1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. In Harthausen leben entfernte Verwandte der Queen

Dorfserie (9)

27.08.2019

In Harthausen leben entfernte Verwandte der Queen

Das Schloss prägt das Ortsbild von Harthausen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Der Ort wird vom Schloss geprägt. Er hat aber noch mehr zu bieten. Und auf dem Rentnerbänkle wird auch nicht nur über den großen und kleinen Adel geratscht.

Wer von Nornheim nach Remshart fährt, kommt unweigerlich durch Harthausen. Der Ort hat knapp 340 Einwohner, eine Hauptortsdurchfahrt, bestehend aus der Schloßstraße und in ihrer Verlängerung der Störchenriedstraße, und gehört seit 1970 zur Gemeinde Rettenbach. Und dann hat Harthausen auch noch ein Rentnerbänkle.

Ein Rentnerbänkle? Besagtes befindet sich an der Störchenriedstraße etwa in der Dorfmitte unter einem großen, alten Walnussbaum. Wobei von einem Bänkle eigentlich kaum die Rede sein kann: Drei massive Holzbänke und ein großer Tisch sind es.

Die älteren Bürger treffen sich am Rentnerbänkle

Wer an einem Dienstag- oder Donnerstagabend bei schönem Wetter vorbeifährt, sieht dort sehr wahrscheinlich eine größere Gruppe Rentner gemütlich beisammen sitzen, die ratscht, Karten spielt und Leberkässemmeln isst.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Die Idee zum Rentnerbänkle hatte Ernst Eberhard: „Ich war Metzger in Wasserburg. Als ich dann in Rente war, wurde es mir langweilig.“ Zusammen mit Josef Bucher und Peter Weiner wurde die Überlegung dann zu einer fixen Idee. Die drei und ein paar Freunde haben die Garnitur zusammengezimmert.

Seit fünf Jahren gibt es das Rentnerbänkle an der Störchenriedstraße. Die Senioren treffen sich jeden Dienstag- und Donnerstagabend zum Ratschen.
Bild: Lea Binzer

Seit fünf Jahren steht das Bänkle und kommt gut an – bis über die Ortsgrenzen hinaus. Und was ist im Winter? Grundstückseigentümerin Roswitha Fink stellte Räumlichkeiten direkt daneben zur Verfügung, die die Senioren renovierten. Ihnen ist aber wichtig, dass jeder kommen kann, ob jung oder alt. „Das sind dann auch schon mal 35 Personen“, sagt Ernst Eberhard.

Das Schloss Harthausen gehört seit 1568 der Familie von Riedheim

Einer, der auch ab und zu vorbeischaut, ist Freiherr Alexander von Riedheim. Er ist nicht nur Zweiter Bürgermeister der Gemeinde Rettenbach, sondern auch Besitzer von Schloss Harthausen mit seiner Rokoko-Fassade – ein imposantes Gebäude. Seit 1568 ist es, an der Schloßstraße gelegen, im Besitz der Familie, die heute noch im Gebäude lebt, zumindest in den Räumen, die beheizbar sind.

Freiherr Alexander von Riedheim erzählt, dass es in der Schlosskapelle bis vor ein paar Jahren noch öffentliche Gottesdienste gegeben hat.
Bild: Bernhard Weizenegger

Für die Öffentlichkeit ist das Schloss nicht zugänglich. Einzige Ausnahme war neben privaten Führungen bis vor ein paar Jahren die Schlosskapelle im Erdgeschoss: „Einmal im Jahr wurde hier ein Gottesdienst gehalten“, erklärt der Baron, wie die Harthauser Alexander von Riedheim nennen.

Doch es seien immer weniger Leute gekommen, sodass damit Schluss war. Eigentlich schade, denn das Schloss hat musealen Charakter und eine bewegte Geschichte. So war dort in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs die Kreisleitung untergebracht, anschließend besetzten es die Amerikaner. Von Riedheims Großmutter, eine Engländerin, schaffte es damals, das Schloss unter Denkmalschutz stellen zu lassen.

