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Kultur

28.06.2016

Happy Hund mit Risiken und Nebenwirkungen

Mit der ironisch-sarkastischen Komödie „Toutou“ macht das Neue Theater Burgau den Burgauer Schlosshof zur Sommertheaterbühne.
Bild: Kircher

Die Komödie „Toutou“ in Burgau spricht Hundeliebhaber und Hundehasser an und wird zum sommerabendlichen Vergnügen.

Zu viel wird noch nicht verraten, wenn man preisgibt, dass die Boulevardkomödie „Toutou“ des französischen Autorenteams Daniel Besse/Agnés Tutenuit (auch im Leben ein Paar, vermutlich mit Hund) stark an Becketts „Warten auf Godot“ erinnert. Da weiß bekanntlich, keiner, wer die titelgebende Hauptfigur ist, noch ob sie je erscheint. Bei der Aufführung des Neuen Theaters Burgau – als Sommerstück am Freitag im Schlosshof Open Air aus der Premiere gehoben – weiß man durch den Untertitel „Komödie ohne Hund“ zumindest, dass es um einen Wauwau (französisch „Toutou“) geht. Aber, ob der Titelrollen-Köter innerhalb der zweieinhalbstündigen Aufführung in Erscheinung tritt? Alles, was von seiner Existenz zeugt, ist eine Leine, die Herrchen Alex ohne den kläffenden Anhang vom Gassi gehen nach Hause zurückbringt. Toutou selbst ist weg. Hat sich davongemacht. Irgendwie. Einfach so!

Präzise Frage von Zoe, eheliche Mitbesitzerin: „Wohin?“. Ebenso präzise Antwort des verantwortlichen Gassiführers: „Das weiß ich nicht.“ Braucht es da mehr, um den Grundstein zu legen für ein innerfamiliäres Zähnefletschen, für ein Bellen und Beißen im trauten Ehezwinger? Egal, ob der Hund nun als geklaut zu betrachten ist oder nur auf eigenen vier Pfoten in der leinenlosen Freiheit rumschnüffelt, es knurrt und knirscht, und zwar gewaltig, in Bezug auf langjährig allein aufs Hundewohlsein abgestimmter Glücksmomente. Da ändert auch der telefonseelsorgerische Einbezug des im fernen New York weilenden Sohnes nichts.

Ein temporeicher Spielwitz

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Was aber macht nun einen, bis auf den Knochen blank gelegten Zweierbezug mit vereinsamtem Hundekorb, zur bitterbösen Komödie? Ganz einfach: Wie kann ein abendlicher Gassigeher in Frieden leben, wenn selbes der schönen Nachbarin auch gefällt? Jeden Abend! Im Dunkeln! Hunde freilaufend! Beide! Eben! Viel Platz für die Schieflage geheuchelter Herzensgeradlinigkeit. Für fortgeschrittenen Gefühlszwiespalt und sadomasochistisch blinzelnden Seelenharm. Der zum Vergnügen des Publikums mutiert, mit geschliffenen Dialogen und frei flutender Klischee-Edelauslese, textlich von Regisseurin Vera Hupfauer rigoros gekürzt, auf temporeichen Spielwitz jenseits von Klamauk und Schmiere abzielend.

Der mit dem Auftritt von Familienfreundin Paulette noch eine Steigerung erfährt. Denn sie, in sich selbst samt verdrängter Beziehungsprobleme schwelgend, raubt dem Hund den letzten Rest beglaubigten Edelmutes und blickt dem beginnenden Abschied ihres Freundespaares aus der Ehe in seiner ungeahnten Tragweite ins boshaft-lustspielende Auge. Fast koloraturhaft virtuos ihr Vollbad im Formenkanon von schäumender Wut und Weltentrückung, der mit Szenenapplaus belohnt wird – dem einzigen des Abends.

Ein sommerabendliches Theatervergnügen

Auf nicht gerade sanften Pfoten, mit Zynismus angereichertem Boulevardton und im Cocktailbestand gehobener Mittelstandskulisse (Bühne: Gebhard Waizmann) wird Toutou zum vierbeinig sommerabendlichen Theatervergnügen. Happy Hund mit Risiko und Nebenwirkungen. So manches Mal nämlich schwächelt das Stück wacker vor sich hin, ein paar weitere Kürzungen hätten ihm gutgetan. Aber, ein brillant aufeinander eingespieltes Darstellerteam hilft routiniert darüber hinweg. Marion Wessely, als Zoe eine schlagfertige Kampfhundkopie im verwaisten Hundekörbchen, Olaf Ude als Ehemann Alex, ein verhinderter Macho-Rüde im rolligen Nachbarinnenmodus. Und Dörte Trauzeddel, als Paulette sich des rechten Dranges nicht immer genau bewusst, entpuppt sich letztlich, trotz beziehungsakuter Entsagungsdramatik, als doch irgendwie guter Mensch. Und das überraschende Finale, mit dem die Regisseurin aufwartet – ein Furioso auf dem auf den Hund gekommenen Gefühlshorizont.

Weitere Vorstellungen sind am 1., 2., 8., 9., 14., 16., 17., 21., 22. und 23. Juli jeweils 20.30 Uhr im Burgauer Schlosshof, bei schlechter Witterung im Theater, Tellerstraße 12, Burgau. Karten unter 0172/4722204 sowie www.neues-theater-burgau.de.

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