsten Grab suchend.

Über CD eingespielte Informationen bebildern durch Briefe, biografische Notizen und geäußerte Meinungen, akustisch das Sein, Werden und Vergehen eines der Großen im Komponistenkarussell des vergangenen Jahrhunderts. Geben dem Mahlerbild zusätzlich klanglich belebende Gestalt, so fein wie farbig.

Keine Frage, manchmal lässt er schon die Seele glühen, der weltschmerzend hammersüße Drive jugendlicher Mahlerness, unschuldig aus der Welt von gestern winkend. Riesenbeifall aus voll besetztem Saal.

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