Newsticker

Biontech und Pfizer beantragen EU-Zulassung für Corona-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Im Alter in der Suchtspirale

Kreis Günzburg

16.11.2017

Im Alter in der Suchtspirale

Immer mehr ältere Menschen geraten in Abhängigkeit. Am häufigsten sind sie von Alkohol- und Medikamentensucht betroffen.
Bild: Ingo Wagner/dpa (Symbolbild)

Der Gemeindepsychiatrische Verbund befasst sich mit dem Thema, welche gravierenden Folgen Abhängigkeit bei älteren Menschen haben kann.

Was tun, wenn alte Menschen süchtig sind? Ein heikles Thema, dessen sich die Psychiaterin Henriette Jahn während des 7. Forums des Gemeindepsychiatrischen Verbunds annahm. Mit dieser Problematik sind zahlreiche Mitarbeiter der sozialen Einrichtungen und Dienste im Arbeitsalltag konfrontiert, aber auch viele pflegende Angehörige stehen vor der schwierigen Aufgabe, eine Suchterkrankung wahrzunehmen und die notwendige Hilfe zu aktivieren.

Wolfgang Mohr, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas, stellte zu Beginn des Workshops fest, dass immer mehr ältere Menschen in Abhängigkeit geraten. Am meisten verbreitet sind Abhängigkeiten von Medikamenten und Alkohol. Im Workshop konzentrierten sich die Teilnehmer im Wesentlichen auf die Alkoholsucht.

Es gibt, erklärte Dr. Jahn, durchaus klare Fragebögen, mit deren Hilfe ein Hinweis gegeben werden kann, ob bei einer Person eine Abhängigkeit vorliegt. Sechs Kriterien wurden aufgestellt, die auf ein Suchtverhalten hinweisen. Sind drei davon erfüllt, müsse man von einer Alkoholabhängigkeit sprechen. Die hat im Alter besonders gravierende Folgen, denn der Körper verträgt zum einen nicht mehr so viel Alkohol wie in jungen Jahren, zum anderen nehmen ältere Menschen sehr häufig verschiedenste Medikamente ein, die zu extremen Wechselwirkungen mit Alkohol führen können. Neben erhöhter Sturz- und Unfallgefahr, können auch Schwindel, Organschäden und Tumore die Folge sein. Bei einer immer längeren Lebenserwartung ist auch für einen älteren Menschen eine Suchttherapie sinnvoll und kann die Lebensqualität des Betroffenen verbessern.

Jede neu erreichte Ebene ist ein Erfolg

Alkoholabhängigkeit ist, so die Psychiaterin, eine chronische Erkrankung mit schweren körperlichen und psychischen Auswirkungen, die in der Regel immer wieder zu Rückfällen führen wird.

Die völlige Abstinenz kann in der Therapie also nicht als das alleinige Ziel definiert werden. Die WHO hat ein hierarchisches Modell mit sieben Ebenen, bei der Stufe um Stufe die Sucht zurückgedrängt wird. Jede neu erreichte Ebene ist ein Erfolg.

Doch bevor die Therapie greifen kann, muss erst einmal eine Sucht festgestellt werden. Dazu muss zunächst die Wahrnehmung sensibilisiert werden, beim Betroffenen wie in seinem Umfeld. Die Sensibilisierung der Angehörigen und des Pflegepersonals ermöglicht das Erkennen von Suchtverhalten. Doch ergeben sich besonders hier Hürden, die überwunden werden müssen, wenn Suchtkranke uneinsichtig reagieren. Hilfe finden nicht nur die Kranken, sondern auch die Pflegenden beim Sozialpsychiatrischen Dienst, der beratend tätig wird und, wenn es nicht anders möglich ist, auch ins Haus kommt, um direkten Kontakt mit dem Suchtkranken aufzunehmen. Der Gemeindepsychiatrische Verbund übernimmt hier auch eine wichtige Rolle bei der Vernetzung aller Komponenten wie Sozialstationen, Heime, Ärzte, pflegende Angehörige sowie bei der Sensibilisierung der Wahrnehmung von Sucht und ihrer Schädlichkeit durch frühzeitige Aufklärung, etwa durch Suchtfachbeauftragte in Firmen und Einrichtungen.

Heime nehmen nur ungern mehrere Erkrankte auf

Ist ein Suchterkrankter schließlich auf der Entgiftungsstation angekommen, so ist es nicht damit getan, ihn zu entgiften, erklärte Dr. Jahn. Eine solche Maßnahme sei nur sinnvoll in Kombination mit einer nachfolgenden Therapie, mit psychosozialer Begleitung und einem individuellen, altersentsprechenden Rehabilitationskonzept. Auch das Erlernen, mit dem Missbrauch umzugehen, kann bereits ein wichtiger und für einen alten Menschen womöglich ausreichender Entwicklungsschritt sein, bestätigte Psychiaterin Jahn die Anfrage eines Workshopteilnehmers. Doch auch hier gibt es Hürden, weiß Wolfgang Mohr. Denn die Betreuung alter, suchtkranker Menschen stellt ein spezifisches Problem dar. Heime nehmen ungern mehrere Erkrankte auf, weil diese einen speziellen und erhöhten Pflegebedarf haben und imageschädlich sind. Die psychosozialen Tagesstätten nehmen nur Personen bis zum Rentenalter auf. Darüber gibt es keine Neuaufnahmen, eine Situation, die sich aus der ursprünglichen Zielsetzung der Tagesstätten ergeben habe.

Über die Homepage des Bezirks Schwaben können die Informationen zu den Vorträgen und Workshops des 7. Forums des GPV heruntergeladen werden unter www.bezirk-schwaben.de

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren