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Interview

17.03.2020

Handelsverein: „Die Burgauer Innenstadt ist nicht tot“

Harald Dalm (rechts), Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins Burgau sowie sein Stellvertreter Michael Hackenberg an der Burgauer Stadtstraße. Hier gibt es noch schöne Fachgeschäfte – und Leerstand.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Statt eines Cafés zieht ins Zentrum ein Büro – Vorschriften machen nichts anderes möglich. Ein Gespräch unabhängig von Corona über Probleme und Chancen.

In die frühere VR-Bank am Kirchplatz sollte Henry’s Coffee einziehen – darf es aber aus Gründen des Baurechts nicht. Stattdessen wird daraus ein Architekturbüro. Kann man angesichts dessen überhaupt noch etwas für eine Innenstadt tun?

Harald Dalm (Vorsitzender): Es ist mehr als bedauerlich. Solche Gesetze hebeln manchen Wunsch aus. Es ist angesichts dessen toll, dass Investoren überhaupt noch Gebäude kaufen, bevor sie zu Ruinen werden. Aber wir können es nicht ändern. Wir in Burgau haben ohnehin das Problem, dass der klassische Stadtkern eine schwierigere Beschaffenheit hat als in Günzburg oder Ulm, es ist alles sehr eng. Man könnte allein am Kirchplatz vieles machen, Lokale könnten ihn beleben. Aber in zehn Metern Entfernung ist schon die Stadtpfarrkirche.

Michael Hackenberg (Stellvertreter): Denkmalschutz, Brandschutz, Abstandsflächen, da gibt es viele Vorschriften. Aber manches soll ja gelockert werden. Auf der grünen Wiese gibt es die ganzen Probleme nicht. Uns fehlen in der Innenstadt große Flächen, um größere Geschäfte anzusiedeln. Daher freuen wir uns sehr, dass Edeka auf das frühere Zimmermann-Areal kommt.

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Das ehemalige Sportgeschäft an der Stadtstraße steht leer, ebenso die frühere Apotheke, die Ex-Hypovereinsbank, die Lederwaren hat die Firma Böck an die Käppelestraße verlagert, das Dekogeschäft am Schmiedberg steht auch leer, woanders ziehen Büros ein oder aus Läden werden Wohnungen. Wie tot ist die Innenstadt?

Hackenberg: Sie ist überhaupt nicht tot. Ganz viele Auswärtige, die hierher zum Einkaufen kommen, finden die Innenstadt toll. Und es gibt eine gute Zusammenarbeit zwischen den Gewerbetreibenden, man empfiehlt sich auch den Kunden untereinander. Selbst aus Günzburg oder dem Augsburger Land kommen Leute hierher, weil sie die Fachgeschäfte schätzen. Wir stehen im ständigen Kontakt mit der Stadt, wir unternehmen sehr viel. Auch das mit Henry’s Coffee muss ja nicht für immer sein, es könnte noch eine Chance geben, dass er kommt.

Dalm: In vielen Geschäften steht die nächste Generation bereit, um sie fortzuführen. Das ist doch etwas sehr Positives.

Hackenberg: Zum Beispiel bei Mode Frey, Optik Oßwald, der Bäckerei Zinner oder der Metzgerei Merkle. Wäre die Stadt tot, würden sie das nicht tun. Uns wäre es auch recht, könnten wir die Leerstände sinnvoll füllen.

Können das neue Stadthaus samt Hotel auf dem ehemaligen Zimmermann-Areal etwas ändern? Edeka wird sicherlich ein Magnet, aber andere Mieter wie Kik oder ein Schönheitssalon –wie viel wird das bringen?

Hackenberg: Alles, was belebt, ist gut. Übrigens auch das Architekturbüro am Kirchplatz.

Dalm: Im Vergleich zu anderen Städten unserer Größenordnung ist doch Leben in der Innenstadt. Ja, es könnte mehr sein, aber wir sehen das positiv. Schließlich siedeln sich noch neue Geschäfte an auf dem früheren Zimmermann-Areal. Ich würde mir auch mehr Gastronomie auf dem Kirchplatz wünschen, für mich ist er einer der schönsten Plätze. Er könnte ein Flair haben wie der Günzburger Marktplatz.

Hackenberg: Es haben alle Orte Leerstände, das ist kein Burgau-Problem. Wir haben noch einen guten Mix. Angesichts unserer Einwohnerzahl bekommen wir nun einmal kaum einen Filialisten hierher. Und in größeren Städten gibt es dafür überall dieselben Läden. Der HGV macht auch viele Aktionen, um die Innenstadt zu beleben.

Dalm: Es kann nur so sein, dass Anreize geschaffen werden, in die Innenstadt statt auf die grüne Wiese zu gehen. Aber man kann keinen zwingen. Die Stadt unternimmt auch viel, sie will beispielsweise Ärzte nach Burgau holen, aber auch da gibt es nun einmal Auflagen.

In den Räumen der ehemaligen VR-Bank, die noch mit einem SB-Standort präsent ist, sollte das Café einziehen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Welche Impulse würden Sie sich für die Innenstadt wünschen? Ist der Austausch des Kopfsteinpflasters an der Mühlstraße und auf dem Kirchplatz sinnvoll oder könnte man das Geld anders besser investieren?

