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Günzburg

18.04.2019

Grabungen sollen mehr von Gontias Geheimnissen lüften

Ist dieser herrliche Fund römischen oder doch eher keltischen Ursprungs? Niemand weiß es. Günzburg könnte um eine antike Rarität reicher werden.
Bild: Kaiser

Plus Bei Ausgrabungen im Bereich „Am Wasen“ in Günzburg haben Archäologen vielfältige Funde gehoben. Sie offenbaren weitere Details über das frühere Leben hier – aber noch nicht alles ist klar.

Die alten Römer sind immer wieder für Überraschungen gut. Oder waren es die Kelten, die das ringförmige, wunderbar und dekorativ gearbeitete Teil aus Metall geschaffen haben? „Wir wissen es nicht“, sagt der Archäologe Peter Knötzele, „und wir kennen auch seine Funktion nicht. Bislang sind wissenschaftlich keine Parallelen bekannt.“ Gut möglich also, dass Günzburg um eine antike Rarität reicher ist. Überhaupt: Bei Ausgrabungen im Bereich „Am Wasen“ entlang der Ulmer Straße in der Nähe des Günzburger Friedhofs sind vielfältige Funde gehoben worden. Sie lassen weitere Erkenntnisse über das einstmals römische Gontia zu – vor allem im Hinblick auf die Zivilsiedlung, die in den ersten vier nachchristlichen Jahrhunderten neben den beiden Militärkastellen im Umfeld der heutigen St. Martinskirche gewachsen war.

Die Gebiete links und rechts der Ulmer Straße in Richtung Leipheim sind Fundorte erster Güte. Annähernd 2000 römische Gräber sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geborgen worden. Günzburg darf sich damit rühmen, das größte erforschte römische Gräberfeld nördlich der Alpen sein Eigen zu nennen. Lange bekannt ist auch, dass im ausgehenden ersten Jahrhundert nach Christus in Gontia eine große militärische Reitereinheit stationiert war, die „ala flavia secunda“. Zwischen 500 und 1000 berittene Soldaten gab es hier.

"Ein sehr seltener Fund", sagt der Archäologe

Die jüngsten Ausgrabungen haben diesen Befund erneut bestätigt. Denn „Am Wasen“ wurde das Bruchstück eines Ziegels gefunden, in dem ein Stempel mit Hinweis auf die „ala flavia secunda“ eingeprägt ist. „Ein sehr seltener Fund“, wie der Archäologe betont. Auch ein weiterer Fund weist auf die Reitereinheit hin – ein erstaunlich gut erhaltener Pferdeschuh aus Eisen. Die Pferde der Römer hatten keine Hufeisen, sie trugen metallene Schuhe. Gefunden wurde ferner eine Schließe der Brustpanzer römischer Soldaten, ein weiterer Beweis für die Anwesenheit der Römer an der Donau, dem nassen Limes.

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Neun Monate haben Archäologen an der Ulmer Straße in Günzburg gegraben.
Bild: Kaiser

Gegenüber dem Restaurant von McDonald’s wird ein Wohnhaus gebaut. Wie in solchen Fällen üblich, sind zunächst die Archäologen am Werk. Etwa neun Monate haben sich Peter Knötzele und sein Team, Mitarbeiter der in Reisensburg ansässigen Firma Archäologie-Zentrum, drei Meter in die Tiefe gebuddelt. Und dabei jede Menge entdeckt. Darunter Keramik aus der Bronzezeit, also um 1500 vor Christus. Gefunden wurde auch Keramik „germanischen Einschlags“, wie der Grabungsleiter erklärt. Möglicherweise stammen die Funde also aus deutlich vorrömischer Zeit.

Teile einer Römerstraße wurden entdeckt

Bedeutsamer aber sind insgesamt die Funde aus römischer Zeit. So wurden Teile einer Römerstraße entdeckt, mit einer Abzweigung nach Norden in Richtung Donau. Besonders spektakulär: Binnen der drei Meter Grabungstiefe sind drei Nutzungsebenen entdeckt worden. Ganz unten eine frühe Siedlung, dann zweitens an gleicher Stelle ein Gräberfeld und schließlich obenauf erneut eine Siedlung. „Ein ungewöhnlicher Vorgang“, wie der Archäologe sagt. Denn eigentlich war es gesetzlich untersagt, Gräber zu überbauen und damit die Totenruhe zu stören. Für Knötzele ist das der Hinweis darauf, dass die Zivilsiedlung rund um die beiden Militärkastelle von Gontia – besiedelt von Handwerkern, Händlern und ihren Familien – rasch angewachsen war und die politische Obrigkeit deshalb notgedrungen eine Ausnahme von der Regel gestattete.

Beleg dafür sind die in der obersten Schicht entdeckten Reste römischer Wohnhäuser, deren Grundrisse sowie ein gleichfalls freigeschaufelter Brunnen. Entdeckt wurden zudem Feuerstätten, an denen zu Zeiten der Römer mutmaßlich Metall verarbeitet worden war.

Dieser Pferdeschuh aus Eisen wurde ebenfalls entdeckt.
Bild: Kaiser

Auch etwa 50 Münzen sind gefunden worden

Gefunden wurden „Am Wasen“ etwa 50 Münzen vom 1. bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert, rund ein Zehntel dessen, was in Günzburg bislang an Münzgeld geborgen wurde. Die Zeitspanne der Münzen ist ein weiterer Beleg für die rund 400 Jahre währende Herrschaft der Römer in Günzburg. Deshalb ist die Stadt auch Teil eines großen Forschungsprojekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Meltingpot Gontia“, Schmelztiegel Gontia, lautet die Überschrift.

Im vormaligen Günzburg, das belegen auch die jüngsten Funde, lebte ein buntes Völkergemisch. Die Menschen vor 2000 Jahren (und weit darüber hinaus) hatten Handelsverbindungen über ganz Europa, Nordafrika und den Nahen Osten. Waren, Lebensmittel und vor allem Menschen aus aller Herren Länder waren auch in Gontia angekommen. Die Menschen hatten sich vermischt, reinrassig im arischen Sinne war und ist keiner.

Bei den Grabungen „Am Wasen“ waren die Reste eines Tongefäßes zutage gekommen, gefertigt von einem Töpfer namens Januarius. Er lebte einst im heutigen Rheinzabern in Rheinland-Pfalz. Das ist die menschliche Seite oft anonymer Funde aus römischer Zeit.

Januarius hatte diesen Topf gefertigt, gefunden hat ihn Archäologe Peter Knötzele.
Bild: Kaiser

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