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07.03.2018

Gräfin von Stauffenberg mit 103 Jahren gestorben

Marie-Gabriele Schenk Gräfin von Stauffenberg ist am 6. März 2018 im Alter von 103 Jahren gestorben.
Bild: Heike Schreiber

Im Schloss von Jettingen-Scheppach hatte sie Kindheit und Jugend verbracht. Dort traf sie auch immer wieder ihren Cousin, den Hitler-Attentäter.

Die Marktgemeinde Jettingen-Scheppach trauert um ihre älteste und wohl bekannteste Bürgerin: Marie-Gabriele Schenk Gräfin von Stauffenberg, Verwandte des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg, ist am Dienstagabend im Alter von 103 Jahren gestorben. „Die Gemeinde verliert eine große Persönlichkeit, mit ihr geht eine wichtige Zeitzeugin, sie hat Zeitgeschichte miterlebt“, sagte Bürgermeister Hans Reichhart.

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Für die Familie Stauffenberg ist es ein weiterer Schicksalsschlag: Erst im vergangenen September war Jettingens Ehrenbürgerin Anna Maria Rosa Elisabeth Schenk Gräfin von Stauffenberg im Alter von 94 Jahren gestorben. Ihre Schwägerin Marie-Gabriele hatte sie nur wenige Monate überlebt. Bis zuletzt hatte die unverheiratete Gräfin (Komtess) in einer Wohnung eines früheren Verwaltungsgebäudes nahe des Jettinger Schlosses gewohnt.

Bis zu ihrem 100. Geburtstag hatte sie sich sogar selbst versorgt, nach einem schweren Sturz kümmerte sich eine Pflegerin um die Gräfin. Bürgermeister Reichhart hat die alte Dame bis zuletzt immer wieder besucht. Auch gestern erwies er ihr die letzte Ehre und stand an ihrem Totenbett. Er beschreibt die verstorbene Gräfin als eine „großartige, warmherzige Frau“, die ihn vor allem durch ihre Bescheidenheit beeindruckt habe. Bis zu ihren Tod habe sie einfach und zurückhaltend gelebt. Was Reichhart besonders in Erinnerung bleiben wird, ist die Liebe der Gräfin zur Musik. Obwohl sie zuletzt sehr schlecht gehört habe, habe sie nie auf Musik verzichtet, vor allem Mozart hatte es ihr angetan.

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Kindheit und Jugend im Schloss verbracht

Die Gräfin wurde am 18. Juli 1914 in München geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie im Jettinger Schloss, wo sie auch immer wieder ihren Cousin Claus Schenk Graf von Stauffenberg traf, zu dem sie wegen des geringen Altersunterschieds von sieben Jahren ein besonders gutes Verhältnis hatte. Dass Claus zum Kopf der Widerstandsbewegung gegen Adolf Hitler zählte, hatte sie nach eigenen Angaben nicht gewusst.

Vom Attentat hatte sie sogar erst einen Tag später am 21. Juli 1944 erfahren. Dabei hätte Marie-Gabriele durchaus etwas von den Attentatsplänen wissen können. Bis 1943 war sie für einige Monate mit Joachim Kuhn verlobt gewesen, dem Mann, der später den Sprengstoff für das Attentat beschafft hatte. Doch ihre Liebe zu Kuhn endete tragisch, im August 1943 löste er die Verlobung. Grund dafür waren die unterschiedlichen Konfessionen der beiden, die Gräfin war katholisch, ihr Geliebter evangelisch. Seine Mutter hatte ihr Veto gegen eine katholische Trauung eingelegt. Marie-Gabriele sollte Kuhn nach dem gescheiterten Attentat nie wiedersehen, er kam in sowjetische Gefangenschaft, starb 1994.

Über seinen Verlust sei die Gräfin nie hinweggekommen, erzählt ihr Neffe Franz. Umso bewegender ist es für ihn, dass seine Tante „Gagi“, wie er sie liebevoll genannt hatte, am selben Tag wie Kuhn gestorben ist – am 6. März. Franz Schenk Graf von Stauffenberg ist sich sicher, dass seine Tante bewusst auf diesen Tag hingelebt und ein besonderes Vermächtnis habe hinterlassen wollen.

Das Leben geriet aus den Fugen

Seine Tante werde ihm sehr fehlen, sie sei eine „eindrucksvolle Persönlichkeit“ gewesen, die ihresgleichen suche. Auch wenn ihr Leben nach dem Juli 1944 aus den Fugen geraten sei, habe sie nie jemandem Vorwürfe gemacht. Statt wie geplant ihre Ausbildung zur medizintechnischen Assistentin in Freiburg zu beginnen, begann für sie eine traumatische Leidenszeit mit Gefängnis, Sippenhaft und einer elfmonatigen Odyssee durch zahllose Konzentrationslager. „Es war eine harte Zeit“, sagte sie im vergangenen Jahr im Gespräch mit unserer Zeitung. Zum Glück habe sie ihre Familie um sich gehabt.

Erst im Juni 1945 war sie wieder eine freie Frau. Zurück in Freiheit, kümmerte sich die Gräfin auf Wunsch eines Verwandten um seine drei Kinder sowie um das Gut Rißtissen bei Ehingen. Erst im Alter von 65, als Pensionärin, kehrte sie nach Jettingen zurück und blieb dort.

Zuletzt war die 103-Jährige in der Marktgemeinde kaum noch zu sehen. Nur bis zum nahegelegenen Haus ihres Neffen Franz war sie täglich eisern zum Mittagessen marschiert. Und im Schlosspark hatte sie bei gutem Wetter ihre Runden gedreht. Bis zuletzt habe sie laut ihrem Neffen in sich geruht. Sie sei zufrieden und friedlich im Schlaf gestorben. Die Beisetzung findet vermutlich in der kommenden Woche in Jettingen-Scheppach statt.

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