Hackenberg: Alles, was den Bürgern den Einkauf angenehmer macht, ist eine Investition wert.

Dalm: Mich persönlich stört das Kopfsteinpflaster nicht. Ich finde es für eine klassische Altstadt optisch schöner. Aber es hängt ohnehin davon ab, was man aus dem Platz machen will. Ich kenne da keine Pläne.

Hackenberg: Der Aufzug beispielsweise wird perfekt angenommen. Da wäre ein bequemer Übergang gut, aber es geht um ein Gesamtkonzept.

Haben Sie konkrete Wünsche, was man in Burgau anpacken sollte?

Hackenberg: Es alles nicht so leicht, Ideen umzusetzen. Aber HGV und Stadt können gut miteinander, wir können Vorschläge machen.

Dalm: Es werden ja schon Grundstücke für Parkplätze gekauft, das ist gut – und soll keine Anspielung auf das Thema Parkdeck sein.

Hackenberg: Ein Parkdeck mit einem Laden als Zugpferd drauf würde uns schon gut gefallen. Es hängt jetzt alles daran, wie sich das Projekt auf dem früheren Zimmermann-Areal entwickelt.

Wie steht es um Veranstaltungen? Der Kultursommer auf dem Schloss ist ein Erfolg, die Innenstadt ist aber nicht eingebunden. Wird hier eine Chance verschenkt?

Dalm: Ich könnte mir gut vorstellen, den Kirchplatz einzubinden. Aber ich weiß nicht, ob das wegen der Kirche und dem Thema Lärmschutz schwierig werden könnte. Ich habe sechs Jahre lang direkt am Günzburger Marktplatz gewohnt und fand es toll, wenn dort was los war.

Hackenberg: Die Gastronomie profitiert ja schon vom Kultursommer, und der Handel auch, wenn die Leute durch die Stadt an den Schaufenstern vorbeigehen. Wir haben die Lange Einkaufsnacht – die im vergangenen Jahr war äußerst erfolgreich –, wir haben die Marktsonntage. Auch wenn der Kultursommer direkt in der Altstadt wäre, würde er dem Handel nicht mehr bringen.

Harald Dalm (rechts), Vorsitzender, und Michael Hackenberg, Stellvertreter, vom Handels- und Gewerbeverein HGV Burgau machen sich Gedanken über die wirtschaftliche Entwicklung der Innenstadt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Und wie wäre es, wie bei der Einkaufsnacht die Gebäude in der Innenstadt schön zu beleuchten?

Dalm: Mir würde es gefallen.

Hackenberg: Manches muss besonders bleiben, sonst wird es zur Gewohnheit. Wir sehen ja als Einheimische auch die Leerstände, die Auswärtigen nicht. Einheimische sehen generell eher Probleme, etwa beim Parken. Großstädter sind es eher gewöhnt, ein paar Meter vom Parkplatz laufen zu müssen.

Dalm: Es müssen ja keine bewegten Leuchten sein, aber einfach die Gebäude anzustrahlen wäre schön. Warum wird beispielsweise das Schloss nicht immer beleuchtet? Die Lampen dafür sind ja da. Natürlich, es ist eine Gratwanderung, auch wegen dem Thema Umwelt. Aber zumindest zeitweise mit Beleuchtung zu arbeiten, wäre ein kleiner Beitrag für die Innenstadt.

Wie entwickelt sich eigentlich die Mitgliederzahl bei Ihnen – und wie hoch ist der Anteil an Händlern in der Innenstadt?

Hackenberg: Es sind um die 65, 66 Mitglieder, zwei Drittel aus der Innenstadt. Viele sind auch bei Aktionen dabei, da haben wir keine Probleme. Jetzt stehen ja wieder unsere Ostereier- und Muttertagsaktion bevor. (Anmerkung der Redaktion: Wegen der durch die Corona-Krise bedingten vorübergehenden Schließung von Läden, die nicht für die Grundversorgung nötig sind, hat der Handelsverein die Osteraktion inzwischen abgesagt.)

Dalm: Der Vorstand verjüngt sich, wir gehen andere Wege, ein Thema ist die Digitalisierung. Wir haben inzwischen mehr junge als alte Mitglieder im Vorstand. Die Resonanz, sich zu engagieren, ist da.

Wenn wir den Kreis schließen: Können Sie sagen, ob sich abzeichnet, dass Leerstände gefüllt werden?

Hackenberg: Wie gesagt, Henry’s Coffee ist noch nicht vom Tisch. Aber es muss erst unter Dach und Fach sein, bevor man etwas sagen kann. Auch das Parkhaus haben wir noch nicht abgeschrieben, wir gehen das gelassen an. Es gibt gute Leute, die in Burgau etwas bewegen. Da tut sich schon was, gut Ding braucht eben manchmal eine Weile. Ich freue mich auf den neuen Edeka und das Hotel, dadurch wird sich auch etwas in der Stadt bewegen.

Dalm: Man muss sehen: Beispielsweise die ehemalige Post, in der heute eine Massagepraxis ist, oder Wohnungen in ehemaligen Läden, da ist auch Leben drin. Man sieht es nur nicht immer auf den ersten Blick.

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