Doch der Erhalt ist eine Lebensaufgabe. Der Baron und seine Frau Monika versuchen, den Aufwand so gering wie möglich zu halten. Denn der Agraringenieur hat schon genug Arbeit: Er bewirtschaftet Äcker und ein Waldgebiet um Harthausen. Immerhin: Von seinen vier Kindern habe der älteste Sohn Interesse, das Schloss und somit das Familienerbe zu übernehmen.

Verwandt mit den von Stauffenbergs und dem britischen Königshaus

Dass die von Riedheims nicht nur mit den von Stauffenbergs, sondern auch entfernt über die Großmutter mütterlicherseits von Königin Victoria von England mit dem britischen Königshaus verwandt sind, weiß Karl Mayer, Leiter des Heimatmuseums in Rettenbach und regelmäßiger Rentnerbänkle-Geher. Er betreibt im ganzen Landkreis Ahnenforschung und hat schon über 6000 Personen zusammen.

Mesnerin Bettina Hoffmann kümmert sich um die Kapelle St. Alexander.
Bild: Bernhard Weizenegger

Und auch sonst ist und war in Harthausen schon immer was los, sagt Brigitte Hoffmann, seit etwa 25 Jahren Mesnerin der Kapelle St. Alexander und ebenfalls Rentnerbänkle-Mitglied. Die Kapelle steht auf dem Alexanderberg, nahe des Weihers, der sich vor dem Schloss befindet. Aber nicht nur Positives: Denn in den 70er Jahren wurden in der Kapelle die Figuren der Maria und des Johannes gestohlen. „Sie tauchten nie wieder auf und mussten nachgeschnitzt werden“, sagt Hoffmann. Nur drei Gottesdienste gibt es hier im Jahr, ansonsten ein paar Taufen und Familienfeiern.

Harthausen wurde im 12. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt

Die Ursprünge von St. Alexander gehen bis in die Römerzeit zurück, wie bei Renovierungsarbeiten in den 70er Jahren freigelegte Steinfunde bezeugen. Harthausen hingegen wird im 12. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt: in einer Schenkung von Adalgoz von Schwabeck. Eine Erklärung zum Ortsnamen hat Alexander von Riedheim: „Hart steht für Wald oder Gehölz. Mit Hausen ist eine Behausung gemeint. Somit handelt es sich bei Harthausen um eine Behausung im Wald.“

Neben St. Alexander befindet sich der 1803 gebaute Sommerkeller. Dorthin wurde die Schlossbrauerei 1912 verlegt, nachdem das ursprüngliche Gebäude am ehemaligen Standort vor dem Schloss abgebrannt ist. Die Brauerei gibt es nicht mehr. Von 1990 bis 2000 war dort eine Siebdruckerei untergebracht, erzählt von Riedheim.

Im Sommerkeller war schon einiges untergebracht: Schlossbrauerei, Töpferei und Siebdruckerei. Seit 2000 wird er von Vereinen als Proberaum genutzt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Seitdem wird der Sommerkeller unter anderem als Proberaum der Band Reset-Die Vollxrocker und vom Fanfarenzug des Carnevalsclubs Harthausen genutzt. Der mit 82 Jahren älteste gebürtige Harthauser, Georg Hiller, ebenfalls Rentnerbänkle-Gänger, erzählt, dass um 1946 ein Töpfer die Räume nutzte. „Der hatte aber kein glückliches Händchen. Da hat viel gescheppert. Wenn ihm was misslungen ist, hat er es den Berg runtergeworfen.“

Unterhalb der Kapelle St. Alexander am Kellerberg neben dem Kriegerdenkmal lädt eine neue, halbrunde Holzbank zum Verweilen ein. Von hier haben Radler oder Spaziergänger einen wunderschönen Blick auf den Weiher vor dem Schloss und das imposante Gebäude selbst. Die Bank haben die Rentnerbänkle-Geher zu ihrem fünfjährigen Bestehen am 30. Mai gespendet.

