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Gundremmingen

04.03.2017

Gutachter zu AKW: Störfall kann nicht beherrscht werden

Die Grünen erneuern ihre Kritik am Betrieb des Atomkraftwerks in Gundremmingen. Ein neues Gutachten soll sie untermauern.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Ein Experte hat Unterlagen zur Erdbebensicherheit des Atomkraftwerks Gundremmingen geprüft. Die Grünen sind sein Auftraggeber und wollen die Anlage sofort stilllegen.

An der Erdbebensicherheit des Atomkraftwerks (AKW) Gundremmingen im Kreis Günzburg zweifelt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl schon länger. Bereits 2013 hatte sie beim Bundesumweltministerium Einsicht in die Unterlagen beantragt. Sie erhielt sie nicht, klagte daraufhin, bekam Anfang des vergangenen Jahres recht – und wartet seither auf die ungeschwärzten Akten.

Die Bundestags- und die bayerische Landtagsfraktion der Grünen haben derweil ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das kommt nun zu dem Schluss: Die Untersuchung des Bundesumweltministeriums zur Erdbebensicherheit weise fachliche und handwerkliche Mängel auf. Das AKW müsse sofort stillgelegt werden, fordern die Grünen.

Als Gutachter konnten sie Manfred Mertins gewinnen. Er arbeitete früher bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die auch den Bund berät. Er war demnach Projektleiter für die Erarbeitung der aktuellen AKW-Sicherheitsanforderungen, ist heute Honorarprofessor an der Technischen Hochschule Brandenburg und arbeitete schon öfter mit den Grünen zusammen. Sein Gutachten wiederum prüfte Lothar Hahn, ehemals technischer Leiter bei der GRS und zudem Ex-Vorsitzender der Reaktor-Sicherheitskommission.

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Es fehle ein Zwischenkühlkreislauf

Zusammenfassend hält Mertins fest: „Die Voraussetzungen zur Störfallbeherrschung sind nicht gegeben.“ Die Untersuchungen des Bundesumweltministeriums für ein Not- und Nachkühlsystem seien nicht umfassend, es fehlten Nachweise und Kenntnisse, es gebe zu viele Vermutungen, die Aussagen seien „nicht belastbar“. Nach den bislang verfügbaren Unterlagen sei das Not- und Nachkühlsystem „Zuna“ seit seiner Errichtung nicht als Sicherheitssystem eingestuft worden, obwohl die Betreibergesellschaft des Kraftwerks es als solches betrachte und das Bundesumweltministerium es auch so sehe. Zudem verfüge es nicht, wie es für solche Anlagen vorgesehen sei, über einen Zwischenkühlkreislauf.

An keiner Stelle im Gutachten des Bundesumweltministeriums zu dem System werde die Frage gestellt und beantwortet, inwieweit die Regeln dafür vollständig sind und ob sie eine „dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechende Bewertung ermöglichen“. Zwar werde versucht, den Nachweis zu führen, dass „Zuna“ ein Sicherheitssystem sein könne. Aber es sei dafür nicht konzipiert.

Mehrere Kapitel im Gutachten zu Gundremmingen seien geschwärzt

Vielmehr gebe es verschiedene Einstufungen zu seiner Funktion. Im Gutachten des Ministeriums werde auch darauf hingewiesen, „dass die Standsicherheit des Schaltanlagengebäudes bei Erdbeben mit der Auslegung nachgewiesen wurde“. An anderer Stelle sei aber hingegen die Rede davon, dass es gar nicht gegen einen solchen Fall ausgelegt sei.

Weil mehrere Kapitel weitgehend geschwärzt seien, könne nicht bewertet werden, ob die Bewertungsmaßstäbe für ein Erdbeben zutreffend sind. Es sei wichtig zu erfahren, ob es konkrete Rechnungen gegeben habe, denn es gebe „Defizite bei den Angaben des Betreibers als auch des Tüv“. Die Grünen jedenfalls fordern nun „die unverzügliche Stilllegung des AKW. Mindestens bis zur nachweislichen Behebung des Defizits“, schreiben sie in einer Zusammenfassung.

Landesumweltministerium findet Vorgehen „unredlich“

Das Bundesumweltministerium sieht sich derzeit nicht in der Lage, Stellung zu nehmen, da Mertins’ Gutachten ihm nicht vorliege. Die GRS konnte es noch nicht näher prüfen, aber es seien „keine fachlich belastbaren Argumente ersichtlich, die unsere bisherigen gutachterlichen Bewertungen für uns in Frage stellen“. Das Bayerische Umweltministerium betont, das AKW erfülle alle Vorgaben und sei „umfassend gegen schwere Erdbeben gesichert“, auch im Bereich der Nachwärmeabfuhrsysteme und der Notstromversorgung. Es sei „unredlich, durch das ständige Wiederholen alter Vorwürfe Ängste in der Bevölkerung zu schüren“.

