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Interview mit Karl Alt

13.10.2008

"Jetzt sehen wir, was der Lieferstopp bringt"

Jetzt nicht nachlassen und wie beim Milchlieferstopp wieder zusammenstehen: Das ist der Appell von Karl Alt aus Münsterhausen. Der 47-jährige Landwirt ist seit drei Jahren Kreisvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM).

Für ihn steht und fällt der Erfolg des zehntägigen Milchlieferstopps im Mai mit der Resonanz bei der Milchparade am Donnerstag und der Entscheidung im Bundesrat, ob die Zukunft einen besseren Auszahlungspreis bringt.

Wie haben Sie den 27. Mai, den ersten Tag des Milchlieferstopps, in Erinnerung?

Alt: Viele Telefonate. Sehr viele Telefonate. Für etwas anderes blieb nicht mehr Zeit übrig. Ich musste mit Mitgliedern sprechen. Und den vielen Nichtmitgliedern, die sich beteiligt haben und informiert sein wollten. Alles war recht kurzfristig und spontan. Damit war viel Organisationsarbeit verbunden.

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Oft wurde kritisiert, dass die Aktion überzogen und radikal war.

Alt: Klar ist: Die Milch wegzuschütten, das ist das allerletzte Mittel. Als der BDM-Bundesvorsitzende Romuald Schaber angekündigte, dass er seine Milch zu Hause lässt, hat er auch klar gesagt, dass die Molkereien zuvor zu keinen Gesprächen bereit gewesen waren. Der BDM hatte sie dazu aufgerufen, doch die Molkereien sahen keine Notwendigkeit. Das war der Grund für den Streik. Die Molkereien hatten zuvor sinkende Preise prognostiziert.

Hatten Sie nicht moralische Bedenken, ein wertvolles Lebensmittel wegzuschütten?

Alt: Es ist nicht einfach, zuzuschauen, wie seine tägliche Arbeit im Gulli verschwindet. Das kostet Überwindung und es bedurfte auch Standhaftigkeit in der Familie, um es durchzuziehen. Es war auch Kapital, das abgeflossen ist. Es hat jeden hart getroffen. Es gab ja keinen Ausgleich wie in einer Gewerkschaft. Es war auch verständlich, wenn der eine oder andere gesagt hat, dass er es sich nicht leisten könne. Allerdings: Wenn der Milchpreis sinkt, dann muss er es sich auch leisten können.

Die Aktion dauerte zehn Tage und rief ein großes Echo hervor. Vor allem der Zusammenhalt unter den Landwirten wuchs.

Alt: Das war in dieser Zeit unwahrscheinlich. Das war gigantisch. Man hätte das nie geglaubt und nicht erwartet. Es herrschte Aufbruchstimmung in ein neues Zeitalter.

Wann gab es so etwas zuletzt?

Alt: Vielleicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber sonst nicht mehr.

Der Bauernverband monierte trotz der Hochstimmung, dass auf den Dörfern ein Streit entbrannt sei: Auf der einen Seite die Streik-Unterstützer, auf der anderen diejenigen, die sich nicht den Zielen des BDM anschlossen.

Alt: Dass nicht immer alle einer Meinung sind, das ist nicht nur in der Landwirtschaft so. Man kann es mit den Gewerkschaften vergleichen: In den Betrieben gibt es ebenfalls Meinungsverschiedenheiten. Vonseiten des BDM wurde aber immer wieder betont, dass die Aktion zwanglos ist.

Der BDM kritisierte damals den Schlingerkurs des Bauernverbands und vor allem Präsident Sonnleitner.

Alt: Es war im Nachhinein eine sehr ungute Haltung gegenüber den Mitgliedern, zumal viele auch im BDM organisiert sind. Ich war selbst 22 Jahre Ortsobmann des Bauernverbands und habe bis zum Schluss beide Standpunkte vertreten. Während des Milchlieferstopps konnte ich dann aber die Haltung des BBV nicht mehr verstehen. Und letzten Endes auch nicht mehr akzeptieren. Ein Verband sollte ohne Einschränkungen für ein besseres Einkommen seiner Mitglieder kämpfen. Der BBV hätte also uneingeschränkt hinter dem Lieferstopp stehen müssen. Letztendlich gab es nichts zu verlieren. Und die Chance war einmalig.

Was hat der Lieferstopp unter dem Strich tatsächlich gebracht?

Alt: Vom BBV wird immer wieder kolportiert, dass er nichts gebracht hätte. Ein Teilerfolg war, dass Politik und Wirtschaft Gesprächsbereitschaft gezeigt haben und der Landwirtschaft gegenüber offen waren. Das war früher nicht der Fall. Nächste Woche wird im Bundesrat über unsere Forderungen entschieden. Dann sehen wir, ob die Aktion ein Erfolg war und die Politik hinter uns steht.

Kann die Politik überhaupt etwas bewirken? Schließlich diktiert der Einzelhandel das Preisgefüge.

Alt: Sie kann. Die Frage ist, wem sie mehr Zugeständnisse macht. In den letzten Jahren war es vermehrt die andere Seite.

Was passiert, wenn sich die Politik auf die Seite der Milchindustrie schlägt? Kommt es wieder zum Lieferstopp?

Alt: Ich glaube nicht daran.

Warum?

Alt: Wir haben derzeit keine Mehrheiten für eine solche Aktion. Das heißt: Viele können es sich finanziell kein zweites Mal leisten. Außerdem ist momentan die Stimmung unter den Milchbauern nicht gut. Schließlich sind die Ergebnisse des ersten Lieferstopps nicht offensichtlich. Und es wird immer propagiert, dass es nichts gebracht hat. Das hat sich in vielen Köpfen festgesetzt.

Viele haben sich auch die Frage gestellt, warum der BDM mit Aktionen nicht noch mal vor der Landtagswahl in Bayern den Druck erhöht hat.

Alt: Im BDM galt von Anfang an die Devise, dass er sich politisch nicht engagieren wird. Wir wollen unabhängig sein und es auch bleiben.

Aber die Frage ist doch, ob man Druck auf die bayerische Mehrheitspartei ausübt und die Daumenschraube anzieht. Und damit Erfolg hat.

Alt: Das ist wohl richtig. Aber man darf nicht vergessen, dass der BDM auf einer anderen politischen Ebene aktiv ist. Deshalb ist die Landtagswahl nicht entscheidend gewesen. Sie ist aber richtungsweisend. Sich stärker zu engagieren, hätte wohl keinen Sinn gemacht.

Stärker engagieren sollen sich jetzt die Landwirte bei der Milchparade.

Alt: Es ist absolut wichtig, dass möglichst viele erscheinen. Aber bis jetzt ist die Resonanz eher schwach. Viele müssen jetzt auf dem Feld viel Arbeit verrichten. Trotzdem geht es jetzt darum, für den Preis seines Produkts zu kämpfen.

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