Wilhelm Nusser ist der älteste Harthauser

Wilhelm Nusser ist zwar nicht der älteste gebürtige Harthauser, aber mit 89 Jahren der älteste männliche Bewohner des Orts. Und wie es der Zufall will, ist seine Urenkelin Katharina Klaußer die jüngste Harthauserin, die erst wenige Wochen alt ist. Trotz seines hohen Alters wohnt Nusser immer noch alleine.

Ältester Harthauser ist der 89-jährige Wilhelm Nusser, hier mit Urenkelin Katharina Klaußer auf dem Arm. In der Mitte Enkelin Bettina Klaußer und Tochter Evi Ruder.
Bild: Bernhard Weizenegger

Doch seine zwei Töchter und Enkelinnen wohnen gleich daneben – vier Generationen, aufgeteilt auf die Schloßstraße 3 bis 9. Nusser kam vor über 60 Jahren nach Harthausen, der Liebe wegen. Was sich im Dorf am meisten verändert hat? „Die Zahl der Bauernhöfe ist stark zurückgegangen,“ sagt der gebürtige Leinheimer, der selbst in einen Bauernhof hineinheiratete.

Fast jeder Dorfbewohner ist Mitglied in einem Verein

Neben dem Rentnerbänkle gibt es noch eine weitere Besonderheit in Harthausen: Fast jeder Dorfbewohner ist in einem der zahlreichen Vereine Mitglied. Da gibt es neben dem Carnevalsclub etwa den Veteranenverein, der dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feierte, die Schützengesellschaft und die Freiwillige Feuerwehr, die seit 140 Jahren existiert – um nur ein paar zu nennen.

Thomas Eberhard, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Harthausen, ist stolz auf das neue Feuerwehrauto, das vergangenes Jahr eingeweiht wurde.
Bild: Bernhard Weizenegger

Das neue Feuerwehrauto ist der ganze Stolz von Kommandant Thomas Eberhard. Es ersetzte das alte von 1974. Und dann gibt es auch noch das Containerteam. Dabei handelt es sich aber nicht um einen Betrieb für Abfallentsorgung, sondern um eine Jugendgruppe, die sich in einem sanierten Baucontainer etwas außerhalb des Dorfs trifft, wie Valentin Eberhard erklärt. Er ist einer von zwei Organisatoren des Teams, das seit 2015 existiert. Wichtigste Aufgaben der 32-köpfigen Mannschaft: einmal im Jahr das Dorffest in Harthausen organisieren und einen Faschingswagen für die Umzüge in der Umgebung bauen.

In Harthausen fehlt nur ein Wirtshaus

An was es in Harthausen allerdings mangelt, ist ein Wirtshaus. Bis 2007 gab es noch die Schloßschenke. Laut Alexander von Riedheim ist dort zwar wieder etwas im Kommen, aber keine Gaststätte. Schade, vielleicht wäre die Queen dorthin einmal zum Teetrinken zu ihrer entfernten Verwandtschaft gekommen. Zum Glück gäbe es für den (eher unwahrscheinlichen) royalen Besuch Schloss Harthausen als Ausweichmöglichkeit.

Lesen Sie auch die vorherigen Folgen unserer Dorfserie:

Haupeltshofen: Wo die Züge drei Mal pfeifen

Schon Thomas Gottschalk stattete Limbach einen Besuch ab

Erst langsam wächst Ebersbach zusammen

Die letzte Zusam-Mühle steht in Uttenhofen

Leinheim: Das Gallische Dorf zwischen A8 und alter B10

Erisweiler: Ein Dorf, zwei Familien und eine filmreife Kulisse am Radweg

Glöttweng ist die Heimat von Barfußpark und Oswald-Braten

Zehn Mal mehr Kühe als Einwohner: So schön lebt es sich in Marbach

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren