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Interview

24.02.2018

„Ich bin im Laufe der Jahre immer ratloser geworden“

Pfarrer Heribert Singer ist ein freundlicher Mensch. Er lächelt auf dem Foto. Nicht zum Lachen zumute ist ihm, wenn er daran denkt, wie es weitergehen soll mit seiner Katholischen Kirche, für die er steht.
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Pfarrer Heribert Singer ist ein freundlicher Mensch. Er lächelt auf dem Foto. Nicht zum Lachen zumute ist ihm, wenn er daran denkt, wie es weitergehen soll mit seiner Katholischen Kirche, für die er steht.

Pfarrer Heribert Singer über die Pfarrgemeinderatswahl und den Stillstand in der Diözese

Herr Pfarrer Singer, am Sonntag werden in den Kirchengemeinden der bayerischen Diözesen die Pfarrgemeinderäte gewählt. Wie wichtig ist ein solches Gremium?

Es ist eine wichtige Unterstützung für den Pfarrer. Der Pfarrgemeinderat soll dem Geistlichen zur Seite stehen – und kann durchaus eigene Aktionen starten. Vor 50, 60 Jahren gab es Pfarrgemeinderäte nicht. Alles war auf den Klerus zentriert. Es ist jetzt allerdings so, dass wir zunehmend Schwierigkeiten bekommen, die Pfarrgemeinderäte zu besetzen. Das hat aus meiner Sicht auch damit zu tun, dass das Interesse vielleicht nicht an der Religion, aber doch an der Konfession schwindet.

Wie merken Sie das denn selbst – außer an leeren Gotteshäusern?

Ich fühle mich öfters nur als Beiwerk; als einer, der sich nur nach den Wünschen der Anderen richten soll. Da will sich ein Paar trauen und kommt zu mir. An sich ist das etwas Positives, weil es nicht nur auf dem Standesamt geschieht. Die Trauung mit dem Wortgottesdienst reicht aus für das Sakrament der Ehe. Das Paar will aber eine Messe. Und da werden die Gesichter dann lang, wenn ich dem Brautpaar erklären muss, dass feststehende Gesänge Teil der Liturgie einer Heiligen Messe sind – und nicht „Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk“. Inzwischen gehört die Mehrheit der Schulkinder in Günzburg keiner christlichen Kirche mehr an. In Reisensburg sind über 50 Prozent der Buben und Mädchen nicht getauft. Von den 40 Drittklässlern feiern dort 15 die Kommunion.

Kann man dieses Abwenden auch an der bevorstehenden Pfarrgemeinderatswahl festmachen?

Das kann man. Die Wahlausschüsse haben sich regelrecht geplagt, um genügend Kandidaten für die Pfarrgemeinderäte zusammenzubekommen. Die Zahl der Absagen war größer als die Zahl derjenigen, die sich für dieses Ehrenamt zur Verfügung stellen. Und ich weiß, dass es vielen meiner Kollegen ähnlich ergangen ist. Wenn ich meine Gemeinden betrachte, dann sieht es folgendermaßen aus: In Riedhausen stellen sich drei Frauen zur Wahl. Bisher hatten wir vier. Und bis zu sechs Pfarrgemeinderäte könnte es geben. In Reisensburg gibt es neun Kandidaten für neun Plätze. Dazu gehört auch die Filiale in Nornheim, aus der drei dieser neun Pfarrgemeinderäte kommen. Leider wird es in Leinheim keinen Pfarrgemeinderat mehr geben. Da stand ein einziger Kandidat in Aussicht. Mit ihm habe ich aber nicht gesprochen, weil es nicht einmal gelungen ist, einen Wahlausschuss zu bilden.

Gelingt kirchliche Gemeindearbeit ohne einen Pfarrgemeinderat?

Sagen wir mal so: Ein Pfarrer, eine Mesnerin und ein Organist können den Betrieb irgendwie am Laufen halten. Mit Lebendigkeit in einer Gemeinde hat das aber nichts mehr zu tun.

Die schwierige Suche nach den Kandidaten kann ein Indiz dafür sein, dass sich immer weniger für die Kirche in ihrer Freizeit einsetzen wollen. Aber auch die Wahlbeteiligung zeigt doch an, wie sehr dieses Gremium getragen wird.

Es ist in der Tat die Frage, ob ein Pfarrgemeinderat noch als repräsentative Vertretung durchgeht, wenn vielleicht nur zehn Prozent zur Wahl gehen.

2010 lag die Wahlbeteiligung in den bayerischen Bistümern bei fast 16 Prozent, vor vier Jahren waren es knapp unter 18,5 Prozent.

Mag sein. Aber das ist doch nicht der entscheidende Sprung. Es wird teilweise mit Briefwahl gearbeitet. Das bedeutet, dass alle wahrberechtigten Katholiken ab 14 Jahre Post nach Hause bekommen mit den Briefahlunterlagen. Dadurch kann die Quote zwar gesteigert werden, weil die Pfarrgemeinderatswahl so bekannter wird. Doch Wählen ist für mich auch ein aktiver Vorgang. Da wird nicht alles an einen herangetragen – höchstens auf Antrag.

Nach all dem, was Sie erzählen, steht es nicht gut mit der Katholischen Kirche.

Es fehlt auch Pfarrern der Mut, die Dinge offen anzusprechen und Probleme zu benennen. Diese Transparenz ist aber in der Diözese so nicht gewünscht. Dieser Eindruck hat sich jedenfalls in mir gefestigt.

Können Sie da konkreter werden?

Wir müssen Reformen mutiger angehen. Es gibt ein Papier der deutschen Bischöfe aus dem Jahr 2015, das sich „Gemeinsam Kirche sein“ nennt. Wie wird das in unserem Bistum aufgegriffen und in den Gremien behandelt? Das wollte die Priesterinitiative der Diözese Augsburg – das ist ein Zusammenschluss von 60 alten Haudegen – von ihrem Bischof wissen. Auf eine Antwort warten wir seit eineinhalb Jahren. Wir haben auch um einen Gesprächstermin bei Bischof Konrad Zdarsa nachgesucht. Vergeblich. Wir haben nie etwas gehört. Jetzt sagen und fragen wir nichts mehr, weil wir offenbar unseren Mund halten sollen.

Welche Themen würden Sie gerne ansprechen?

Beispielsweise, wie es um die Zulassung zur Kommunion bei konfessionsverbindenden Ehen steht. Oder – etwas heikler: Geschiedene Wiederverheiratete sind eigentlich vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen. Muss man da nicht weiterdenken und nach anderen Lösungen suchen? Es geht am Leben vorbei, wenn man sich diesen Fragen nicht stellt, sondern sie totschweigt. Momentan reiten wir auf einem toten Pferd. Das sehen Gläubige – und kehren der Kirche den Rücken, weil es nicht mehr ihre Kirche ist.

Wie sieht die Katholische Kirche hier im Jahr 2030 aus?

Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. Ich bin im Laufe der Jahre immer ratloser geworden. Interview: Till Hofmann

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