Auch Tobias Schmidt, Sprecher des Kraftwerks, findet es „bedauerlich, dass nun schon wieder ein Versuch unternommen wird, das Kernkraftwerk Gundremmingen in ein schlechtes Licht zu rücken“. Es sei aber nicht überraschend, „da es sich um ein Auftragsgutachten für die Grünen handelt“.

Das Bundesumweltministerium habe „Zuna“ bereits als einem Sicherheitssystem gleichwertig beurteilt. Im Grünen-Gutachten zeige sich ohnehin ein methodischer Fehler und Abweichungen bei „Zuna“ zu den Vorgaben im Regelwerk seien nie bestritten worden. Aber damit werde der Reaktor so zuverlässig gekühlt wie mit einem Sicherheitssystem. In „unzulässiger Weise werden Regelwerksabweichungen als Sicherheitsdefizite dargestellt“, betont Schmidt.

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Die Diskussion ist geschlossen.

06.03.2017

Eine Frage stelle ich mir nach solchen Artikeln immer wieder:

Wieso, kommen solche Personen wie Dr. Mertins erst nach ihrer Zeit, in einer führenden Position eines Gremiums wie beispielsweise der GRS, zu solchen Bewertungen???

Ich lese immer nur: .....war lange Zeit in der Gesellschaft für.......... tätig und ist ein Experte (was nicht bezweifelt wird).

Anstatt in Ihrer Amtszeit etwas zu unternehmen wird wohl immer wieder abgewartet bis diese vorüber ist. Klar man sägt sich ja nicht den eigenen Arbeitsplatz ab und lukrativer scheint es wohl auch danach zu sein.

So kommt es mir zumindest vor.

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06.03.2017

Vermutung zu einer berechtigten Frage

Dr. Mertins war Angestellter einer überwiegend staatlichen Gutachtergesellschaft, in der der Bund, der TÜV und die Länder Bayern und NRW Gesellschafter sind.

Und Gutachter äußern sich, wenn sie jemand beauftragt. Leider verheimlichen dann staatliche Stellen sogar gerne die Gutachten. Die Bundestagsabgeordnete Frau Kotting-Uhl musste sich die Einsicht in das GRS-Gutachten vor Gericht erstreiten. Und dann waren viele Teile des Gutachtens geschwärzt. So hat sie und ihre Fraktion dann bei einem in den Ruhestand gegangenen Experten der GRS ein Gutachten beauftragt.

Unsere Bürgerinitiative hat mehrfach Experten zu öffentlichen Veranstaltungen nach Leipheim, Augsburg, Nattheim oder Dillingen eingeladen. Gerne würden wir jetzt auch Herrn Mertins und das Bayerische Umweltministerium, das die atomrechtliche Aufsicht hat, zu einer öffentlichen Diskussion einladen. Auch, wenn das Thema schwierig ist (ich selber habe am Wochenende mich durch das Gutachten gearbeitet) brauchen wir doch die öffentliche Diskussion mit Rede und Gegenrede.

Raimund Kamm

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05.03.2017

Der Atomausstieg ist schon lange beschlossen

Bereits im Herbst 1992 haben die damaligen Chefs der zwei großen Stromkonzerne RWE und VEBA in einem Papier Deutschland vorgeschlagen, langsam aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen. Am 14.6.2000 unterzeichneten die Vertreter der AKW-Betreiber und der Bundesregierung eine Vereinbarung, die unter anderem das Abschalten aller deutschen AKW nach rund 32 AKW-Betriebsjahren vorsieht.

Versorgungssicherheit wird mit EE-Mix, Netzverbund, Lastmanagement und Speichern gewährleistet

Seitdem haben weit über 1 Million Unternehmen und Bürger/innen in Deutschland hunderttausende Biogas-, PV- und Windkraftanlagen errichtet. PV und Windenergie sind stark dargebotsabhängig. Sie können jedoch im Mix mit der Bioenergie und der Wasserkraft sowie flankiert von Lastmanagement, Netzverbund und Speichern zukünftig unsere Stromversorgung gewährleisten.

Auch im Januar 2017 haben wir Strom an Frankreich geliefert

Auch an den kalten Januartagen, an denen PV und Windenergie in Deutschland nicht viel Strom erzeugt haben, hatten wir infolge der Kraftwerksüberkapazitäten keinerlei Probleme. Von den etwa 1800 Megawatt Gaskraftwerken in Irsching waren nicht einmal 1000 MW und dies nur für wenige Stunden in Betrieb. Zugleich haben wir an das Atomland Frankreich, das wegen alter und defekter AKW sowie unvernünftig vielen Elektroheizungen Versorgungsprobleme hatte, Strom geliefert.

