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Günzburg
01.08.2019

Günzburger fliegt mit selbst gebautem Flugzeug nach Amerika

Wochenlang haben sie sich nicht persönlich gesehen. Am Montag wurde Ozeanflieger Hermann Schiele (Mitte) von seinem Sohn Norman und seiner chinesischen Ehefrau Shanshan Liu Schiele auf dem Günzburger Flugplatz begrüßt. Schieles selbst gebautes Flugzeug, dem er den Kurznamen seiner Frau gab, absolvierte 38000 Kilometer ohne Probleme. Nicht einmal die Reifen mussten irgendwann einmal aufgepumpt werden.
Foto: Bernhard Weizenegger

Der Günzburger Fluglehrer Hermann Schiele startete Mitte Juni seinen Atlantikflug in die USA. Und das mit einem selbst zusammengebauten Kleinflugzeug. Jetzt ist der 57-Jährige zurück – mit wunderbaren Eindrücken im Gepäck.

Hermann Schiele hat ein gutes Zahlengedächtnis. Muss er wohl auch, denn exakte Angaben sind in seinem Beruf und seinem Hobby gleichermaßen überlebenswichtig. Als Flugkapitän sitzt der Mann, der Fluglehrer im Luftsportverein Günzburg ist, hinter dem Steuer einer deutlich größeren Maschine. Er ist seit elf Jahren verantwortlich dafür, dass eine Boeing 747 der Lufthansa pünktlich und vor allem sicher von einem Ort zum anderen kommt.

Die vergangenen sechs Wochen aber war er für sich allein verantwortlich. Mit einem selbst zusammengebauten, einmotorigen Flugzeug hat er sich von Günzburg aus auf den Weg in den US-Bundesstaat Wisconsin gemacht zur weltgrößten Luftfahrtmesse für Kleinflugzeuge, die aus eigener Hände Arbeit zusammengesetzt worden sind.

Vereinsmitglieder, Freunde und Verwandte kamen, um ihn zu begrüßen

Am Montagnachmittag ist für Schiele der Traum seines Lebens vollends in Erfüllung gegangen, als er um 15.42 Uhr auf der Piste des Günzburger Luftsportvereins aufgesetzt ist. Vereinsmitglieder, Verwandte und Freunde waren gekommen, um den 57-Jährigen zu begrüßen und ihm zu gratulieren für einen Flug, der in Günzburg seinen Anfang und sein Ende genommen und den es so noch nicht gegeben hat. Schiele ließ im Augenblick der Landung die Emotionen nicht an sich heran, berichtet er am Mittwoch am Telefon. „Ich habe mir nichts dabei gedacht in diesem Moment. Über 1000 Mal bin ich auf diesem Flugplatz gelandet. Das sollte dieses Mal auch klappen, deshalb habe ich mich darauf konzentriert.“ 132 Stunden in der Luft hatte er zu diesem Zeitpunkt hinter sich. Und 38000 Kilometer. Das reicht fast einmal um die Erde.

Und weil die Reichweite der kleinen Maschine nicht ansatzweise mit der eines Jumbojets, wie die Boeing 747 auch genannt wird, zu vergleichen ist, musste Hermann Schiele öfters landen, um aufzutanken.

Schottland, Island, Grönland

Seine Route führte ihn über Calais an der Kanalküste, nach Wick/Schottland, Island, Kulusuk an der Ostküste von Grönland, über den Eispanzer an die Westküste, dann nach Baffin Island in der Nähe der kanadischen Ostküste und Südkanada „zurück in Zivilisation“, wie der Pilot aus Rammingen (Alb-Donau-Kreis) sagt. Im Nordwesten der USA begann Schieles Umfliegung dieses gewaltigen Landes im Gegenuhrzeigersinn. Er besuchte den Hersteller seines Bausatzflugzeugs in Aurora/Oregon, Vans Aircraft. flog in San Francisco über die Golden Gate Bridge, sah aus der Vogelperspektive den Grand Canyon und das Monument Valley und umkreiste nach einem Flug über den Hudson River die Freiheitsstatue in New York. Und das ist nur ein Ausschnitt seines Programms

Verwandte und Bekannte warteten auf ihren Helden der Lüfte, der sicher auf der graspiste aufsetzte und zuvor noch eine Ehrenrunde gedreht hatte.
Foto: Bernhard Weizenegger

Das Dauergrinsen in Schieles Gesicht wollte einfach nicht aufhören – auch als er in Kitty Hawk (North Carolina) die Stadt in Augenschein nahm, in deren Nähe 1903 die Gebrüder Wright ihren ersten Motorflug unternommen hatten. „Das ist ein so gewaltiges Gefühl mit dem selbst zusammengestellten Flugzeug über den Atlantik und um die USA zu fliegen. Es ist kaum in Worte zu fassen“, sagt der Lufthansa-Pilot. Hauptziel war aber nach wie vor die jährlich stattfindende Luftfahrtmesse in Oskosh/Wisconsin – das größte Treffen von Hobby- und Privatfliegern weltweit mit über 10000 Flugzugen in Eigenbauweise. Dazu kommen industriell gefertigte Kleinflugzeuge, aber inzwischen auch große Maschinen, Hubschrauber und eine militärische Abteilung. „Es ist dort soviel los, da kommt man in einer Woche nicht durch.“ Zu den vielen unvergessenen Begegnungen auf dieser Reise zählen die Fachsimpeleien mit Gleichgesinnten, die durch ihr Hobby die ganz persönliche Freiheit nach oben erweitern können.

Und selbstverständlich ist es dort, das Zelt neben der eigenen Maschine aufzuschlagen, zu übernachten – und stolz einzuschlafen in dem Wissen, ein Teil dieser gigantischen Veranstaltung zu sein. „Ich habe nur Höhepunkte erlebt. Es gibt nichts, was gewöhnlich oder normal war. Ich hab’s noch gar nicht verarbeitet“, sagt Schiele am Mittwoch. Etwa 1600 Arbeitsstunden hat der Fluglehrer für den Bau des eigenen Flugzeuges aufgewendet. Ebenso lange benötigte er für die Vorbereitungen – fürs Nachdenken, Pläne lesen und Organisieren.

Derart akribisch hat er sich auch mit dem Flug seines Lebens im Vorfeld beschäftigt. Nachlässigkeit könnte tödlich sein. Denn wenn der Motor des Kleinflugzeugs über dem Nordatlantik ausfällt, wird daraus ein Segelflugzeug, das kurze Zeit später hart auf dem eiskalten Wasser aufschlagen wird.

Die Tragflächen füllte er mit Styropor

Fünf bis 20 Minuten dauert es normalerweise, bis das Flugzeug in den Fluten versinkt. Diesen Zeitraum wollte Hermann Schiele für den Fall des Falles verlängern. Die Tragflächen füllte er deshalb mit Styropor. Damit wäre Zeit gewonnen, um eines der beiden mitgenommenen Schlauchboote klar zu machen und nicht direkt in den tödlich kalten Ozean zu müssen, der einen nach Schieles Einschätzung „in zwei Minuten handlungsunfähig macht“.

Ein Kälteschutzanzug, vier Notsender und weitere Überlegungen dienten dazu, das Risiko zu minimieren. Der Familienvater war auf das Äußerste vorbereitet, das glücklichweise nicht eintrat. „Das Wetter war nicht immer astrein, aber für mich war die Strecke gut fliegbar.“

Jetzt geht Schiele daran, seine Bilder und Videos zu sichten, zu ordnen und zu bearbeiten. Der Günzburger Luftsportverein erhofft sich im November oder Dezember einen Vortrag von dem Atlantiküberquerer, zu dem „wir Flieger aus ganz Süddeutschland einladen werden“, wie die stellvertretende Vorsitzende Davorka Held sagt. „Das war eine unglaubliche Flugleistung und am Montagnachmittag ein super emotionaler Moment. So schnell wird Hermann das niemand nachmachen.“

Der Angesprochene hängt an der Kleinfliegerei. Einmal in der Luft habe man seine Sorgen am Boden zurückgelassen. Spätestens am 10. August dürfte Schiele wieder so fühlen, wenn er dem Trubel auf der Erde entgeht – auch wenn’s beruflich ist. Dann setzt er sich wieder ins deutlich größere und mit vielen Instrumenten beladene Cockpit des Jumbos. In Frankfurt am Main geht es los. Ziel ist Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires.

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