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Reisensburger Schlossgespräche

02.04.2012

Jeder Achte ist betroffen

Professor Jörg Fegert referierte bei den Reisensburger Schlossgesprächen über sexuellen Missbrauch in der Kindheit.
Bild: Konrad Dreyer

Professor Jörg Fegert klärt bei seinem Vortrag über die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit auf

Reisensburg Es war ein ernstes Thema bei den Reisensburger Schlossgesprächen, die jetzt zum zehnten Mal im Günzburger Stadtteil stattfanden. Professor Jörg Fegert sprach dort vor etwa 70 Hörern über das Thema „Sexueller Missbrauch in der Kindheit, die Bedeutung für das weitere Leben“. Was die etwa 70 Hörer schockierte, war die hohe Zahl der Betroffenen. Laut einer Studie sind 12,5 Prozent der Bevölkerung, also jeder Achte, von sexuellem Missbrauch betroffen.

Die Volkshochschule Günzburg hatte den Experten für den Vortrag gewonnen. Jörg Fegert ist Gründer und Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm. 2010, so der Referent, sei die Problematik in den Medien besonders ins Blickfeld gerückt, denn die Opfer des sexuellen Missbrauchs, die sich damals an die Presse wandten, seien alle gut situierte Männer gewesen. „Gleichzeitig handelte es sich bei den Schulen, in denen der Missbrauch stattfand um regelrechte Kaderschmieden“, erklärt der Referent.

Die Politik habe sich gezwungen gefühlt, zu handeln. Der „runde Tisch sexueller Kindesmissbrauch“ wurde gegründet. Zu den 59 Mitgliedern zählte neben den Ministern Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Kristina Schröder und Annette Schavan auch Professor Fegert. Gleichzeitig begann Bundesministerin a. D. Christine Bergmann eine telefonische Anlaufstelle aufzubauen. Opfer, Angehörige, aber auch Täter riefen dort an. Dabei wurde es den Betroffenen freigestellt, ob sie ihre Aussagen anonym einer Begleitstudie zur Verfügung stellen wollten, erklärte Fegert. Mit 20000 Aussagen sei daraus eine Studie des unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs (UBSKM) entstanden, die Fegert in Reisensburg vorstellte. Anhand der Häuser-Studie stellte der Referent dar, dass sexueller Kindesmissbrauch mehr Menschen betreffe als gemeinhin angenommen. So seien 12,5 Prozent der Bevölkerung von sexuellem Missbrauch betroffen.

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„Dabei können sich Opfer nicht auf ein allgemeines Verständnis beziehen, wie es bei anderen Traumata, die jeder nachvollziehen kann, der Fall ist“, sagte Fegert: „Das ist der große Unterschied.“ Ein weiteres großes Problem sei die Tatsache, dass Kinder „sexuellen Missbrauch zum Zeitpunkt der Tat als normal empfinden.“ Erst in der Pubertät würden die Opfer realisieren, was ihnen angetan worden ist. Dazu kommt, dass „Kinder oft Scham- und Schuldgefühle haben“, berichtete Fegert.

Außerdem sei es früher vorgekommen, dass Eltern ihren Kindern nicht glauben wollten, dass sie sexuell missbraucht wurden. „Es kommt sehr darauf an, dass man den Kindern glaubt“, betonte Fegert. Das habe sich in den vergangenen Jahren stark geändert. Der Professor sagte dem nachdenklichen Publikum: „Wir haben eine Bringschuld, was die Aufklärung der Kinder zum Thema sexueller Missbrauch angeht.“

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