Japan hat übrigens vor sechs Jahren, als nach dem fürchterlichen Erdbeben und der Flutwelle 54 (!) Reaktoren zerstört waren oder abgeschaltet werden mussten, gespürt, wie unsicher eine auf Atomkraft fußende Stromversorgung ist.

Das AKW Gundremmingen erzeugt seit 1966 tödlich strahlenden Atommüll, hat hiervon noch kein Kilo entsorgt, hat wegen der extremen Schäden nicht auszuschließender Großunfälle keine risikogerechte Haftpflichtversicherung und gilt mit den letzten zwei Siedewasserreaktoren (nur ein Hauptkreislauf) als gefährlichstes Kernkraftwerk Deutschland.

Raimund Kamm

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04.03.2017

»Es sei aber nicht überraschend, „da es sich um ein Auftragsgutachten für die Grünen handelt“.«

Aha. Aber von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten oder von einem Ministerium herausgegebene Aussagen sind automatisch völlig Bias-frei? Wers glaubt wird seelig. Wenn die da genau so nachhaltig vorgehen, wie bei der ganzen NSA-Geschichte, will ich gar nicht wissen, wo es noch Probleme geben könnte...

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04.03.2017

Danke für diesen informativen Artikel!

Gut, dass die GRÜNEN als Oppositionspartei in Berlin wie in München hier nicht locker gelassen haben!

Der Gutachter Dr. Mertins war früher bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit gGmbH (GRS), deren Gesellschafter der Bund, der TÜV sowie Bayern und NRW sind, mit Stellungnahmen zum AKW Gundremmingen befasst. Bei der GRS war er auch Projektleiter für die Erarbeitung der deutschen kerntechnischen Sicherheitsregeln. Herr Hahn war bis zu seinem Ruhestand technischer Leiter der GRS und zuvor auch Vorsitzender der Reaktor-Sicherheitskommission des Bundes.

Die Schlussfolgerung von Herr Mertins ist, dass beide Gundremminger Reaktoren nicht den deutschen Sicherheitsregeln entsprechen, da ihre Nachkühlsysteme zu schwach dimensioniert sind. Herr Hahn hat in seinem „Peer-Review“ dies bestätigt.

Somit darf das AKW Gundremmingen die beiden Reaktoren nicht weiter betreiben.

Raimund Kamm

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05.03.2017

Zitat: Somit darf das AKW Gundremmingen die beiden Reaktoren nicht weiter betreiben.Raimund Kamm

Gelächter! Hier schreibt H. Kamm, der hochbezahlte Landesvorstand des Bundesverband der Windenergie. An seiner Stelle würde ich das auch machen!

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05.03.2017

Auch wenn ich auf anonym geäußerte Angriffe ungern antworte zumindest zwei Klarstellungen:

1. Ich bin vor 5 Jahren dem BWE beigetreten, um eine saubere atomfreie und nicht klimaschädliche Stromquelle auch in Bayern zu unterstützen. Denn wir Umweltschützer wissen, dass der Strom auch "in die Steckdose" kommen muss. Und PV wie Windkraft haben hierfür die größten Potenziale.

2. Ich übe auch das Amt ehrenamtlich aus.

Raimund Kamm

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05.03.2017

Zitat: Und PV wie Windkraft haben hierfür die größten Potenziale.

Nochmal Gelächter! Im kalten und dunklen Januar 2017 betrug die Einspeisung aus PV und Windkraft zeitweise nur 2% des benötigten Stroms. Wo soll der denn ihrer Meinung nach herkommen? Klar, im August beträgt die Einspeisung aus PV dann teilweise 80%, nur braucht da den Strom keiner. Also macht es auch riesig Sinn, die deutschen Kernkraftwerke mit 4 Nach-und Notkühlsystemen abzuschalten und den Strom dann von französischen Kernkraftwerken zu beziehen. Die haben übrigens meistens 2 Nach-und Notkühlsysteme!

(edit/ Bitte bleiben Sie beim Thema)

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04.03.2017
Klasse das die Grünen sich hier so einsetzen. Ein Seehofer mit seinen kuriosen Mitläufern kann hier eh nur wieder polemisch "derblecken"...
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04.03.2017
Klasse das die Grünen sich hier so einsetzen. Ein Seehofer mit seinen kuriosen Mitläufern kann hier eh nur wieder polemisch "derblecken"...
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