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Handball

12.09.2019

Günzburger Spielerbeben

Für seinen VfL Günzburg hat Raphael Groß (hier im Bayernliga-Heimspiel gegen HT München) immer alles gegeben. Nun tritt er aus dem Handball-Team zurück – wegen des neuen Trainers Gábor Czakó, wie er sagt.
Bild: Ernst Mayer

Ein Handballer des VfL Günzburg wirft wenige Tage vor dem Saisonbeginn in der Bayernliga hin. Er fühlt sich vom neuen Trainer aus der Mannschaft gedrängt. Unter anderem geht es nun um die Frage: Ist das noch der Günzburger Weg? Eine Analyse.

Die Nachricht könnte eine Lawine lostreten bei den Handballern des VfL Günzburg. Raphael Groß kehrt der Bayernliga-Mannschaft den Rücken. Der neue Trainer Gábor Czakó habe ihn während der Saisonvorbereitung systematisch aus der Mannschaft gedrängt und vor Teamkollegen bloßgestellt, formuliert der variabel einsetzbare Spieler. Er bekräftigt, dass er mitnichten mit dem VfL Günzburg bricht. Unter diesem Coach aber möchte er das weinrote Trikot nicht mehr tragen. Vermittlungsversuche von Abteilungsleiter Armin Spengler scheiterten am Widerstand des Handballers.

Unseren Recherchen zufolge ist Groß nicht der einzige Unzufriedene nach drei Monaten Vorbereitung unter dem 48-jährigen Nachfolger des langjährigen Übungsleiters Stephan Hofmeister. Jonas Guckler soll sich ähnlich kritisch über Czakó geäußert und Rückzugsgedanken ausgesprochen haben.

Es gibt immer unzufriedene Spieler

Nun gibt es im Mannschaftssport immer und überall unzufriedene Spieler. Sie beschweren sich, weil sie ihrer Ansicht nach zu wenig Einsatzzeit bekommnen. Oder weil sie auf einer Position spielen sollen, die ihnen nicht gefällt. Oder weil sie sich fit fühlen, der Coach aber eine gegenteilige Auffassung vertritt. Oder weil sie keine echte Bindung zum Trainer herstellen können. Das ist normal. Und das sagt erst mal gar nichts über fachliche Qualitäten oder Charaktereigenschaften jeweils betroffener Spieler und Trainer aus.

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Aber genügt das als Erklärmodell bei Jonas Guckler, dessen Vater Markus im siebenköpfigen Vorstand des Gesamtvereins sitzt? Der sich einige Hoffnungen auf Einsatzzeiten als Linksaußen machte und dann in einem Vorbereitungsspiel erlebte, dass zwar Torwart Patrick Bieber auf dieser Position ran durfte, er selbst aber nicht?

Auch die Eltern ziehen sich zurück

Und tritt ein Raphael Groß wirklich zurück, weil ihm zwischendurch mal eben der Kragen platzt? Ein Junge, der als Fünfjähriger beim VfL Günzburg angefangen hat und jetzt seit 19 Jahren für diesen Verein spielt? Der nach Ansicht seines Vaters Thomas „in dieser Mannschaft nicht der beste Spieler, aber einer mit hohem Ansehen“ ist? Und würde ein möglicherweise nur kurzzeitiges Angefressensein des Sohnes die Basis dafür bilden, dass die Eltern gleichzeitig mit ihm erklären, ihre bisherigen Ämter und ehrenamtlichen Dienstleistungen nicht länger auszuüben? Immerhin war Iris Groß zuständig für die Teamausrüstung und die Organisation an den Spieltagen. Thomas Groß kümmerte sich zuweilen um die Zeitnahme, früher auch um die Betreuung der damals noch jugendlichen Handballer und seinen Angaben zufolge „um alles, was meine Frau nicht mehr machen konnte.“ Auch sie ziehen sich nun Knall auf Fall zurück – und das schweren Herzens, was Thomas Groß in die gefühlvoll ausgesprochenen Worte „Wir lieben den VfL nach wie vor“ kleidet.

Aber offensichtlich nicht den neuen Trainer. Was für Außenstehende erst einmal zu akzeptieren ist.

Über die Rolle des Trainers im Leistungssport

Andererseits bewegt sich der Männerhandball beim VfL Günzburg schon ziemlich nah an der Schwelle zum Leistungssport. Da muss es vielleicht sogar so sein, dass ein Trainer – zumindest phasenweise – eher gnadenloser Schleifer ist als mitfühlende Vaterfigur (im Interview mit unserer Zeitung hatte Czakó genau diese empathische Seite seiner Rolle noch eigens betont). Und vielleicht hegte die Spartenführung beim Übergang von Stephan Hofmeister zu Gábor Czakó unter anderem die Hoffnung, nur mit einem zusätzlichen Schuss Professionalität (der beinahe zwangsläufig zulasten alter Bindungen, Freundschaften und vielem anderen geht, was den oft zitierten Günzburger Weg ausmachte) aus der Bayernliga in die Dritte Liga zu kommen. Also genau das sportliche Ziel zu erreichen, das sich die Mannschaft einvernehmlich selbst gesteckt hat.

Antworten gibt's wohl erst im Nachhinein

Gut möglich, dass Czakó der richtige Mann für diesen Schritt ist, der über bisher Erreichtes hinaus führen soll. Das wird sich wie so vieles im Leben erst im Nachhinein beurteilen lassen. Dann nämlich wird es sein wie immer im Teamsport: Wenn’s funktioniert, waren es die grandiosen Spieler, wenn’s schief läuft, ist der Trainer verantwortlich.

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